Rosa Friedrich ist Vieles in MEIN FREUND DER PORNOSTAR: Freundin, Protagonistin, Casterin, Filme-Macherin, Abenteuerin, Forscherin. Letzteres vor allem deshalb, weil sie sich in
ihrem hybriden Dokumentarfilm in zahlreiche Grenzzonen wagt: Sie lässt sich, angeregt vom intimen Wunsch eines Freundes, auf
ein riskantes filmisches Vorhaben ein, touchiert eine Tabuzone der Filmproduktion, experimentiert mit KI und Identität und
reflektiert über Macht und Verantwortung in ihrer Position hinter der Kamera.
Das Genre hybrider Dokumentarfilm ist nur eine Facette von MEIN FREUND DER PORNOSTAR, der sich an vielen Grenzlinien bewegt. Es ist ein Film, der viele Aspekte des Filmens und Gefilmt-Werdens hinterfragt. War
die Frage des Grenzen-Auslotens dieses Mediums ein Grundthema dieses Films?
ROSA FRIEDRICH: Die Idee, einen hybriden Film zu machen, war sehr früh da. Das Ausloten der Grenzen des Dokumentarischen war dabei weniger
ein theoretisches Vorhaben, sondern hat sich aus dem Stoff ergeben. Der Film handelt ja selbst davon, wie Menschen sich zeigen,
inszenieren und durch eine Kamera verändern. Da fand ich es schlüssig, auch die eigene filmische Konstruktion nicht zu verstecken.
Außerdem fehlt mir vermutlich die Geduld, ein dokumentarisches Thema sehr lange nur zu beobachten und erst im Nachhinein aus
dem Material einen Film zu konstruieren. Ich denke sehr visuell und finde es reizvoll, selbst gestalten und auch dramaturgisch
eingreifen zu können. Bei einer Fördereinreichung muss man im Treatment ohnehin einen dramaturgischen Verlauf entwerfen, der
notwendigerweise auf einer – letztlich fiktionalen – Annahme beruht. Für mich lag es deshalb nahe, diese Konstruktion weiterzuführen
und den gestalterischen Eingriff von Beginn an offenzulegen.
Die Zuschauerzahlen im Porno-Genre, so erfährt man im Film, sind deutlich höher als jene im Kino und dennoch gilt dem einen
der Glanz, dem anderen die Ächtung. Wollten Sie durch MEIN FREUND DER PORNOSTAR mit einer Tabu-Zone in der Filmproduktion
in Berührung kommen?
ROSA FRIEDRICH: Nein. Es ist nicht meine Art, Tabus zu brechen. Die Zahlen sind allerdings wirklich absurd. Adrineh, eine unserer Gesprächspartnerinnen
im Film, war Opernsängerin und produziert heute Pornofilme. Sie spricht genau diesen Widerspruch an: Als Sängerin wurde sie
hofiert, als Porno-Produzentin fühlt sie sich geächtet. Dabei ist sie immer noch derselbe Mensch. Auch wir haben im Finanzierungsprozess
gespürt, dass wir mit dem Thema an gewisse Grenzen stoßen, und es hat entsprechend lange gedauert, den Film zu finanzieren.
Es ist ein schwieriges Thema. Aber je mehr etwas in der Schmuddelecke bleibt, desto weniger kann man hinschauen, kontrollieren
und letztlich auch verbessern. Es gibt sehr ethische Pornofilm-Produktionen und auch sehr künstlerische Ansätze. Das geht
oft unter, weil Pornofilm pauschal als Tabuthema betrachtet wird, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Natürlich muss
man klar sagen, dass in diesem Bereich vieles falsch läuft. Aber der spezifische Bereich, den wir uns angeschaut haben – die
alternative Pornofilm-Produktion –, ist unterbeleuchtet. Dort läuft gar nicht so viel „schlecht“, außer vielleicht, dass die
Darsteller kaum davon leben können und deshalb einen anderen Brotberuf brauchen.
Dass Timo, Ihr Protagonist, zunächst seine Filmidee verfolgt und dann aus dem Projekt aussteigt, könnte auch ein fiktionaler
Plot sein. Wo ist, soweit Sie das mit uns teilen wollen, die Linie zwischen Fiktion und Dokumentarischem in MEIN FREUND DER
PORNOSTAR zu ziehen?
ROSA FRIEDRICH: Die Grenze zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem ist in diesem Projekt sehr fließend; sie bewegt sich, würde ich sagen,
zwischen Null und Hundert. Ich kann das nicht genauer offenlegen, weil die fiktionale Ebene auch einen Schutz für alle bildet,
die am Film mitgewirkt haben. Im Verhältnis Realismus zu Inszenierung liegen wir von rein dokumentarischen Projekten allerdings
gar nicht so weit weg. Nur bei uns gibt es eben auch sehr klar inszenierte Aspekte, wie etwa den Schauspieler Aaron, der sein
Gesicht und seine Stimme für den Protagonisten zur Verfügung stellt. Aber selbst da verschwimmen die Grenzen, ob dieser dramaturgische
Kniff als inszeniert wahrgenommen wird oder nicht. Eigentlich, würde ich meinen, darf man sehr wohl allen Szenen und Protagonist:innen
glauben, denn selbst wenn etwas inszeniert ist, sind die Ideen dafür der beobachteten Realität entnommen. Und letztlich macht
es ja auch mehr Spaß, etwas zu glauben.
Timo will beim echten Sex gefilmt werden, weil für ihn erst die Zeugenschaft der Kamera dieser Handlung Existenz verleiht.
Was hat Sie an diesem Spannungsfeld zwischen Intimität, die man für sich behält, und der Notwendigkeit, sie mit dem Außen
zu teilen, interessiert?
ROSA FRIEDRICH: Es war ein sehr berührender Moment, als Timo mir während einer Autofahrt eröffnet hat, dass ihm erst die mediale Aufzeichnung
eines intimen Moments das Gefühl vermittelt, dass er wirklich stattgefunden hat. Dieses Gespräch ist für mich eine emotionale
Schlüsselszene im Film, in der man dem Protagonisten sehr nahekommt. Darin zeigt sich auch eine Zerrissenheit, die für mich
ein wichtiger Ausgangspunkt war: Der Wunsch, sich intim zu exponieren. Gepaart mit der Angst, genau für diese exponierte Intimität
verurteilt zu werden. Die Gleichzeitigkeit finde ich spannend: Timo will uns alles von sich zeigen, seine Sexualität und seine
inneren Konflikte und trotzdem fürchtet er sich davor, was danach folgen wird. Durch diesen Kontrast stehen seine Wünsche
immer wieder im Konflikt mit seinem Handeln und vieles bleibt Fantasie. Auch dadurch, dass es im Laufe des Drehprozesses zum
Abbruch kommt, verlassen wir Timos Fantasie von einem perfekten Sexfilm nie, da er nie stattfindet.
Timo ist aber nicht die einzige Figur in diesem Film, die darauf hinweist, dass das Gesehen-Werden ein wesentlicher Aspekt
ihrer Intimsphäre und Sexualität ist.
ROSA FRIEDRICH: Im Film sagt Protagonist:in Alice Eric Moe: Wenn im Wald ein Baum umfällt, und keiner bekommt es mit: Ist es dann tatsächlich
passiert?‘ Alice meint, dass Menschen das Gefühl brauchen, gesehen zu werden, um wirklich zu existieren. Wir sind soziale
Wesen und brauchen den Abgleich miteinander, die Spiegelung durch das Außen, um uns unserer eigenen Existenz zu vergewissern.
Dieses Bedürfnis haben wir in vielen Bereichen, doch die Intimsphäre wird dabei meist ausgeklammert. Manche Menschen wünschen
sich aber auch dort eine Form von Bestätigung von außen, durch andere oder durch die Gesellschaft. Das ist nachvollziehbar,
aber sehr individuell. Gerade wenn es um Intimität geht, ziehen Menschen ihre Grenzen sehr unterschiedlich.
Abgesehen von Timo arbeiten Sie mit einer Gruppe, die aus sehr unterschiedlichen als Frauen gelesenen Persönlichkeiten zusammengestellt
ist. Wann kam diese Gruppe ins Projekt? Welche Kriterien haben das Casting bestimmt?
ROSA FRIEDRICH: Wir haben den Film mit Timo begonnen. Der Casting-Prozess für seine mögliche Filmpartnerin war aber von Anfang an ein wesentlicher
dramaturgischer Strang. Durch Timos Ausstieg haben wir uns mehr auf die bisherigen Nebenfiguren fokussiert und speziell die
Leute, die wir bereits während der Castings kennen gelernt haben, sind nachträglich ins Zentrum gerückt. Das geschah etwa
nach zwei Dritteln der Dreharbeiten. Den ursprünglichen Casting-Aufruf hatte ich gemeinsam mit Timo formuliert: Wir suchten
nach Darstellerinnen, die sich vorstellen konnten, seine Filmpartnerin zu sein. Diesen Aufruf haben wir über verschiedene
Plattformen und auch über Dating-Profile verbreitet. Aus all diesen unterschiedlichen Wegen ist schließlich die Zusammensetzung
der Gruppe gewachsen.
Was eindeutig dokumentarisch ist, ist die Begegnung mit Menschen, die in der Pornoindustrie tätig sind – Produktion, Regie,
Darstellung – und Sie sprechen dabei nur mit Frauen. Warum?
ROSA FRIEDRICH: Ein Grund liegt sicherlich darin, dass es gerade eine stärkere Sensibilisierung für weibliche Perspektiven gibt. Außerdem
wollten wir ein Gegengewicht zu einem stark männlich dominierten Feld schaffen. Dennoch haben wir auch ein sehr interessantes
Gespräch mit einem männlichen Darsteller aus der alternativen Branche geführt. Das hätte einen möglichen Weg für Timo aufzeigen
können, ist aber im sehr langen Schnittprozess irgendwann herausgefallen. So ist es letztlich ein Film mit einer starken weiblichen
Präsenz geworden, ohne dass das von Beginn an eine Prämisse war. Ich finde es interessant, dass sich der Film auf diese Weise
in eine feministische Richtung entwickelt hat, weil die Entscheidungen, die im Laufe eines Filmprozesses getroffen werden,
immer auch ein Stück weit die Zeichen ihrer Zeit reflektieren.
Ein weiterer Grenzbereich, den Sie auf sehr interessante Weise berühren, ist das Schauspiel: Wo endet die Schauspielkunst
in der Grauzone, in der Sie sich bewegen? Wo beginnt für Darsteller:innen die gesellschaftliche Abwertung und die Sorge vor
gravierenden Konsequenzen fürs berufliche und gesellschaftliche Leben? Und Sie werfen die Frage auf, was durch KI auf Schauspieler:innen
zukommen kann.
ROSA FRIEDRICH: Es passiert Schauspieler:innen immer wieder, dass ihr Gesicht für Deepfakes verwendet wird und in pornografischem Material
landet. Das betrifft den professionellen Bereich, kann aber genauso Jugendlichen in der Schule passieren, wenn etwa die Gesichter
von Klassenkamerad:innen eingesetzt werden – mit teilweise schwerwiegenden Konsequenzen, gerade für junge Mädchen. Technisch
betrachtet genügt heute ein Foto, um ein Gesicht mittels Deepfake beliebig einzusetzen. Ist das Material einmal hochgeladen,
lässt es sich, selbst wenn man rechtliche Schritte ergreift, oft nie wieder vollständig zum Verschwinden bringen. Je jünger
man ist, desto gravierender kann das sein. Das ist ein riesiges Problem. Mir war wichtig, mit unserem offensichtlichen Deepfake
auch darauf zu verweisen. Was Aaron Karl in MEIN FREUND DER PORNOSTAR macht, nämlich sein Gesicht zur Verfügung zu stellen,
um jenes von Timo zu überlagern, hätte sicher nicht jeder Schauspieler gemacht. Er war dabei sehr offen und unverfroren.
Musste für diesen Deepfake-Effekt nichts nachgespielt werden?
ROSA FRIEDRICH: Bei uns war das ein spezieller und durchaus komplexer Prozess, weil wir die Mimik und die echten Emotionen unseres Protagonisten
Timo erhalten wollten. Wir haben Material aus der ORF-Serie Walking on Sunshine, in der Aaron mitwirkt, herausgespielt und
damit eine KI gefüttert, die sich die verschiedenen Facetten seines Gesichts eingeprägt und anschließend auf unser Material
„daraufgerechnet“ hat. Es musste also nichts nachgespielt werden. Aaron hat uns lediglich sein Gesicht und seine Stimme zur
Verfügung gestellt. Es ist beeindruckend, was KI in diesem Bereich bereits leisten kann. In unserem Fall hat dieser Schritt
das Projekt gerettet, weil wir ihn auch mit unserem bescheidenen finanziellen Rahmen umsetzen konnten. Wir hatten außerdem
ein tolles VFX-Team, das auch bereit war, eher unorthodoxe Lösungswege zu finden.
Von den Eröffnungstiteln weg ist man in einer sehr heiteren und starken Farbigkeit, die nicht nur diese Arbeit über Sexualität
in einer Referenz zum queeren Regenbogen bestimmt, sondern auch in Ihren anderen Arbeiten ein starkes Ausdrucksmittel darstellt.
Transportiert Ihre grundsätzliche Haltung zu Farbe eine Leichtigkeit und Verspieltheit, die immer Teil Ihres Erzählens sein
soll?
ROSA FRIEDRICH: In MEIN FREUND DER PORNOSTAR haben wir bewusst auf Buntheit und knallige Farben gesetzt, was für mich Lebensfreude und Leichtigkeit
bedeutet. Wir wollten ein tiefgründiges und manchmal auch schweres Thema behandeln, aber gleichzeitig vermitteln, dass man
dem Film mit einer gewissen Leichtigkeit begegnen darf. Jede:r kann dadurch selbst entscheiden, welche Aspekte man näher an
sich heranlässt. Ich bin beim Filmeschauen selbst eine eher sensible Zuschauerin und schätze es, wenn ich diese Möglichkeit
habe. Wenn ich von Beginn an mit zu viel Schwere und Schicksalsschlägen konfrontiert werde, bin ich irgendwann nicht mehr
aufnahmefähig. Humor schafft für mich eine gewisse Distanz: Man wird nicht sofort von der Emotion überwältigt, sondern kann
einem Thema zunächst auf einer reflexiven Ebene begegnen.
Wir hatten ja kein großes Team, daher habe ich auch einen Großteil der Kostüme selbst zusammengestellt. Meine eigenen Outfits
habe ich stark als Teil der Mise-en-scène betrachtet und dafür bewusst sehr farbkräftiges Gewand gewählt. Ich trage grundsätzlich
gerne bunt, aber für den Film habe ich noch einmal nachgelegt. Nach einem Probedreh, bei dem wir noch keine verantwortliche
Person fürs Szenenbild hatten, war ich von den Bildern so ernüchtert, dass klar wurde, dass wir trotz geringer Teamgröße unbedingt
Szenenbildner:innen brauchten. Größtenteils wurde es von Marlene Oberneder gestaltet, die den Stil des Films sehr gut verstanden
hat. Von da an konnten wir die Bilder viel stärker nach unseren Vorstellungen gestalten – und mir wurde wieder einmal bewusst,
wie wichtig es mir ist, ihnen einen bestimmten Gestaltungsgrad zu verpassen.
Wie intensiv war in dieser Phase die Zusammenarbeit mit Ihrer Kamerafrau Laura Ettel?
ROSA FRIEDRICH: Laura hatte ein großes Gespür für die Lichtfarben, die wir brauchten. Wir haben nach dem Probedreh auch ein klareres Kamera-Konzept
erarbeitet und haben bei der Wahl der Drehorte speziell nach großen Farbflächen und Rastern gesucht. Das hat gut funktioniert.
Über die Zeit sind wir zu einem wunderbar eingespielten Team zusammengewachsen. Es war eine sehr schöne Zusammenarbeit, in
der man nicht mehr viel erklären musste.
Welche Fragenstellungen gab es bedingt durch Timos Ausstieg im Schnitt zu lösen?
ROSA FRIEDRICH: Melanie Schmidt, die Editorin, ist eine sehr sensible Person, der es wichtig war, das Wohl aller vor der Kamera immer mitzudenken.
Bildlich gesprochen hatten wir Timo, seine Aussagen und Wünsche stets „im Nacken“, und wir haben uns bei jedem Bild gefragt,
was er dazu sagen würde. Wir haben außerdem viele Testscreenings organisiert und genau beobachtet, was für die Zuschauer:innnen
verständlich war und was nicht, denn der Film hat durch seinen Ausstieg sehr viele Ebenen bekommen. Das wurde uns besonders
bewusst, als wir versucht haben, eine Logline zu formulieren. Wir haben lange jongliert, bis der Film immer klarer wurde.
Nach jedem Testscreening gab es weniger Verständnisfragen. Nicht jeder Film braucht diese Methode, aber wir wollten einen
Film über ein sensibles und tabubeladenes Thema machen, bei dem sich die Zuschauer:innen nicht gleich verschließen und daher
war es uns wichtig, viele verschieden Meinungen während der Schnittphase einzuholen.
Bei der Weltpremiere in Karlovy Vary ist mir bewusst geworden, dass der Titel MEIN FREUND DER PORNOSTAR möglicherweise die
Erwartung weckt, einen großen Blick auf die Pornoindustrie zu bekommen. Das ist der Film aber gar nicht. Es ging uns beim
Dreh und später im Schnitt vielmehr um einen kleinen Einblick in individuelle und doch universell nachvollziehbare Geschichten,
die ich gerade in ihrer Einfachheit spannend finde. Auch der „Star“ im Titel ist ironisch gemeint. Wir haben stark betont,
dass Timo und ich uns als absolutes Amateur-Couple auf eine Art Buddy-Komödie einlassen – und dann sichtbar wird, dass das
hinten und vorne nicht funktioniert.
Der Umstand, dass Sie selbst sehr viel vor der Kamera sind, bringt auch grundsätzliche Fragen über die Rolle der Regie im
Dokumentarfilm ein. Sie thematisieren in der Eröffnungs- und auch Schlussszene die Machtposition der Regie. Wollten Sie in
einer Thematik, wo es systemisch um männliche Dominanz geht, auch eine Umkehrung der Machtverhältnisse zeigen?
ROSA FRIEDRICH: Die Frage nach meiner Machtposition wurde mir vom Protagonisten selbst sehr nachdrücklich immer wieder gestellt. Ich fand
das interessant und habe es aufgegriffen, weil es gerade im Dokumentarfilm eine sehr relevante Frage ist. Ich weiß, dass ich
keine bösen Absichten habe, aber die Protagonist:innen können zunächst nur darauf vertrauen, dass dem so ist. Ich entscheide,
was gefilmt, ausgewählt und letztlich gezeigt wird. Dadurch, dass ich selbst vor der Kamera bin, setze ich mich diesem Machtgefüge
zumindest teilweise auch aus.
Ja, hier ist es eine Frau, die einen Mann filmt, der sich sexuell exponieren möchte. In diesem Sinne gibt es sicher eine Umkehrung
des klassischen Blicks. Mir ging es aber weniger darum, männliche Dominanz einfach umzukehren, als meine eigene Macht und
Verantwortung sichtbar zu machen. Dafür gab es hinter der Kamera auch konkrete Auffangsysteme: Zum Beispiel konnten alle Protagonist:innen
den Film vor der Veröffentlichung sehen und sich dazu äußern und mit Timo waren seine Tabulinien vorab klar vereinbart. Aber
man kann noch so viel vorab vereinbaren, für Timo war es nicht leicht, die Kontrolle über sein Bild abzugeben. Klar, meine
eigene moralische Integrität kann ich als selbstverständlich betrachten – alle anderen können letztlich nur darauf vertrauen.
Sie machen vor allem durch die Schlussszene darauf aufmerksam, dass man als Regisseurin möglicherweise die Protagonist:innen
auch benutzt,
ROSA FRIEDRICH: Ich setze mich mit diesem Ende sehr bewusst auf diese Problematik drauf und erzähle eine Regiepersönlichkeit, die mehr Grenzen
überschreitet, als ich das tatsächlich mache. Ich spiele ja auch eine Rolle im Film. Meine Filmfigur ist naiver, aber auch
frecher und Grenzlinien gegenüber fluider. Es gibt sicher Zuschauer:innen, die das nicht so ausklamüsern können und denken,
dass ich wirklich so bin. Für mich ist es aber klar ein Verweis darauf, was für eine Machtposition eine Regieperson theoretisch
hat.
Mit Ihrem Freund als Protagonisten wird nicht nur das Verschmelzen von Privatem und Professionellem problematisch, Sie spielen
auch eine Regisseurin, die immer wieder vor der Kamera eine Kamera in der Hand hält. Film ist als Machwerk sichtbar, inwiefern
war Ihre doppelte Rolle immer mit der Suche nach der adäquaten Distanz verbunden?
ROSA FRIEDRICH: Ursprünglich war gar nicht geplant, dass ich so viel vor der Kamera bin, das hat sich im Prozess ergeben. Die richtige Distanz
zu finden, war tatsächlich schwierig, weil ich gleichzeitig Freundin, Regisseurin und schließlich auch Figur im Film war.
Die Spannungen zwischen Timo und mir sind deshalb teilweise vor die Kamera geflossen, auch wenn wir versucht haben, sie nicht
zu sehr in den Vordergrund treten zu lassen. Letztlich ist an diesem Projekt tatsächlich eine Freundschaft zerbrochen – vielleicht
nicht für immer, aber zumindest vorerst.
Als Timo ausgestiegen war, wurde die professionelle Distanz wieder größer. Daher waren die Dreharbeiten des letzten Drittels
mit der Gruppe für mich und das gesamte Team wesentlich leichter. Ich konnte meine Rolle als Regisseurin wieder klarer einnehmen
und die privaten Spannungen ausklammern. Wir haben zwar einen bunten und leichtfüßigen Film geschaffen, die Stimmung während
der Dreharbeiten war aber oft angespannt. Im Nachhinein glaube ich, dass gerade diese Reibung zwischen persönlicher Nähe und
dem Versuch, professionell Distanz herzustellen, auch Teil des Films geworden ist.
Wichtige Erfahrungen, die vielleicht auch Konsequenzen für weitere Projekte haben?
ROSA FRIEDRICH: Ich habe sehr viel aus dieser Erfahrung gelernt, vor allem darüber, mit wem ich in Zukunft nicht zusammenarbeiten würde. Ich
rate meinen Kolleg:innen nun etwas provokativ davon ab, mit Freunden und Freundinnen zu arbeiten. Das kann man natürlich nicht
über einen Kamm scheren. Ich denke aber, Freundschaft verlangt nicht nach so viel Verpflichtung und Abhängigkeit wie ein Arbeitsverhältnis.
Das Schöne an Freundschaft ist ja, dass man auch mal auf Distanz gehen und wieder zusammenkommen kann. In einer Arbeitsbeziehung
muss man sich aufeinander verlassen können, auch in einer Stresssituation. Man lernt Menschen dabei anders kennen. Es ist
vielleicht vergleichbar mit einer partnerschaftlichen Beziehung, wo man sich im Guten wie im Schlechten auch aufeinander verlassen
können muss.
Interview: Karin Schiefer
August 2026










