INTERVIEW

«Neben der einen Prämisse des Films, dass die Wahrheit Lüge und die Lüge Wahrheit ist ...

 

... ist die zweite Prämisse die, dass der Humor dort beginnt, wo der Spaß aufhört. Und zwar für all jene, die nicht Teil der Geldpolitik sind, die die Gesetze bestimmt. Ein Gespräch mit Daniel Hoesl (Regie), Gerald Kerkletz (Kamera), Julia Niemann (Regie-Assistenz, Produktion), Georg Aschauer und Kathi Posch (Produktion) über WINWIN, den neuen Film des European Film Conspiracy Kollektivs.


In den Filmen des European Film Conspiracy Kollektivs ist nie eine bereits geschriebene Geschichte Ausgangspunkt eines Projekts, sondern seine Philosophie. Welche Ereignisse oder gesellschaftlichen Zustände haben für dieses Projekt den Motor in Gang gesetzt?
Daniel Hoesl: Mein Interesse galt der Plutokratie, also den Superreichen. Wir suchten zunächst mit einigen Vertretern dieser Kaste das Gespräch, dann nach Leuten, die diesen „way of life“ leben, spielen können oder dieses Leben gut kennen.


Die „Superreichen“ sind wohl nicht Leute, die man einfach anruft und trifft. Wie konnten Sie an diese Welt andocken?
Daniel Hoesl: Manchmal geht es leichter als man denkt und man kommt an den einen oder anderen ziemlich schnell heran. Was mir die Sache erleichtert hat, war der Umstand, dass ich kein journalistisches Interesse verfolgte, sondern mich für deren Lebensrealität und Alltag interessierte. Ich sehe das natürlich kritisch, gleichzeitig ist klar, dass Geld per se nichts Schlechtes ist. Was ich hinterfragen möchte, ist der Umgang damit. Geld schafft Möglichkeiten. Wenn man viel davon besitzt wird Ethik natürlich ein Thema. Milliardär wird man meiner Meinung nach nur dann, wenn man Profit lebt. In unserem Film führen wir das vor. Es treten vier Investoren auf, denen der Ruf vorauseilt, dass sie „nachhaltig“ investieren. Allein ihr Auftreten am Parkett reicht aus, die Politik in eine Haltung zu bringen, von der auch wir zur Zeit bestimmt werden. Unsere Figuren können ungehindert ihre Show abziehen, weil Politik und Wirtschaft stets in der Hoffnung schweben, dass der Investor sich als weißer Ritter und Retter erweist.

War es Empörung, die Sie zu diesem Thema geführt hat?
Daniel Hoesl:  Es ist keine Neuigkeit: Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Die Tatsache, dass in der deregulierten Welt des Kapitals Anarchie herrscht, die uns beherrscht. In der Plutokratie geht es um Macht, um Machterhalt und Machtausbau, bewirkt durch Kapital, durch das Geld. Durch Kapital wird ein Gefüge geschaffen, das zum Gesetz wird, was wiederum im Grunde Anarchie bedeutet, für jene, die das Kapital haben, dieses Gefüge zu schaffen, weil sie es sind, die es schaffen. An diesem Punkt kommt die Ethik ins Spiel. Die Grundprämisse des Films: Wenn Plutokraten die Wahrheit sagen, dann wird sie als Lüge verstanden. Wenn sie lügen, wird das immer für die Wahrheit gehalten. Im Film wird immer die Wahrheit gesagt und das macht die Geschichte zur Satire, denn in Wahrheit, also in der Realität, wird immer gelogen. Das satirische Moment wird in WINWIN noch viel stärker als in Soldate Jeannette sein. Österreich ist Hauptschauplatz, aber nicht der einzige, hierher kommen die Investoren auf Unternehmens-Shoppingtour. Sie können sich vor Angeboten kaum erwehren. Ein gutes Beispiel ist Nicolas Berggruen, der in Deutschland Karstadt um den Betrag von 1€ erworben hat, das ein ganzes Immobilien-Imperium miteinschloss, nachdem Mitarbeiter des Unternehmens monatelang auf ihren Lohn verzichtet haben, um das Unternehmen zu retten. Er hat aber selbst nie etwas investiert, bloß die Markenrechte hat er erworben. Das Vertrauen in Investoren führt dazu, dass diesem Spiel freier Lauf gelassen wird. In diesem Film drehen die Protagonisten den Spieß um, halten der Politik den Spiegel vor, doch Politik und Justiz, Gewerkschafter und Wirtschaftsvertreter spielen weiter, also ob nichts wäre.

Eines eurer Prinzipien ist es, die Biografien der Schauspieler auch immer wieder in die Rollen einfließen zu lassen. Wie ließ sich das diesmal für Rollen aus dem internationalen Investment-Jetsets bewerkstelligen?
Julia Niemann:  Wir haben uns beim Casting wieder sehr viel Zeit genommen, unsere Darsteller kennenzulernen, waren nicht auf der Suche nach einer Besetzung für schon erdachte Rollen, sondern nach interessanten Menschen und ihren Geschichten. Ausgehend von den Biographien der Darsteller, ihren Eigenheiten und Schauplätzen haben wir uns zu den Geschichten vorgearbeitet und dabei großen Wert darauf gelegt, dass es sich um kosmopolitische Leute handelt, die überall in der Welt zu Hause sind und nicht nur vorrangig in Wien. Eine der Rollen wird von der Schauspielerin und Tänzerin Stephanie Cumming gespielt, die aus einem Ort namens Fort McMurry stammt, das ist die Öl-Boomtown von Kanada. Sie weiß daher überraschend viel über das Leben mit dem Ölgeschäft. Ihre Biographie liegt der Figur Frances Sandberg zugrunde, auch wenn wir ihre Geschichte stilisiert und abgeändert haben.  Eine weitere Rolle hat Christoph Dostal übernommen, der seine Karriere hier in Österreich als Schauspieler begann, zwischenzeitlich als Tänzer in London lebte, und jetzt in Los Angeles wieder als Schauspieler arbeitet. Das ist die richtige Basis, um einen Kosmopoliten darzustellen. Dann Jeff Ricketts, der aus Alabama stammt, in den USA als Schauspieler gearbeitet hat und jetzt mit seiner Frau, die Austro-Amerikanerin ist, in Wien lebt. Die vierte Darstellerin der Investoren ist Nahoko Fort, sie ist eine aus Japan stammende Opernsängerin, die lange in Paris gelebt hat.

Gerald Kerkletz: Wie in Soldate Jeanette spielen die Leute nicht sich selbst, aber sie können daraus schöpfen, das die Rolle, die sie spielen, auf ihren realen Biographien aufbaut und die Welt, in der sie sich bewegen, ihnen nicht fremd ist. Die Grenze zwischen Casting und Probe ist verschwommen. Das Spannende dabei ist, dass der Casting- und Probenprozess von der Entwicklung der Rollen nicht zu trennen ist. Parallel dazu ist auch die Erzählung entstanden, die sich auch diesmal, während des Drehs noch verändern durfte. Uns ist sehr früh klar geworden, dass es sich bei WINWIN um einen Ensemble-Film handeln wird. Wir haben vier Darsteller auf der einen Seite, und noch viel mehr auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. In Summe sicher eine zehnmal so große Besetzung wie bei Soldate Jeanette. Angesichts unserer Prämisse – möglichst kleines Team, möglichst geringer technischer Aufwand, möglichst reduziertes Arbeiten – war das diesmal eine besondere Herausforderung.  

Wie ist es gelungen, die Orte der Reichen mit den geringen verfügbaren Mitteln zu zeigen?
Georg Aschauer: Es musste ein Augenmerk darauf liegen, wertige Motive zu finden, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Wir waren am Privatflughafen, in der Majestic Suite des Sofitel, im Naturhistorischen Museum, in den ehemaligen Kaiserappartments in der Hofburg. Im DC Tower auf der Donauplatte bekamen wir über mehrere Wochen eine ganze Etage zur Verfügung gestellt, wo wir uns so richtig austoben konnten. Außerhalb von Wien waren wir am Ottensteiner Stausee, im Depot der Kunstsammlung Essl. Plutokraten verbringen sehr viel Zeit in einem Jet, einem Hotel oder einem Auto auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel, oder eben an einem Verhandlungstisch. Wir haben vor allem Transiträume gesucht.

Julia Niemann: Es geht ihnen bei den Räumen, in denen sie verkehren, nicht um ästhetische Gesichtspunkte, sondern um Funktionalität für die Geschäftsabwicklung – der Raum darf sich nicht ins Bild drängen, muss unauffällig im Hintergrund bleiben, während alle Konzentration auf den Abschluss des nächsten Geschäfts gerichtet ist. Diese Räume sind nüchtern und identitätslos, alles in ihnen ist auf ihre einzige Funktion ausgerichtet. Die Tische in den Restaurants sind gerade so weit voneinander entfernt, dass man sich ungestört besprechen und dennoch die anderen im Auge behalten und sehen kann, wer mit wem Geschäfte macht.

Gab es in der Kameraarbeit für WINWIN wie schon in Soldate Jeannette wieder eine Einschränkung auf wenige Optiken?
Gerald Kerkletz: Wir hatten dieses Mal bessere Objektive, aber es waren bis auf wenige Ausnahmen wieder nur drei Brennweiten. Es war auch bei WINWIN so, dass wir uns auferlegt haben, uns immer klar und deutlich zu entscheiden und auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das gilt nicht nur für die Anzahl der Brennweiten. Eine starke formale Veränderung bestand darin, dass wir sehr früh das Gefühl hatten, dass dieser Film nach einem anderen Seitenverhältnis verlangt. Im Gegensatz zu Soldate Jeannette mit einem Seitenverhältnis von 1:2,39 haben wir WINWIN in 1:1,33 gedreht, also im Format 4:3. Eine solche Entscheidung hat formalästhetisch Konsequenzen. Aber auch unabhängig davon, wollten wir das formale Prinzip von Soldate Jeannette nicht einfach wiederholen. Wir haben die Dinge überprüft, zum Teil weiterentwickelt, einige Male auf die Spitze getrieben, aber auch ganz Anderes ausprobiert. Es muss auch für uns spannend bleiben, ich sehe diesen Film wieder als Experiment. Wieder bestand die Herausforderung darin, das Große am Kleinen darzustellen. Wir haben gemeinsam einmal für uns festgehalten, das in der Einfachheit eine unbestechliche Eleganz liegt. Das der Reichtum dieser Arbeitsweise in seiner Unabhängigkeit liegt, und uns erlaubt ungehorsam zu sein und mit Witz und ohne Angst auch etwas auszuprobieren, weil wir nichts zu verlieren haben. Diesen Spirit hat ein Film der Conspiracy.

Wie sehr haben sich trotz eures Bestrebens, euren Prinzipien treu zu bleiben, dank des Erfolges von Soldate Jeannette die Rahmenbedingungen für dieses Projekt geändert?
Georg Aschauer: Es waren auch dieses Mal sehr überschaubare Mittel, auch wenn es mehr war als bei Soldate Jeannette. Es ist nach wie vor schwierig, im innovativen Filmschaffen Gelder zu finden. Wir haben sehr viel Unterstützung zum Beispiel von Seiten der für die Drehorte verantwortlichen Personen erhalten. Ohne diesen Goodwill wäre es nicht möglich gewesen, den Film zu realisieren.

Kathi Posch: Und auch das Team und die Schauspieler haben wieder Unglaubliches möglich gemacht. Ich hoffe sehr, dass die Politik und auch die Branche erkennt, wie wichtig innovative Mittel sind. Nicht statt den klassischen großen Filmförderungen, sondern eben zusätzlich. Es gibt einfach Filme, die anders nicht entstehen können. Aber auch für diese Projekte braucht es vernünftige Budgets, allerdings ohne dafür gleich die Freiheit und Unabhängigkeit aufgeben zu müssen, von der Gerald spricht.

Daniel Hoesl: In unserem Fall schränken die klassischen Rahmenbedingungen unseren kreativen Prozess so sehr ein, dass sie ihn unmöglich machen. Bescheidenheit, Vereinfachung, Reduktion – das ist weiterhin der Schlüssel: die innovativen Mittel. Und die Hoffnung auf Progress bei den anderen Förderstellen. Wenn man ohne große technische Spielereien, mit einem überschaubaren Equipment und mit sehr wenig Leuten eine Form findet, die ausdrückt, was einem wichtig ist, ohne eine großen Apparat zu brauchen, dann kann man sich auch mit wenig Geld leichter bewegen. Aber ohne Geld geht es natürlich auch nicht. Gottseidank gibt es Leute in dieser Welt, die verstehen, dass Geld nicht alles ist. Wir finden daher Unterstützer aus allen Bereichen. Diese Menschen wissen, dass Kultur nicht nur mit Geld geschaffen wird. Es ist uns gelungen, Leute für uns zu gewinnen, die mit keinem Geld der Welt zu gewinnen wären. Wir haben an Locations gedreht, die man sich wahrscheinlich als Filmproduktion nicht leisten kann. Wenn man glaubwürdig vermittelt, dass es da um etwas anderes geht, dann wollen auch Privatjet-Besitzer Teil dieser „Conspiracy“ sein und Immobilienentwickler öffnen die Tore ihrer Stadtschlösser.

Hat Sie die viel größere Anzahl an Schauspielern als Regisseur neu gefordert?
Daniel Hoesl: Wir haben sehr lange geprobt und konnten uns daher alles sehr gut erarbeiten. Die Texte wurden so fixiert. In manchen Fällen hat sich in der Probenarbeit eine Rolle so groß entwickelt, dass dafür dann eine andere Besetzung erforderlich wurde. In unserer Besetzung bin ich absolut überzeugt, dass wir von ganz vielen Menschenschlägen, immer die Sonderausgabe gekriegt haben. Nie das Tagblatt oder die Abendausgabe, sondern immer die Hochglanz-Version. Wenn man die Figuren in WINWIN auf ein Koordinatensystem umlegt, dann gibt es darauf ganz unterschiedliche, widerstrebende Charaktere, die da auftreten. Vom Obdachlosen bis zum echten Kosmopoliten. Gedreht haben wir nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch, Französisch und Italienisch. Durch die Stilisierung der Biografien bringen die Schauspieler eine Ko-Autorenschaft ein, die auch die Gratwanderung aus Narration und Quasi-Dokumentation zu einem gangbaren Weg macht. Die eigene Biografie schafft ein Spannungsfeld, in dem sich die Leute gut einbringen können. Sie überraschen uns immer wieder mit Ideen, ohne die wir mit leeren Händen dastehen würden.

Wie sehr hat euch der Anspruch auf Satire und Situationskomik im Entstehungsprozess eine besondere Aufgabe gestellt?
Daniel Hoesl: Die Leute spielen aber nicht sich selbst, sondern sind ganz stilisiert. Johanna Orsini-Rosenberg spielt in der Rolle einer Ministerin mit, das grenzt an Slapstick. Neben der einen Prämisse des Films, dass die Wahrheit Lüge und die Lüge Wahrheit ist, ist die zweite Prämisse die, dass der Humor dort beginnt, wo der Spaß aufhört. Und zwar für all jene, die nicht Teil der Geldpolitik sind, die die Gesetze bestimmt.

Julia Niemann: Wir haben uns die Leute beim Casting so ausgesucht, dass wir spürten, dass sie den Witz schon in der Hosentasche haben. Wir sind mit einer unkonkreten Idee, einer recht unkonventionellen Arbeitsweise und, in finanziellen Belangen, mit leeren Händen an sie herangetreten – das zieht auch ganz andere Menschen an und erzeugt eine ganz andere Dynamik.

Wird es trotz allen Witzes eine düstere Geschichte werden?
Katharina Posch: Auf mich wirkt es sehr bunt. Für mich hat es etwas Choreografiertes, Tänzerisches. Jede Szene hat eine eigene Bewegung. Das Ensemble gibt so viel her, weil es so vielseitig ist und dadurch an so vielen verschiedenen Stellen Berührungspunkte gibt.

Daniel Hoesl: „Deadpan“ also, die Komödie im Drama spielen, ist etwas, das ernst daherkommt, das man erst dechiffrieren muss und dann muss man darüber lachen, dass man es so lange ernst genommen hat. Zum Beispiel das Kochen, das spielt bei uns immer eine wichtige Rolle. Die Figuren werden über die Speisen, die sie essen, charakterisiert. Einer der Investoren isst Gargouillou, ein sehr elaboriertes Gemüsegericht von Michel Bras, das mit hoher Kunstfertigkeit zubereitet wird – in unserem Fall übrigens dankenswerterweise vom Chefkoch des Motto am Fluss, Peter Zinter: im  Prinzip ist es ein Gemüseteller. Man kann es so oder so sehen. Und in dieser Ernsthaftigkeit steckt etwas Absurdes. Und natürlich die Krankheit unserer Zeit: Materialismus – Konsumkultur ist eben bunt und lustig, auf den ersten Blick.

Gerald Kerkletz: Kochen als Metapher für unsere Art des Filmemachens war schon in SOLDATE JEANNETTE ein Thema. Entweder man kocht nach Rezept und sucht sich die Zutaten akribisch zusammen oder man schaut in den Kühlschrank, um aus dem Vorhandenen etwas zuzubereiten, auch wenn es auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheint. Die kreative Aufgabe ist, es so zu kombinieren, dass es ein spannendes Gericht wird. Wir haben mit diesem zweiten Film versucht, weiterzugehen und die Schraube um eine Umdrehung anzuziehen. Soweit es sich bis jetzt anfühlt, ist es uns gelungen, sie sogar mehr als eine Umdrehung anzuziehen. Ich bin schon sehr gespannt, was Natalie Schwager im Schnitt daraus macht.

Daniel Hoesl: Wir haben jetzt 26 von 35 Drehtagen verbraucht und es ist sehr viel Material da. Wir können noch ein bisschen was drauflegen. Wir gehen jetzt schon in den Schneideraum, da werden wir sehen, ob noch was fehlt und wo man noch etwas Pfeffer einstreuen kann. Es ist wie das Arbeiten an einer Skulptur.


Interview: Karin Schiefer
Juni 2014