INTERVIEW

Bernd Neuburger im Gespräch über SOMMER MIT DEN BURGGESPENSTERN

 

"Kinder lieben es nach wie vor, wenn man ihnen Geschichten erzählt. Daran hat sich in den letzten ein paar hundert Jahren nichts geändert. Sie brauchen Zeit zum Schauen, um in die Geschichte hineinzufinden. Wenn man glaubt, Schnittmethoden der Werbespots im Kinderfilm verwenden zu müssen, dann kapieren die Kinder auch die Geschichte nicht. Disney und die Zeichentrickfilme haben schnellere Ebenen hinein gebracht, aber das hat nichts mit Geschichten-Erzählen zu tun."Bernd Neuburger über Sommer mit den Burggespenstern, der am 15.November das Wiener Kinderfilmfestival eröffnet.

 

Sie arbeiten gemeinsam mit Nadja Seelich eigentlich in zwei grundverschiedenen Genres - dem Dokumentarfilm und dem Kinderfilm, der eine ist der Realität verhaftet, der andere der Phantasie verpflichtet.

Bernd Neuburger: Ich bin Kameramann und war seit der Filmakademie bis zu Jonathana und die Hexe immer nur als Kameramann tätig. Bis dahin hatte ich sehr viele Dokumentationen gedreht. Regie kam erst 1984 mit Jonathana dazu. Nadja hatte ein Drehbuch geschrieben, wir suchten einen Regisseur. Als das nicht funktionierte, beschlossen wir, es selber zu machen und der Film ist durchaus gelungen, gemessen an der Akzeptanz, die folgte. Wir haben mit ganz kleinem Budget und mit einem Team von zehn Mitarbeitern gedreht. Auf einmal ging der Film um die Welt, was uns selbst überraschte und freute.

 

Was ist am Genre des Kinderfilms so reizvoll?

Bernd Neuburger: Das hat mit den Geschichten von Nadja Seelich als Drehbuchautorin zu tun, mit ihrer ausgeprägt mitteleuropäischen Sicht der Dinge, die mir auch eigen ist. Wir machen auch die Dokumentarfilme gemeinsam. Jonathana und die Hexe entstand letzten Endes deswegen, weil Nadja eine kleine Tochter hatte und feststellen musste, dass es in Österreich keine Kinderfilme gibt. Für eine Pragerin ein untragbarer Zustand. Dieses erste österreichische Kinderfilmdrehbuch entstand aus der tschechischen Kinderfilmtradition. Was mich am Kinderfilm besonders reizt, ist diese Phantasie-/Realitätsebenen, die immer in den Geschichten von Nadja drinnen sind und die wir, glaube ich, ziemlich gut umsetzen können. Es besteht eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen uns beiden. Da wir ja zusammen leben und arbeiten, ist jeder von der ersten Sekunde der Entstehung mit dabei.
 

Jonathana entstand 1984/85. Heute ändern sich die Bedürfnisse der Kinder sehr rasch. Welche Kriterien muss ein Kinderfilm heute erfüllen?

Bernd Neuburger: Da kann man streiten. Ich glaube, man redet da von Kriterien, die ihnen aufgestülpt werden. Das Fernsehen sagt, ein Film darf nicht länger als dreißig Minuten dauern, weil die Kinder nicht dran bleiben. Ich bin nicht dieser Ansicht und bin auch nicht alleine damit, die Kinder bleiben sehr wohl dran, wenn die Geschichte für sie erzählt wurde. Unsere Filme laufen noch immer im Fernsehen und viele kennen sie und man kriegt immer wieder Rückmeldungen. Es ist bekannt, dass Kinder die von einem Film eine VHS zu Hause haben, sich einen Film hunderte Mal anschauen. Man muss auf die Kinder eingehen, ihre Wahrnehmungsweise berücksichtigen. Kinder brauchen Zeit zum Schauen, Zeit, um in die Geschichte hineinzufinden. Ich glaube, wenn eine Geschichte richtig erzählt wird, dann bleiben sie dran und wenn man glaubt die Schnittmethoden der Werbespots im Kinderfilm verwenden zu müssen, dann kapieren die Kinder auch die Geschichte nicht und die Kinder lieben es nach wie vor, wenn man ihnen Geschichten erzählt, daran hat sich in den letzten ein paar hundert Jahren nichts geändert. Disney und die Zeichentrickfilme haben schnellere Ebenen hinein gebracht, aber das sind aufgestülpte Dinge, das hat nichts mit Geschichten erzählen zu tun.

 

Haben sich die Themen geändert?

Bernd Neuburger: Was sich ändert sind die Umstände, das äußere Erscheinungsbild des Lebens. Die bleibenden Werte, wie Freundschaft, Mitgefühl oder Liebe verändern sich nicht dadurch, dass man mailt, anstatt einen berittenen Boten zu schicken. Unsere Kinderfilme haben immer eine realistische und eine tiefere hintergründige Ebene, die unsere mitteleuropäische-humanistische Weltsicht widerspiegelt. Das heißt z. B., dass wir ohne Good-Guys und Bad-Guys auskommen. Das ist natürlich eine schwierige Gratwanderung, man erreicht aber die Kinder auf diese Weise sehr gut. Unsere Filme beinhalten so viel Freiraum für Phantasie, dass sie dran bleiben und vielleicht noch ihre eigene Geschichten stricken können. Im jetzigen Film Sommer mit den Burggespenstern geht es auf der tieferen Ebene, um die friedliche Koexistenz mit Andersgesinnten. Der Geist einer im Mittelalter eingemauerten Nonne ist halt nicht ein Mensch wie du und ich, er hat eine andere Lebensweise und eine andere Werteskala als wir, woraus sich Interessenskonflikte ergeben können. Dem kann man durch Toleranz und Akzeptanz bis zu einem gewissen Grad vorbeugen, wenn der Konflikt trotzdem ausbricht, muss man gemeinsam nach einem Kompromiss suchen.

 

Wie ist es zu dieser ersten internationalen Koproduktion mit Kanada gekommen.

Bernd Neuburger: Ich lernte Rock Demers, den kanadischen Produzenten und Verleiher kennen, als er 1992 der Präsident der Jury des internationalen Kinderfilmfestivals in La Ciotat in Frankreich war, wo unser Film Ferien mit Silvester den Hauptpreis gewann. Er hat dann alle meine Filme in seinen Weltvertrieb aufgenommen. Wir haben öfters miteinander über eine Koproduktionsmöglichkeit gesprochen. 2001 wurde dann das Koproduktionsabkommen zwischen Österreich und Kanada unterzeichnet und wir konnten mit den Vorbereitungen zu der Produktion beginnen. Rock Demers ist mit 50% in diese aufgrund der Spezialeffekte relativ teure Koproduktion eingestiegen. Das Gesamtbudget betrug ca. 2,3 Mio Euro.

 

Welche sprachliche Regelung wurde getroffen?

Bernd Neuburger: Das Drehbuch entstand auf Deutsch und wurde dann übersetzt. Gedreht wurde auf Englisch. Gecastet wurde in Kanada und Österreich, die Kinderhauptrolle, die Rolle des Regisseurs und des Tonmeisters wurden mit Kanadiern besetzt. In Österreich fand ich einen Buben, der in eine zweisprachige Schule geht, der das sehr gut gemacht hat.


Wie verliefen die Dreharbeiten?

Bernd Neuburger: Insgesamt sechs Wochen im Lungau, in Mauterndorf und Umgebung und einen Drehtag hatten wir in Salzburg. Da es die Burg die wir brauchten nicht gab, haben wir sie aus drei verschiedenen zusammengesetzt: Mauterndorf, Moosham und Finstergrün. Zwei der Burgen waren so ähnlich, dass man sie gut kombinieren konnte. Eine dritte brauchten wir dann aufgrund der Steinmauern, da die beiden anderen trotz ihres Alters in Schönbrunner Gelb gehalten sind. Es sind schöne Burgen, aber keine wirklichen Trutzburgen, aber es sind ja auch die Gespenster eher nette Gespenster und keine ganz Bösen.

 

Wie haben Sie die Hauptdarstellerin gefunden?

Bernd Neuburger: Ich war beim Casting in Kanada schon sehr verzweifelt, weil wir eine Woche lang kein Mädchen hatten, das mir in der Rolle gefiel. Und plötzlich war dieses Mädchen da, konnte aber wenig Englisch. Ich wollte es dennoch ausprobieren, wir holten sie schließlich aus dem Urlaub zurück, machten ein zweites Casting, wo sie mit dem Text arbeitete. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater aus dem englischsprachigen Teil von Kanada stammt. Sarah Jeanne wollte die Rolle unbedingt und so kniete sie sich hinein und lernte in ein paar Monaten so gut Englisch, dass wir mit ihr problemlos drehen konnten. Es war ihre erste große Rolle, sie hatte schon kleinere Sachen gespielt und hat jetzt aufgrund des Filmes eine Hauptrolle in einer großen Serie in Kanada bekommen. Ich wollte ein Kind, das ein bisschen tougher ist. Sie sieht zwar nicht so aus, aber sie ist Tennischampion in ihrer Altersgruppe von Québec und man spürt, was für eine Energie sie hat. Auch bei den Dreharbeiten hat sie das bewiesen. Zum Beispiel musste sie in den 15 Grad kalten Bergsee springen. Das war eine nette Geschichte: ich versprach ihr, wenn sie hineinspringt, nach der abgedrehten Szene auch hineinzuspringen. Und als sie herauskam, sagte sie, ich darf unter keinen Umständen hinein, weil das Wasser viel zu kalt sei.

 

Wie lässt sich die Produktionsfirma Productions la Fête charakterisieren?

Bernd Neuburger: Productions la Fête befindet sich in Montreal und ist die größte Kinderfilmproduktion der Welt, die einzige, die sich hauptsächlich mit Kinderfilm beschäftigt. In erster Linie wird fürs Fernsehen produziert und darüber hinaus ein bis zwei Kinoproduktionen pro Jahr. Sie existiert seit 20 Jahren und ist mit ihren Filmen weltberühmt geworden. Ich glaube, dass sie mit Sommer mit den Burggespenstern sehr zufrieden sind. Er war schon auf 20 Festivals und wird in Deutschland mit 30 und in Österreich mit 23 Kopien gestartet. Er wird im französisch- und englischsprachigen Kanada Premiere haben, so wie es aussieht mit sehr vielen Kopien. Die Vermarktung ist jetzt schon sehr international. Dank dem Festival von Giffoni gibt es einen italienischen Verleih, es wird auf alle Fälle im italienischen Fernsehen gespielt, was keinem meiner Filme bisher gelungen ist.

 

Wie sieht es im Allgemeinen mit der Vermarktung von Kinderfilmen aus?

Bernd Neuburger: Italien und Frankreich sind sehr schwierige Märkte. Trotzdem wurde schon einer unserer Kinderfilme und zwar Jonathana und die Hexe, auf französisch synchronisiert und läuft bis heute immer wieder in den französischen Kinos. Sehr gut sind die nordischen Länder. Dänemark gibt 25 Prozent der Filmförderung für den Kinderfilm aus. Auch die anderen nordischen Länder - Norwegen, Finnland - machen sehr viel für dieses Genre und haben alle meine Filme im Fernsehen gespielt. Rock Demers ist es zu verdanken, dass meine Filme auch außerhalb Europas verbreitet wurden - Ferien mit Silvester z.B. ging auch nach Asien.

Interview: Karin Schiefer (2002)