INTERVIEW

Wolfgang Murnberger im Gespräch über SILENTIUM

 

Es gibt Elemente der Literatur und es gibt Elemente des Films. Wenn ich versuche, die Elemente der Literatur in den Film zu übertragen, werde ich scheitern. Ich muss, die anderen Elemente, die auch im Buch drinnen sind, wahrnehmen. Wolfgang Murnberger über seine Verfilmung des Wolf Haas- Krimis Silentium

 

Einen zweiten Wolf Haas-Roman zu verfilmen, heißt nicht mehr alle Anfangshürden einer Romanadaptierung überwinden zu müssen. Wo hat sich nun die Herausforderung im besonderen bei Silentium gestellt?

WOLFGANG MURNBERGER: Die Herausforderung war die, nach dem Erfolg von Komm, süßer Tod nicht den Eindruck zu erwecken, dass mit zwei veränderten Akkorden ein paar Monate später der gleiche Hit produziert wird. Das war die erste Voraussetzung. Im Roman Silentium ist die Handlung bezüglich Aktion nicht so bewegt gewesen wie in Komm süßer Tod, aber der Kriminalfall war noch mysteriöser und wir nahmen uns deshalb vor, mehr in Richtung Spannung, Bedrohung und Thriller, weniger auf Krimi zu gehen. Das war die Aufgabe.

 

Wie steht der Drehbuchautor Wolf Haas zu seinem Original?
WOLFGANG MURNBERGER: Das Tolle bei Wolf Haas ist, dass er nicht gleich sagt, das ist aber zu weit weg vom Roman. Er versteht es, dass es oft wichtig ist, sich weiter von der Handlung zu entfernen um das Feeling, das der Roman beim Lesen erzeugt, filmisch zu erreichen. Es gibt Elemente der Literatur und es gibt Elemente des Films. Wenn ich versuche, die Elemente der Literatur in den Film zu übertragen, werde ich scheitern, denn das kann die Literatur besser. Ich muss, die anderen Elemente, die auch im Buch drinnen sind, wahrnehmen. Wenn da z.B. ein Satz steht "Brenner kommt sich wie ein Tischfußballmännchen vor", dann kann ich aus diesem einen Satz eine Drei-Minutensequenz im Film machen. Man schafft es so, auf einem Umweg dem Roman näher zu kommen, als wenn wir ganz werkgetreu wären. Wenn wir uns bemüht hätten, den Roman ganz werkgetreu zu verfilmen, dann wäre er bezüglich der Turbulenz der Handlung eher spröde geworden und das wollten wir auf keinen Fall sein.

 

Der Film ist als Ganzes blutiger und brutaler als Komm, süßer Tod.

WOLFGANG MURNBERGER: Ich hoffe, er ist vor allem spannender. Komm, süßer Tod hat schon auch sehr brutale Elemente. Wenn der Rettungsfahrer z.B. der Krankenschwester anstatt sie Mund zu Mund zu beatmen, Mund zu Mund die Luft absaugt, dann ist das auch sehr heftig. In Komm, süßer Tod war es nur so, dass viel mehr lustige Dinge vorkamen, die haben die Brutalität mehr zugedeckt. Und wenn in den Romanen von Wolf Haas eine Bluttat passiert, dann ist das auch immer sehr explizit geschildert. Ich denke nur an die blutverschmierten Wände beim Mord an der Köchin und da darf der Film um nichts nachstehen.

 

 Mit dem Kommissar Brenner ist seit dem letzten Film ein sozialer Abstieg passiert?

WOLFGANG MURNBERGER: Wir haben uns ganz zu Beginn des Schreibens gefragt – Was ist aus dem Brenner geworden, wo steht er jetzt? Und da sagten wir uns, wenn er sich schon in einer Hochkulturstadt befindet, ist es am besten, wenn er ganz tief unten ist, dann wird der Kontrast schöner. Das war die dramaturgische Überlegung.

 

Die idyllische Stadt Salzburg kommt gar nicht gut weg.

WOLFGANG MURNBERGER: Die Frage ist grundsätzlich – ist z.B. Der Dritte Mann ein kritischer Film über Wien? Ich kann es nicht beurteilen. In Wirklichkeit benutzen wir die Kirche und die Festspiele, um ihnen etwas anzudichten und wir versuchen immer – es kommen ja auch immer Vergleiche mit St. Pölten und den aktuell diskutierten sexuellen Übergriffen in der Kirche – zu betonen, dass es kein kritischer Film ist, sondern ein Unterhaltungsfilm.

 

A Einer der Höhepunkte vom Tempo und filmischen Aufwand ist sicherlich die Verfolgungsjagd im Parkhaus.

WOLFGANG MURNBERGER:Da haben wir zwei Nächte Zeit gehabt, Gott sei Dank. Ich hätte die Szene gerne noch schneller gehabt. Unser Problem war, dass es bei den Dreharbeiten im November in der Nacht schon so kalt war, dass die Fahrbahn angeeist war und die Autos der Stuntmen die Wand touchierten. Wir konnten deshalb beim Drehen nicht ans Limit gehen. Wir haben die Szene dann in der Schnittmontage beschleunigt.

 

Wie gehen Sie an derartige Szenen heran?

WOLFGANG MURNBERGER: Ich überlege mir Kameraeinstellungen und Auflösungen mit dem Kameramann. Wir wissen im Vorhinein genau, was wir wollen und schauen dann, was wir schaffen. Ich glaube, wir haben pro Nacht 25 Einstellungen gedreht. Sehr viel aus der Hand, sehr viel sehr schnell. Zwei Nächte ist in Wirklichkeit nichts für diese Szene. In einem Hollywoodfilm wird für die gleiche Szene im Drehbuch sicherlich eine Woche oder noch länger gedreht. Es hat aber natürlich auch sein Gutes, wenn man von finanziellen Zwängen doch auch wieder eingeschränkt wird, sonst fallen einem ja dauernd solche Sachen ein wie den Machern von Blues Brothers, wo die Action ständig Kapriolen schlägt! So haben wir auch eine Action-Verfolgungsjagd, das Schöne dran ist, dass alles unglaublich lapidar endet und eben nicht großartig explodiert. Das ist eine Art von Schmäh, der mir sehr gefällt. In einem amerikanischen Film hätte alles explodieren müssen. Ich mag es, so einen Aufwand zu treiben, um dann etwas ganz Lapidares zu machen. So kann man meiner Meinung nach den literarischen Schmäh von Wolf Haas filmisch beschreiben. In Komm, süßer Tod gibt es die Eröffnungsszene, man hört im Hintergrund die Geräusche eines Unfalls und dann macht es "wupp", es gibt weder Zeitlupe, noch eine Auflösung mit fünf Kameras noch eine Explosion. Das ist, wo man filmisch Wolf Haas am nächsten kommt. Bei den Dialogen und Charakteren ist es ja ohnehin relativ einfach. Wirklich interessant ist es aber, wenn man der Sprache des Romans filmsprachlich nahe kommen kann.

 

Wie erfolgt die Teamarbeit beim Schreiben?

WOLFGANG MURNBERGER: Grundsätzlich ist uns wichtig, hier nicht spezielle Dinge einzelnen Personen zuzuschreiben. Zunächst wird gemeinsam konzipiert, ohne Dialoge zu schreiben, da wird nur darüber geredet, was sein könnte. Dann bekommt einer das Ganze und schreibt. Wenn er fertig ist, gibt es wieder ein Treffen, jeder hat dann schon die Fassung gelesen und der, der geschrieben hat, versucht seine Version durchzubringen. Das ist recht lustig. Wir haben das Buch im November 2002 begonnen und zwei Wochen vor Drehbeginn, im August 2003, waren wir fertig. Durch die Romanvorlage war viel da. Man muss nur entscheiden, was man aus dem Roman nimmt, was man zusätzlich braucht. Berti ist ein Spezialfall, den gibt es im Roman nicht, da musste man überlegen, wie man ihn wieder einbaut.

 

Der Schnitt von Silentium ist besonders schnell.

WOLFGANG MURNBERGER: Wenn ich so einen Film mache, dann versuche ich, die Langsamkeit, die dem österreichischen Film oft anhaftet, loszuwerden.

 

Das Budget war sicherlich größer als das von Komm süßer Tod?

WOLFGANG MURNBERGER: Ich glaube, es lag bei ca. drei Millionen. Es war deutlich mehr, aber letztendlich wieder zu wenig. Aber wenn man sich überlegt, wie viele Locations da drinnen vorkommen. Normalerweise hat man ungefähr ein Drittel schlimme Motive in einem Film, wo es hart hergeht, dann so halbschwere Motive und dann kommen die gemütlichen Motive - Wohnzimmer, Küche, Straße bei Tag ist auch nicht so schlimm. Auto ist auch gar nicht so schlimm, wenn nicht gerade Winter ist. Aber bei Silentium war es die Hölle. Außer an das Büro des Festivaldirektors kann ich mich an wenig normale Motive erinnern, wo ich sagen könnte, da haben wir's ein bisschen gemütlicher gehabt. Es gab sehr viele Außen-Nacht-Drehs, am Mönchsberg, in Salzburg, es gab die unterirdischen Gänge in Schwechat, in der Kirche in der Karthause Mauerbach war es drinnen kälter als draußen. Die Szenen in der Dusche sind in einer aufgelassenen Fabrik im Winter gedreht worden. In den Duschen war alles kalt und nass und außerhalb der Dusche waren die Duschräume staubig und schlimm. Wir hatten 39 Drehtage. Es ist mir sehr kraftraubend vorgekommen von den Dreharbeiten her, schwerer als Komm, süßer Tod obwohl die Dreharbeiten auch nicht ohne waren! Die Schauspieler haben sehr tapfer mitgehalten, das muss man sagen und das Team war großartig! Bei Komm, süßer Tod hatten wir in der letzten Woche einmal nach achtzehn Stunden Arbeit Drehschluss um drei Uhr Nachts und Drehbeginn am nächsten Morgen um fünf Uhr Früh, weil wir den Sonnenaufgang haben wollten. Da braucht man ein Team das so etwas mitmacht! Ich habe damals nach Drehschluss dem gesamten Team aus Dankbarkeit versprochen, dass jeder, sollte es noch einen "Brenner-Film" geben wieder dabei ist! Darüber haben sich damals alle gefreut. Und so war es auch. Beide Filme habe ich mit demselben Team gemacht. Die gesamte Drehzeit war aber leider noch härter zu als bei Komm, süßer Tod und es steigerte sich in der letzten Woche an die Grenze des Zumutbaren. Das ist z. B. ein Drehtag, bei dem du zum eigentlichen Drehschluss gerade mit dem Programm fertig geworden bist, das vom Tag davor übrig geblieben ist. Dann kommt der Produktionsleiter mit einem sehr langen Gesicht aufs Set. Produktionsleiter: Eigentlich ist jetzt Drehschluss! Regie: Eigentlich hast recht! Produktionsleiter: Und ihr habt's vom Tagesprogramm noch gar nichts gedreht? Regie: Doch, zwei Einstellungen. Produktionsleiter: Und wie viele hast du noch geplant? Regie: Achtzehn bis zweiundzwanzig! (Da entstand automatisch eine längere Nachdenkpause. Hier möchte ich kurz Einfügen: Es ging um den Showdown in der Dusche! Wenn wir beim Drehen schnell waren schafften wir eine Einstellung in einer halben Stunde!) Produktionsleiter: Kann man da nicht ein paar Einstellungen streichen? Regie: Eigentlich nicht. Du weißt, es geht um die Schlussszene die drehe ich nicht in zwei Halbtotalen! Produktionsleiter: Ein Wahnsinn! Regie: Finde ich auch! Nach Drehschluss haben ein paar Leute vom Team gesagt, ich brauche ihnen diesmal nicht versprechen, dass sie beim nächsten Brenner-Film wieder mit dabei sein dürfen! Aber das haben sie scherzhaft gemeint!

 

Was steckt hinter der Idee, die Vorspannsequenz, in Form eines Amateurfilms zu präsentieren?

WOLFGANG MURNBERGER: Im Roman nimmt die Zeit im Bubeninternat in den siebziger Jahren sehr viel Platz ein, wie das gewesen sein kann, als Gottlieb vom Erzbischof belästigt wurde. Und wir dachten, dass dieser "Amateurfilm" ein gutes Mittel ist, ein Feeling für die Zeit zu transportieren. Es ging nur darum, dass man diese Zeit, in der die sexuellen Übergriffe stattgefunden haben, ein bisschen in die Gegenwart holt. Es ist sehr schwer, in einem Duschraum, wenn alle nackt sind, die Zeit festzumachen. Deshalb ist das in diese Montage eingebettet, in der z.T. Privatmaterial von Teammitgliedern verarbeitet ist. Das war eine sehr schöne Arbeit.

 

Haas Krimis sind Anti-Krimis, Brenner ist ein Anti-Held, aber es gibt diesmal so etwas wie ein Happy-End für den Brenner, oder doch nicht?

WOLFGANG MURNBERGER: So ein glattes Happy-End ist fad, aber ganz trostlos sollte es auch nicht ausgehen. Wir versuchen da immer einigermaßen die Kurve zu kratzen. Für den Fitz geht es ja nicht so gut aus. Und sonst ist es so, wie im wirklichen Leben. Reiche, angesehene Bösewichte können es sich halt immer wieder irgendwie richten. Aber das soll jetzt keine Gesellschaftskritik sein. Wichtig war uns, dass Gottliebs Frau umfällt. Sie wollte "Gerechtigkeit für ihren Mann". Aber nicht, wenn der Papa und mit ihm die eigene Stellung daran Schaden leidet.

 

Wie ist der letzte Schwenk auf die Wiese zu verstehen?

WOLFGANG MURNBERGER: Wir wollten den Film nicht ganz in Tristesse aufhören lassen. Es passt nicht zu einem Brenner-Roman, dass man in gedrückter Stimmung aus dem Kino geht. Es gefällt mir, wenn dann einfach wieder das banale Leben einsetzt. Ganz egal, was passiert, es gibt immer wieder den Tag danach, wo man sich das Frühstück wieder selber machen muss. Und so ist es da auch. Die Idee für den Schwenk auf den Straßenrand ganz zum Schluss ist wieder so eine Verweigerung der üblichen Filmsprache. Denn normalerweise sieht man jetzt auch schon in jedem billigen RTL-Movie diese typische Hochfahrt der Kamera in die Schlusstotale. Habe ich auch schon gemacht! Aber manchmal muss man dem Gewohnten wieder etwas Unerwartetes entgegen setzen. Es war wirklich ein langer Dreh. Und als Brenner mit Berti und der Apothekerin mit ihren dringenden Arzneimitteln, endlich hinter dem Horizont verschwinden, lässt der Kameramann den Schwenkhebel einfach aus und geht auch nach Hause! Die Kamera, wie immer eher kopflastig, kippt nach vorne und beschert uns ein banales Schlussbild.

 

Interview: Karin Schiefer  (2004)