INTERVIEW

Paul-Julien Robert über MEINE KEINE FAMILIE

 

«Für mich war wichtig, dank des Archivmaterials vieles emotional zu begreifen, was ich bis dahin nur intellektuell erfasst hatte. Es zuzulassen und zu sagen „Das bin ich, das habe ich erlebt“, war gewiss der schwierigste, aber auch der wichtigste Schritt.» Paul-Julien Robert über Meine keine Familie.




Die Geschichte Ihrer Kindheit ist eine persönliche und eine kollektive zugleich. Welcher Aspekt hat Sie angetrieben, einen Film über ihre Kindheit in der Kommune Friedrichshof zu machen.
Paul-Julien Robert: Eine Neugier. Ich wollte mehr darüber wissen, meine eigene Erinnerung bestätigen bzw. hinterfragen. Schauen, wie dieses Kind diese Zeit erlebt hat. Ich spreche noch oft von mir selbst als „dieses Kind“, wenn es um mich in meiner Kindheit geht.

Gab es eine Zeit, wo Sie mit sich gehadert haben, ob Sie das Thema filmisch angehen sollen?
Paul-Julien Robert: Ja, ich habe sehr lange mit mir selbst gehadert. Ich wollte den Film auch nicht so persönlich machen. Ich hatte zunächst alleine an dem Projekt gearbeitet, wo es noch mehr um Christian, einen meiner möglichen Väter, ging. Ich wollte zunächst mehr über ihn herausfinden, mehr darüber wissen, was damals passiert ist und deshalb eine Recherche mit Fokus auf ihn machen. Ich wusste, dass es sehr starke Aufnahmen von seiner letzten Selbstdarstellung gab. Ich wusste auch, dass es, sobald ich das Thema Kommune anfasste, nur einen richtigen Weg gab, es anzugehen. Diesen Zugang zu finden, war die Schwierigkeit, vor der ich stand. Irgendwann war der Punkt da, wo eine Produktionsfirma mit mir zusammenarbeitete und wir uns an diesen persönlichen Zugang wagten. Was ich Anfang an wusste, war, welchen Film ich nicht machen wollte...

...das war?
Paul-Julien Robert: Ich wollte weder einen Film über die Kommune machen, noch über eine Ideologie reden, die ich nicht erlebt habe. Ich wollte nicht über andere Leute sprechen. Die anderen Sichtweisen wollte ich auch über andere Protagonisten einfangen.

Es waren also nicht Gefühle wie Wut, Zorn oder Ohnmacht, die als Auslöser oder Katalysator für dieses Projekt dienten?
Paul-Julien Robert: Nein. Da war vielmehr Respekt vor der ganzen Geschichte und eine Überforderung mit diesem Riesen-Thema. Ich wollte schon auch genau hinschauen und die Chance nützen, diesen Mikrokosmos, der 20 Jahre lang existiert hat und der dann wieder zerfallen ist, aus der zeitlichen Distanz zu betrachten, wo man nun viel verstehen und sehen kann.

Hat Sie einer Ihrer ersten Wege ins Archiv geführt?
Paul-Julien Robert: Ja, genau. Ich habe auch viele Gespräche mit ehemaligen Kommunarden geführt, aber es ging im Vorfeld vor Drehbeginn in erster Linie um Christian Anxionnaz, auch sehr viel um meine Mutter und dann war natürlich sehr viel Arbeit im Archiv. Es wurde damals unheimlich viel dokumentiert und entsprechend umfassend ist heute der Archivbestand. Am Anfang war natürlich jede Kassette total aufregend. Es gibt rund 5000 Kassetten, d.h. an die 10.000 Stunden Material. Das meiste wurde beschriftet und ein bisschen kategorisiert. Die letzten fünf, sechs Jahre wurden nur noch die gemeinsamen Treffen gefilmt, die einmal täglich stattgefunden haben und dann noch gelegentliche Essen mit Otto Mühl. Zuvor jedoch wurde sehr viel Alltag auch gefilmt, die Kinder beim Spielen etc. In den siebziger Jahren war alles noch auf Super-8, aus dieser Zeit gibt es nicht so viel Material. Aber ab den achtziger Jahren wurde täglich gefilmt. Ich habe ganz gezielt nach der Zeit gesucht, als sich Christian umgebracht hatte. Ich wollte wissen, was damals dann am Friedrichshof los war. Ich suchte nach den VHS-Kassetten, die mit diesem Datum versehen waren und hab dann auch sehr schnell die Aufnahmen von Christians Selbstdarstellung gefunden und mir diesen ganzen Abend angeschaut, der allein an die drei Stunden dauert. Dann begann ich nach Stellen mit mir zu suchen. Ich denke, ich habe 300 bis 400 Stunden gesichtet und mir über 500 Stunden einen Überblick verschafft, es war gewiss auch eine Glückssache, worauf ich gerade gestoßen bin.

Sie sagten eingangs, dass Sie immer noch von sich als Kind am Friedrichshof in der dritten Person sprechen? Haben Sie auch Ihre Kindheitsbilder mit dieser Distanz und Entfremdung betrachtet?
Paul-Julien Robert: Ja, anders wäre es gar nicht möglich gewesen. Als ich zum ersten Mal Christians Selbstdarstellung gesehen habe, drängte sich etwas wie eine Entscheidung auf: Lasse ich diese Gefühle jetzt zu und schaue diese Bilder emotional an oder gehe ich auf Distanz und schaue darauf, als wäre es eine fremde Welt, die nicht mehr existiert und die etwas wie ein Theaterstück ist. Die ersten zwei Jahre war ich viel im Archiv und behielt eine sehr distanzierte Haltung. Irgendwann wurde es plötzlich emotional, als mir bewusst wurde, dass dieser Junge in mir weiterlebt.

Wie haben Sie dann Ihr filmisches Konzept entwickelt?
Paul-Julien Robert: Das war für mich ein neuer Schritt und ich war Oliver Neumann sehr dankbar, dass er sehr viel mit mir gesichtet und seine Erfahrung eingebracht hat, obwohl es sehr zeitintensiv war. Das war ein sehr schöner Prozess für mich. Einen Dokumentarfilm zu drehen, ist ein bisschen wie Bildhauen – man hat zu Beginn einen riesigen Klotz, stellt alles in die verschiedenen Timelines rein und nimmt dann nach und nach weg, bis Konturen einer Figur entstehen und daran orientiert man sich weiter. Wir hatten schon eine Schnittversion von 60 Minuten, die wir dann wieder total verworfen haben, weil es nicht aufging. Wir haben kaum nachgedreht. Ich wusste, es gab Dinge, die ich nicht selbst erzählen konnte und die ich auch nicht über eine Off-Stimme erzählen wollte. Mit wem ich aus meiner Generation etwas machen wollte, stand für mich sehr rasch fest. Zoe und Luzi gehören zu den ersten Kindern, die 1974 dort geboren wurden. Die haben die Anfangszeit anders erlebt. Mit Zoe haben ich aber nicht darüber geredet, wie sie die Zeit damals erlebt hat, sondern vielmehr über ihre heutige Sicht darauf, wo sie nun selbst Mutter ist und dadurch eine Erfahrung hat, die ich nicht habe. Luzi hat mich deshalb so interessiert, weil er sehr früh den Wahnsinns des Systems durchschaut hat und sich bewusst dagegengestellt und dem verweigert hat. Mit Jean hatte ich schon einen kleinen Film gemacht. Er war auch bereit, über den sexuellen Missbrauch zu reden und ich war froh, dass er sich mir so anvertraut hat.

Es haben sich auch andere Leute Ihnen anvertraut, an vorderster Stelle Ihre Mutter. Es hat gewiss große Offenheit von beiden Seiten gefordert, diese Aufarbeitung in Gang zu setzen. Wie haben Sie die Auseinandersetzung mit Ihrer Mutter erlebt?
Paul-Julien Robert: Es war nie eine Frage des Vertrauens. Sie war von Beginn an bereit mitzumachen. Manchmal wurde es ihr schon auch ein wenig zuviel, sie hätte aber nie gesagt, sie will nicht mehr. Wir haben auch nicht alles auf einmal, sondern über zwei Jahre hinweg immer wieder ein, zwei Tage gedreht. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich meiner Mutter zu nahe trete, wenn ich mit ihr darüber rede, da sie sich ja die 15 Jahre, die sie in der Kommune verbracht hat, ständig mit ihren Eltern auseinandergesetzt hatte. Die eigenen Eltern, die sie kaputtgemacht haben und welche Auswirkungen das hatte – das war ihr Hauptthema, mit dem sie sich in ihrer Zeit in der Kommune beschäftigte.

Es war also auch für Sie eine Reise, von der Sie am Start nicht wussten, wohin es gehen würde?
Paul-Julien Robert: Ja, das war es auf alle Fälle. Wir hatten den Film anfangs auch als Roadmovie konzipiert, eine Idee, von der wir dann wieder etwas abgegangen sind. Für mich persönlich war es auf alle Fälle eine Reise.

Worin bestanden die Überraschungen auf dieser Reise?
Paul-Julien Robert: Mich hat überrascht, wie sehr die Kamera zum Werkzeug wird und man dadurch einen ganz anderen Fokus und eine ganz andere Konzentration finden kann. Es entsteht durch sie eine ganz andere Dynamik, als wenn man die Gespräche ohne Kamera geführt hätte. Sehr schön war auch die Begegnung mit der Familie von Christian, die ich seit 25 Jahren nicht gesehen hatte. Da bestand eine beiderseitige Neugier. Da wir erstmals bereit waren, über unsere Geschichte zu reden, bestand auch ihrerseits die Bereitschaft über ihre Familiengeschichte zu reden. Das war ein sehr schöner Moment. Meine Mutter und Christian waren in den frühen achtziger Jahren auf Besuch gekommen, doch da standen Mauern zwischen beiden Seiten, ohne dass je über etwas geredet worden wäre. Sie begannen zunächst, uns über unsere Geschichte auszufragen, wir erzählten sie, daraufhin erzählten sie während des Essens ihre Geschichte. Ich fragte eine Schwester, ob sie nochmals für ein Gespräch vor der Kamera zur Verfügung stehen würde und schließlich wollten alle dabei sein.

Der Film hält immer wieder sehr emotionale Momente fest, wo sehr stark nachzuvollziehen ist, wie sehr die Personen von ihrem Schmerz überwältigt sind. Ich denke besonders an Christians Vater, der einer Generation angehört, die Gefühle nicht zulässt.
Paul-Julien Robert: Mit ihm war es am ersten Tag schwierig und schließlich dann sehr schön. Mit der Kamera ist er sehr natürlich umgegangen, obwohl ich es nicht angekündigt hatte, dass ich die Absicht hatte zu filmen. Ich versuchte, mit ihm über Christian zu reden, das ging aber gar nicht. Wenn ich ihm ein Foto zeigte, dann sprach er vom Haus dahinter und verlor kein Wort über seinen Sohn. Nach ein, zwei Stunden hat er dann kurz geredet, hat aber dann abgebrochen, weil es ihm zu viel war. Ich war schon froh, dass er überhaupt bereit war, sich dem Thema in gewissem Maße zu stellen oder auch nicht zu stellen. Am zweiten Tag gab es dann ganz ungeplant das Zusammensein mit den Schwestern und das ist sehr gut gelaufen.

Welches waren für Sie persönlich die wichtigsten Momente?
Paul-Julien Robert: Ich denke, es war der Umstand, auch dank des Archivmaterials vieles emotional zu begreifen, was ich bis dahin nur intellektuell erfasst hatte. Ich konnte diesen Jungen sehen und wusste, was er damals empfunden hatte. Es zuzulassen und zu sagen „Das bin ich, das habe ich erlebt“, war gewiss der schwierigste, aber auch der wichtigste Schritt.

Wie haben Sie im Schnitt ein Gleichgewicht geschaffen zwischen dem Archivmaterial und dem eigenen Aufnahmen?
Paul-Julien Robert: Es war ein sehr langer Prozess. Wir haben immer blockweise ein, zwei Wochen geschnitten, dass war meist bedingt durch andere Projekte, für die Oliver Neumann arbeitete. Die Pause brauchte es meist auch, weil wir immer wieder anstanden und mit dem Ergebnis noch nicht zufrieden waren. Wir haben uns nie am Archivmaterial orientiert, wir haben es benützt, ohne je etwas beweisen zu wollen. Wir sind von den Gesprächen ausgegangen und den Szenen auf der Reise, die wir mitdokumentiert haben. Dazu haben wir das Archivmaterial gestellt und versucht, einen Rhythmus zu finden. Das Archivmaterial machte in etwa ein Drittel aus. Das war von Beginn an ein Teil des Konzepts, dass es einen beträchtlichen Teil einnehmen sollte. Wir haben praktisch alles bekommen, was wir haben wollten, was auch nicht ganz einfach ist. Da hat uns die Genossenschaft, die das jetzt verwaltet, auch sehr vertraut.
Alle ehemaligen Kommunarden sind Teil einer Genossenschaft, die einmal im Jahr eine Generalversammlung abhält, bei der wir das Material beantragen mussten. Der Manager der Kunstsammlung war sich des Risikos bewusst, dennoch hat er sich total offen verhalten. Es war schön zu erfahren, dass sie dem Filmprojekt auch seine Wichtigkeit beigemessen haben.

Haben Sie aktive Erinnerungen an Otto Mühl?
Paul-Julien Robert: Sehr viele. Ich hatte zum Glück keine sehr enge Beziehung zu ihm, ich war weder ein Lieblingskind noch ein Sohn von ihm. Insofern hat er mich mit Lob wie mit Bestrafung in Ruhe gelassen. Das war bei Jean und Luzi ganz anders. Auf Jean hatte er’s abgesehen, weil dieser bei den Mädchen sehr beliebt und Luzi, weil er sich vielem verweigert hat. Seine Söhne, die in den letzten Jahren auch noch in Portugal mit ihm gelebt haben, die haben ihn wieder ganz anders, als sehr herzlichen Menschen erlebt.

Wieviele Kinder haben am Friedrichshof gelebt?
Paul-Julien Robert: Ich denke, es sind dort an die 400 Kinder geboren, die meisten in den letzten zwei Jahren. Ich war unter den ersten, ich glaube, ich war der Achtgeborene am Friedrichshof. Später sind dann auch viele Mütter mit Kindern eingezogen. Wir waren eine große Gruppe. Wir hatten eine private Volks- und Hauptschule. Ich habe die ersten zwölf Jahre meines Lebens fast ausschließlich am Friedrichshof verbracht. Die Welt draußen war mir total fremd, abgesehen von ein paar Reisen, z.B. zu Weihnachten zu meinen Großeltern und ab 1987 fuhren wir alle nach Gomera auf die Kanarischen Inseln, wo wir auf der Finca dort wiederum sehr isoliert lebten. Wenn wir unterwegs waren, waren wir stets eine sehr geschlossene Gruppe. Es gab keinen Kontakt zu anderen Kindern oder anderen Menschen, da waren wir sehr gut abgegrenzt.

Wie hat sich nach Auflösung der Kommune der Übergang in die „Welt“ gestaltet.
Paul-Julien Robert: Er war sehr abrupt. Ich denke wir waren – Erwachsene wie Kinder – mit der Situation überfordert. Ich hatte Glück, dass ich eine Mutter hatte, die bereit war, sich um mich zu kümmern und die eine Arbeit hatte. Es gab auch Kinder, die plötzlich alleine waren. Für die war es wirklich schwierig. Für mich bedeutete es den großen Schritt, nach Zürich zu gehen. Es war ein Riesenkontrast, ich habe diese andere Welt nicht verstanden und wollte damit auch nichts zu tun haben. Ich hab mich dem total verweigert.

Haben Sie durch die Recherche und die vielen Gespräche eine Erklärung dafür gefunden, dass sich Ihre Elterngeneration in der Annahme zu rebellieren, sich einem autoritären System untergeordnet haben.
Paul-Julien Robert: Ich bezweifle, dass sie je einen Moment der totalen Freiheit dort erlebt haben. Es ging von Anfang an darum, sich anzupassen und die Verantwortung abzugeben. Die Verantwortung waren sie mit dem Einzug in den Friedrichshof los. Sie haben gegen ihr Elternhaus rebelliert und in Otto Mühl gleich den Vater gefunden, den sie gesucht haben. Die hierarchische Struktur war von Anfang an da, er hat niemanden neben sich akzeptiert.

Im Film bekommt man „inszenierte“ Familienbilder zu sehen, Sie sprechen von ihrer „Ersatzfamilie“ und im Titel von „meiner keinen Familie? Welche Bedeutung trägt der Begriff  „Familie“ für Sie heute?
Paul-Julien Robert: Ich weiß es nicht. Ich kann bei keinem Modell sagen, so funktioniert’s, so ist es richtig. Man muss für sich selbst Lösungen finden. Aber um bei der Bedeutung der Idee Familie zu bleiben: Ich fand es sehr schön, als ich mit zwölf Jahren zur Familie meiner Mutter in der Schweiz kam, zu erleben, dass sie mich akzeptierten, wie ich bin. Sie haben nie versucht, mich zu ändern. Sie haben mich akzeptiert und geliebt, wie ich bin.

War das Angenommen-Sein etwas, das in der Kommune besonders stark gefehlt hat?
Paul-Julien Robert: Ja, das war gewiss so. Zum einen so sein zu dürfen, wie man ist und auch das Vertrauen zu sich selber finden, um sagen zu können „Das will ich, so bin ich, das sind meine Gefühle“. Wir mussten uns anpassen, wo es nur ging, als Individuum zu leben, war nicht möglich.

Zoe spricht in ihren Erinnerungen davon, dass sie einen unwiederbringlichen Bruch mit ihren Eltern erlebt hat, weil sie sich verraten gefühlt hatte, dass aber dennoch eine Beziehung zu den Eltern möglich ist. Hat sich durch die Arbeit am Film die Beziehung zu Ihrer Mutter geändert?
Paul-Julien Robert: Nicht wirklich. Es hat sich die Beziehung zu meinem Vater geändert und sie hat sich zum Mann meiner Mutter geändert. Zwischen meiner Mutter und mir gab es immer ein großes Vertrauen und eine große Vertrautheit. Sie hat mir immer Sicherheit gegeben und daran hat sich jetzt nicht so viel geändert. In meinem Umfeld aber schon.

Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?
Paul-Julien Robert: Fünf bis sechs Jahre.

Ist die Tatsache, dass sie Ihre persönliche Geschichte in einen Film aufgearbeitet haben, d.h. dass Sie etwas geschaffen haben, mit dem man an die Öffentlichkeit geht, auch ein Versuch, ihren Kommunen- und Schicksalsgenossen Gehör zu verschaffen?
Paul-Julien Robert: Nein, das war nie ein Beweggrund für mich. Als ich am Thema zu arbeiten begann, dachte ich natürlich immer wieder darüber nach, wie die anderen das sehen, was sie wohl denken. Es hätte mich stark gebremst und ich wäre viel vorsichtiger gewesen, hätte ich den Film für sie gemacht.

Wenn der Film nun ins Kino kommt, geht es dann über das Erleben dieser persönlichen Geschichte hinaus auch um ein in Erinnerung-Rufen dieses Gesellschaftsprojekt und seines Scheiterns?
Paul-Julien Robert: Ich bin natürlich auch gespannt, welche Reaktionen der Film auslösen wird. Dennoch ist es immer noch kein Film über die Kommune. Es ist eine ganz subjektive Sicht auf die Dinge und einfach ein Puzzlestück mehr. Es gibt ja schon genug Literatur darüber, auch andere Filme. Was ich sehr schön fand war die Rückmeldung von jungen Leuten, dass sie den Film gerne mit ihren Eltern sehen würden, weil er auch die grundsätzliche Frage der Verantwortung und Kindheit und Eltern-Sein aufwirft. Das ist mir wichtiger als der Umstand, dass der Fokus einer Kindheit in einer Kommune gilt.

Interview: Karin Schiefer

März 2013