INTERVIEW

Stefan Ruzowitzky im Gespräch über DIE FÄLSCHER

 

«Die spezielle Situation in dieser Fälscherwerkstatt ist, dass die Insassen fast wie in einem Ferienlager leben, inmitten eines ganz normalen KZs Privilegien genießen wie - genügend zu essen zu bekommen, Privatkleidung zu tragen, lange Haare zu haben und gleichzeitig wissen, dass hinter der Bretterwand ihre Freunde, ihre Familien zu Tode gefoltert werden. Da taucht die Frage auf, wie sehr darf man diesen Luxus genießen, wie groß ist die moralische Verpflichtung, da jetzt Widerstand zu leisten und den Nazis das Geld nicht zu drucken. Das ist der Hauptkonflikt der Geschichte. Die Fälscher haben dann auch in dem Maße, in dem ihnen das möglich war, sabotiert.»
Stefan Ruzowitzky über Die Fälscher, sein neuer Spielfilm mit Karl Markovics, August Diehl und Devid Striesow.

 

Die Geschichte von Der Fälscher beruht auf den Memoiren von Adolf Burger. Haben Sie das Buch entdeckt oder ist der Stoff an Sie herangetragen worden?

STEFAN RUZOWITZKY:  Der Stoff hat mich ganz offensichtlich gefunden. Innerhalb von wenigen Wochen haben mich zwei Produktionsfirmen unabhängig voneinander auf denselben Stoff angesprochen. Da war es für mich klar, das hat etwas von höherer Fügung und es bedeutete, dass ich es machen muss. Josef Aichholzer hat mir mal von dieser Geschichte erzählt und magnolia in Hamburg hatte die Rechte an den Burger-Memoiren erworben. Dann war meine Idee, dass mich weniger Burger sondern vielmehr Smolianoff als Hauptfigur interessiert - dieser Meisterfälscher und Ganove.


Warum ist die Figur des Smolianoff interessanter als die des Burger?

STEFAN RUZOWITZKY:  Als ich das erste Mal von der Geschichte mit der Fälscherwerkstatt hörte, da sagte ich mir, diese Geschichte kenne ich noch nicht. Burger ist der klassische Widerstandskämpfer, der heimlich Flugblätter gedruckt hat, irgendwann aufgeflogen ist, ins KZ kam und dort schon mehr tot als lebendig war, als er in diese Fälscherwerkstatt kam, und dann dort noch versucht, den Nazis zu schaden. Das ist eine Geschichte, die man schon oft gehört hat. Als ich das erste Mal von Smolianoff (im Film heißt er ja aus rechtlichen Gründen Sorowitsch) hörte, der ein Fälscher, ein Spieler, ein Betrüger und Anpassler war, sagte ich mir, das ist interessant, das habe ich noch nie gesehen. Da hatte ich das Gefühl, dass es mehrere neue Aspekte zu entdecken gab. Was wir bisher aus Film und Literatur kennen, das sind in erster Linie die gebildeten, gutbürgerlichen Berichterstatter. Auch ich hab in meiner ersten Drehbuchfassung die Arbeiter in der Fälscherwerkstatt eher als an Nathan der Weise angelehnte Figuren gezeichnet. Das ist ein gut gemeintes, positives Klischee, dem man sehr leicht aufsitzt.


Ist es auch eine Frage der Zeit, dass man aus der klassischen Opfer-/Täter-Konstellation rausgehen kann?

STEFAN RUZOWITZKY:  Ich glaube definitv, dass der Umstand mitspielt, dass nur mehr sehr wenige Betroffene am Leben sind. Es kommt da eine Generation, die sich dessen bemächtigt, die sich der politischen Dimension bewusst ist, wo aber emotional ein gewisser Abstand da ist. Ich habe das Gefühl, das bedeutet einen anderen Zugang sowohl für uns Filmemacher als auch für das Publikum. In den letzten Jahrzehnten spielte die Oral History eine sehr bedeutende Rolle, uns selbst für die wenigen Leute, die noch leben, wird es immer schwieriger, da sich nach sechzig Jahren die eigene Erinnerung mit dem, was sie selbst gehört und gelesen haben, überlagert. Jetzt ist mehr und mehr die Zeit, wo sich die Stoffe fiktionalisieren können, was ich für einen guten und richtigen Prozess halte. Ich glaube, es wäre falsch, den gesamten Komplex Holocaust unter eine Glaskuppel stellen.


Was ist Fiktion, was beruht auf Tatsachen?

STEFAN RUZOWITZKY:  Was sehr nah an der historischen Wahrheit ist, sind die Details, weil sie so absurd sind, dass man sie kaum erfinden kann. Zum Beispiel der Pingpong Tisch in der KZ-Baracke und dass es ständig Musikbegleitung bei der Arbeit oder bunte Abende mit Tanz gab. Man würde sich nie trauen, sich so etwas einfallen zu lassen. Fiktionalisiert ist eigentlich nur in dramaturgischer Hinsicht. Im Film kommen Burger und Sorowitsch als die beiden Hauptfiguren gleichzeitig an, in Wirklichkeit war Burger schon länger dort gewesen. Ich habe auch aus dramaturgischen Gründen darauf geachtet, dass es nicht zu viele Figuren gibt. Es gibt eine Szene, wo sie die Speichelprobe eines Kumpels, der TBC hat, fälschen, das macht jetzt natürlich die Hauptfigur. Im Prinzip sind die Hauptfiguren authentisch und die Situationen auch.


Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?

STEFAN RUZOWITZKY:  Bei Burger geht es ja nicht nur um die Fälscherwerkstatt, wenn es auch der wichtigste Teil ist. Wir haben uns auf gewisse Aspekte konzentriert. Er hat alles sehr dokumentarisch aufgeschrieben und ich habe versucht, daraus eine gute Geschichte zu konstruieren, wo man gewisse Sachen auslässt und andere wiederum verdichtet. Zum einen habe ich mit den Leuten gesprochen, dann gibt es noch weitere Berichte von Insassen. Burger ist Mitte 80, er hat es sein ganzes Leben lang als seine Mission betrachtet, von seiner Geschichte zu berichten. Oft sagt er etwas, wo man sich sagt, diese Formulierung kenne ich schon aus dem Buch. Nach fünfzig Jahren weiß man ja auch nicht mehr genau, wie es da ausgeschaut hat. Jeder hat andere Erinnerungen.


Kommt Herr Burger auch bei den Dreharbeiten immer wieder vorbei?

STEFAN RUZOWITZKY:  Ja, ja, er taucht immer wieder auf. Er war gemeinsam mit einem anderen Überlebenden da, und sie haben gleich einmal gestritten: der eine sagt, es waren zweistöckige Metallbetten, der andere, es waren dreistöckige Holzbetten, in denen sie geschlafen haben. Aufs erste denkt man sich, wie kann man das vergessen. Man muss sich aber vor Augen halten, dass sie beide in verschiedenen Lagern waren, alles ist über 60 Jahre her. Beide sind heute 86 bzw. 90 und waren damals unter den Jüngsten in der Fälscherwerkstatt. sie hatten einander gekannt und auch gleich auf Teufel komm raus gestritten. Da geht es nicht nur um die Betten, sondern da geht es gleich um essentielle Dinge. Nämlich um die Frage, ob Herr Krüger, der leitende SS-Offizier, ein Mörder war, wie es Burger behauptet, oder ob er ein Lebensretter war, wie es der andere behauptet. In Krügers zwei Baracken sind in all den Jahren sechs Leute umgebracht worden. Und beide haben recht auf ihre Weise. Es haben ja immer alle recht. Die Feigen und die Mutigen. Der eine hat recht, der sagt, ich halt's nicht aus, dass es uns da herinnen so gut geht und draußen kommen die Menschen um. Der andere, der sagt, ich werde den Nazis nicht die Freude machen, mich zu schämen, dass ich lebe, hat auch recht. Manche Dinge sind mir erst beim Drehen so richtig bewusst geworden. Dass sie sich gesagt haben, ich werde alles tun, dass ich da nicht wieder raus muss, kann man voll verstehen von einem, der das erlebt hat.


Was veranlasst Burger letztlich, gegen Sorowitsch zu agieren?

STEFAN RUZOWITZKY:  Das haben wir auch aus dramaturgischen Gründen auf die Spitze getrieben. Die spezielle Situation in dieser Fälscherwerkstatt ist, dass die Insassen fast wie in einem Ferienlager leben, inmitten eines ganz normalen KZs Privilegien genießen wie - genügend zu essen zu bekommen, Privatkleidung zu tragen, lange Haare zu haben und gleichzeitig wissen, dass hinter der Bretterwand ihre Freunde, ihre Familien zu Tode gefoltert werden. Da taucht die Frage auf, wie sehr darf man diesen Luxus genießen, wie groß ist die moralische Verpflichtung, da jetzt Widerstand zu leisten und den Nazis das Geld nicht zu drucken. Das ist der Hauptkonflikt der Geschichte. Die Fälscher haben dann auch in dem Maße, in dem ihnen das möglich war, sabotiert. Man gelangt da nahtlos in die Problematik der Survivor's Guilt, die man exemplarisch zeigen kann. Bei der Befreiung hatten die Leute der Fälscherwerkstatt Probleme, anderen zu beweisen, dass sie selber KZ-Insassen gewesen waren. Klar, dass die Frage aufkam, wir können zwar nichts dafür, aber hatten wir das moralische Recht, dass es uns so gut gegangen ist, dass wir so viel Glück gehabt haben? Burgers Frau z.B. ist in Birkenau ermordet worden, während er beim Tanzabend in Sachsenhausen war.


Über welchen Zeitraum erstreckt sich die Geschichte im Film?

STEFAN RUZOWITZKY:  1936 beginnt die Geschichte, also neun Jahre. 1939 wird Sorowitsch - er gilt damals als der Meistergeldfälscher in Berlin - verhaftet. Er kommt ins Gefängnis und direkt vom Gefängnis als wiederholter Straftäter - als sogenannter BV (Berufsverbrecher) - ins KZ und wird dann dort in die Fälscherwerkstatt verlegt. Die Geschichte endet kurz nach der Befreiung, wo er - das ist ein wahres Gerücht - nach Kriegsende in Monte Carlo aufgetaucht ist. dass sich die Geschichte dahin gezogen hat.


Haben Sie für den Dreh wie immer alles sehr genau in Storyboards vorbereitet?

STEFAN RUZOWITZKY:  Nein, überhaupt nicht. Ich bin sehr glücklich mit Benedict Neuenfels, weil er ein genialer Handkameramann ist. Es ist diesmal eine sehr bewegte Angelegenheit. Benedicts Kamera reagiert sehr schnell auf das, was passiert, wenn man gerade was hört, schwenkt sie ganz schnell hin oder zoomt hin. In der Regel ist es so, dass wir die ganze Szene over shoulder um Sorowitsch herumrennen, das sind oft zweiminütige Takes durch die Räume. Wir sind mal von einem "Dogma Stil" ausgegangen, das funktioniert in Wirklichkeit nur dann, wenn man es sehr gut vorbereitet.


Was hat diese genaue Vorbereitung ausgesehen?

STEFAN RUZOWITZKY:  Bis jetzt habe ich meine Filme immer von Anfang bis Ende durchgeboardet. Hier haben wir etwas gemacht, was ich noch nie in so großem Umfang gemacht habe, wir haben sehr lange geprobt. Allein für den Hauptteil in der Fälscherwerkstatt in den Studios in Babelsberg haben wir drei Wochen lang täglich den ganzen Tag geprobt. Das war sehr hilfreich, wir haben dabei alles aufgenommen und dann sieht man ein bisschen wie die Dynamik in den Szenen funktionieren.


Was bedeutet dieser völlig neue Zugang, weg vom präzisen Storyboarding zu einer sehr bewegten und spontanen Weise zu filmen?

STEFAN RUZOWITZKY:  Das ist ja nicht aus einer Laune heraus entstanden, sondern hat sich aus einem Konzept ergeben. Ich habe mir gesagt, was ich hier erzählen will, hat sehr viel mit Unmittelbarkeit zu tun, sodass ich jeden Moment mit meinem Helden Sorowitsch erleben will. Er kommt in jeder Szene des gesamten Films vor, es gibt z.B. nie eine Perspektive aus der Sicht der Nazis, sondern ich schaue immer ihm über die Schulter, was er erlebt und da macht es Sinn, dass ich diese bewegte Handkamera habe. Bei Siebtelbauern war es vielmehr ein opernhafter Stil, da ging es um Land, da lagen vielmehr weitwinklige Ansichten als Konzept zugrunde.


Sie haben mit August Diehl, mit Karl Markovics zusammengearbeitet wie lief die Arbeit mit ihnen?

STEFAN RUZOWITZKY:  Die haben es geliebt, dass wir so viel geprobt haben. Karl Markovics hat mal gesagt: normalerweise hat man bei so einer großen Rolle immer in der dritten Woche das Gefühl, ach, jetzt würde ich gerne eine Szene vom Anfang nochmals drehen, weil ich jetzt erst die Figur so richtig kapiere. Da alles vorher durchgespielt war, haben die Schauspieler dieses Wissen gehabt. Karl Markovics war jeden Tag im Einsatz und er kommt praktisch in jeder Szene vor. Auch für alle anderen Rollen war alles in allem unsere Wunschbesetzung, es hat uns kaum jemand abgesagt. Es ist wie bei Siebtelbauern wieder ein Schauspielerfilm mit einem Ensemble, das mag ich eigentlich sehr gerne.

 

Interview: Karin Schiefer
2006