Die kreativen Kräfte im europäischen Film kamen bei den European Film Awards heuer bereits zum 20. Mal zu Ehren. Wenig beachtet im Hintergrund blieben bisher jene, die alles eigentlich erst möglich
machen. Der Prix Eurimages rückt nun auch die Produzenten und ihre Leistung im Rahmen europäischer Koproduktionen in den Vordergrund. Einer der beiden
Preisträger, der 2007 erstmals vergebenen Auszeichnung ist Veit Heiduschka.
Der Prix Eurimages zeichnet erstmals die Leistung europäischer Produzenten im Bereich der Koproduktion aus. Sie gehören mit
Margaret Menegoz zu den ersten beiden Preisträgern. Was bedeutet das für Sie?
VEIT HEIDUSCHKA: Im ersten Moment war ich irritiert, denn es gibt in Europa eine ganze Reihe von wirklich guten Produzenten. Die meisten haben
mehr oder weniger dieselben Erfolge und Misserfolge zu verzeichnen. Ich war der erste, der in Österreich einen Film mit Eurimages
produziert und immer reibungslos abgerechnet hat. Genau kann ich es mir aber nicht erklären, warum ich einer der beiden Preisträger
bin, da muss man die Jury fragen, weshalb gerade Margaret Menegoz und ich ausgewählt worden sind. Immerhin haben Wega-Film
und Les Films du Losange schon drei Filme gemeinsam gemacht, davon waren zwei besonders herausragend. Eurimages hat heuer
erstmalig die European Film Academy mitgefördert und sich deshalb für einen Produzentenpreis eingesetzt. Es freut mich, dass der Stellenwert der Produzenten
endlich mal ein wenig aufgewertet wird. Jeder Preis ist ehrenvoll und hilft wahrscheinlich auch, den nächsten Film leichter
zu finanzieren.
Wann haben Sie mit internationalen Koproduktionen begonnen?
VEIT HEIDUSCHKA: Die erste Koproduktion habe ich 1992 durchgeführt, das war Kinder der Landstraße, eine Koproduktion mit der Schweiz und Deutschland.
Am Ende dieses Projekts ging der federführende Koproduzent aus der Schweiz in Konkurs und hat uns Koproduktionspartnern einige
Schwierigkeiten zurückgelassen. Koproduktionen sind nie eine einfache Angelegenheit. Koproduktionen haben Vor- und Nachteile.
Ein Nachteil liegt im Risiko, dass man u.U. den oder die Partner nicht kennt, die Rechtslage in den anderen Ländern eine andere
ist, was u.U. zu bösen Überraschungen führen kann. Außerdem besitzt man nur einen geringen Prozentsatz der Rechte am Film,
was auch zur Teilung möglicher Verwertungserlöse führt. Der Vorteil ist natürlich, dass ich Filme mit höherem Budget finanzieren
kann, ich denke an Wolfzeit oder Caché, die aus Österreich heraus nicht alleine finanzierbar waren. Es ist für ein kleines Land wie Österreich nicht möglich, mit
österreichischem Geld allein aufwändige Filme zu produzieren. Benny’s Video war der erste Film, wo es nicht mehr möglich war, in Österreich allein die nötigen finanziellen Mittel aufzustellen. Bei
Koproduktionen muss man überlegen, ob die Vor- oder die Nachteile überwiegen und bedenken, dass jede Koproduktion automatisch
die Kosten erhöht (Reisekosten, verschiedene Sprachversionen, mehrere Negative etc.). Eine Koproduktion kann, je nachdem wie
viele Partner dabei sind, zwischen acht und zwölf Prozent teurer werden.
Welchen Erfahrungsprozess durchschreitet man in zwanzig Jahren Koproduktionen?
VEIT HEIDUSCHKA: Natürlich zahlt man Lehrgeld. Deswegen kommt es auch immer wieder zur Zusammenarbeit mit jenen Parner, mit denen man bereits
produziert hat, weil man die gegenseitigen Stärken und Schwächen kennt und Probleme partnerschaftlich lösen kann. Was mir
neben der Koproduktion sinnvoll erscheint, ist die Kofinanzierung. Da habe ich ein höheres Budget, ohne die gleiche Rücksicht
nehmen zu müssen, wie z.B.: Welche künstlerischen und technischen Anteile müssen aus dem jeweils anderen Koproduktionsland
in die Produktion einfließen und ohne die erhöhten Zusatzkosten, die eine Koproduktion verursacht? Wir haben vor einigen
Jahren einen kleinen Film – Spurensuche – koproduziert; das war eine finnisch-ungarisch-österreichische Koproduktion, eine Kombination, die es noch nie zuvor gegeben
hat. Für Eurimages war es, glaube ich, interessant, einmal eine Koproduktion mit diesen drei Ländern ausprobieren, denn sie
wollen ja – das war der politische Gedanke von Eurimages – Produktionsfirmen aus unterschiedlichen Ländern zusammenführen, sodass diese vielleicht auch bei anderen Projekten ohne
die Unterstützung von Eurimages zusammenarbeiten. Wir waren bei dieser Koproduktion mit 25% beteiligt. Aufgrund der österreichischen
Richtlinien mussten wir diese Gelder in Österreich ausgeben. Hätten wir 10% davon nach Ungarn überweisen können, so hätte
unser ungarischer Partner diesen Film auch produzieren können, d.h. er war voll finanziert. Das gesamte Budget des Filmes
hätte um 15% geringer sein können. Aber selbstverständlich ist das eine Ausnahme und wirkliche Koproduktionen ermöglichen
überhaupt erst die Herstellung des betreffenden Filmes.
Wie geht man bei der Wahl der Koproduktionspartner vor?
VEIT HEIDUSCHKA: Es ist sehr einfach. Wenn man erfolgreich ist, dann zieht man auch Interessenten an. Wenn man heute als Produzent beginnt,
muss man die Projekte in der Größenordnung – was Budget und Aufwand betrifft – langsam steigern. Ich erinnere mich an unsere
erste Koproduktion. Da saßen wir drei Produzenten in Locarno beim Mittagessen und waren uns innerhalb einer halben Stunde
einig, wie es gehen soll. Hinterher haben drei Anwälte jeweils in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich drei Monate
gebraucht, um die regionalen, nationalen und internationalen Richtlinien und Gesetze unter einen Hut zu bringen. Trotzdem
hatte der deutsche Partner und ich eine Reihe von Schwierigkeiten, weil der dritte Kopartner – wie bereits erwähnt – am Ende
der Produktion Konkurs anmelden musste. Das Risiko bei einer Koproduktion lässt sich nie vollkommen absichern und es nützt
auch nichts, Auskünfte über den Stand der Firma des Koproduzenten einzuholen. Bei Filmfirmen kann sich die wirtschaftliche
Situation innerhalb eines Vierteljahres ändern. Das einzige Kapital, welches Filmproduktionen haben, sind die Filmrechte und
die sind oft nicht gleich oder jederzeit verwertbar. Banken bewerten heute die Rechte gar nicht mehr.
Ich bekomme immer wieder Anfragen aus verschiedensten Ländern. Dabei handelt es sich aber in der Regel um keine geplanten,
echten Koproduktionen, sondern man will eigentlich nur Geld. Eine echte Koproduktion bedeutet ja nicht nur finanziellen, sondern
auch technischen und künstlerischen Austausch. Das Beste ist, wenn man ein Buch bereits von der Idee her mitentwickelt und
jeder Produzent das einbringen kann, warum er bei diesem Projekt mitgehen will. Für mich ist jener Koproduzent von Interesse,
dessen Projekt für mich interessant ist, oder der mein Projekt interessant findet und auch in der Lage ist, die notwendigen
finanziellen Mittel als Ko-Partner aufzustellen.
Wäre ein Projekt wie Für einen Augenblick, Freiheit auch als rein österreichische Produktion denkbar gewesen?
VEIT HEIDUSCHKA: Nein, dieser Film wäre ohne ausländische Beteiligung nicht möglich gewesen. Die geplante Koproduktion mit der Türkei, wo wir
gedreht haben, kam nicht zustande. Dankenswerterweise erhöhte der ORF seine Mittel und auch wir konnten durch Referenzmittel,
die wir beim ÖFI besaßen, den Ausfall der türkischen Beteiligung auffangen und so ein halbes Jahr später mit dem Dreh beginnen.
Aber auch ohne die französische Beteiligung wäre der Film nicht finanzierbar gewesen. Im Moment kann man in Österreich nur
nach oben hin begrenzte Mittel aufstellen. Aber die Kosten bei Spielfilmen erhöhen sich von Jahr zu Jahr. Mit österreichischem
Geld allein kann man in Österreich keinen großen Film produzieren, da einfach dazu die finanziellen Recourcen fehlen. Wir
konnten in den achtziger Jahren unsere Filme aus Österreich heraus finanzieren, Anfang der Neunziger ging das schon nicht
mehr. Mein erster Film hatte 1982 ein Budget von zehn Mio öS, 1996 produzierten wir bereits einen vergleichbaren Film, dessen
Budget bei 24 Mio öS lag. Die Förderungsanstalten sind mit den steigenden Produktionskosten nicht mitgewachsen. Das ÖFI hat
dieses und auch nächstes Jahr so viel, wie es 1998 hatte, ohne dabei die Geldentwertung zu berücksichtigen. Das ist zurzeit
unser Dilemma in Österreich, dass wir gute Kreative und gute Produzenten haben, aber nicht die Mittel, um die entsprechenden
Filme zu produzieren.
Für einen Augenblick, Freiheit und Das weiße Band von Michael Haneke sind Ihre nächsten großen Projekte. Wie sieht der Stand der Dinge aus?
VEIT HEIDUSCHKA: Arash T. Riahi ist ein begabter Regisseur, er hat das Buch beim Sundance Festival gepitched, Sydney Pollack hat ihm einen
begeisterten Brief geschrieben. Trotzdem haben wir noch eine Weile mit ihm am Buch gearbeitet, es gekürzt und mit diesem Buch
dann Les Films du Losange überzeugt, mitzuproduzieren. Es ist ein Projekt, das in Farsi gedreht wurde, die Vermarktung mit
Untertiteln ist dadurch schwieriger, weil es weniger publikumsfreundlich ist. Das Buch hat aber eine ungeheure Kraft, weil
es zu einem Großteil auf wahren Geschehnissen beruht. Der Film ist sehr emotional und meines Erachtens nicht der typische
österreichische Film. Arash hat sich mit voller Seele in diesen Film hineingelassen, hat die Schauspieler gut geführt, was
mit drei Kindern nicht einfach war. Wir hatten etwas mehr Schnittzeit als geplant, haben den Film mehrfach mit Publikum getestet
und ich bin überzeugt, dass der Film gut geworden ist. Ich stehe dahinter, entscheiden wird das Publikum.
Das andere Projekt, Das weiße Band, von Michael Haneke ist ein sehr großer Film. Es war schon mal als großes Fernsehprojekt geplant, das der ORF dann selbst
mit internationalen Fernsehpartnern nicht realisieren konnte. Die Rechte fielen wieder auf Haneke zurück und es gelang mir
mit großer Unterstützung des ORF, eine Koproduktion zwischen Österreich, Frankreich, Deutschland und Italien herzustellen,
wobei das meiste Geld aus Deutschland kommt. Es haben sich nur einige Probleme ergeben: der Film spielt in einem Dorf vor
1914 und es ist sehr schwer, eine entsprechende Location in Deutschland zu finden. Außerdem haben wir 14 Kinder in mehr oder
weniger großen Rollen und die Arbeitsbeschränkungen sind sehr streng, v.a. was die Nachtdrehs betrifft. Eines der Hauptprobleme
ist, dass das Buch auf Ulrich Mühe zugeschrieben war, und wie Sie wissen, hat er uns dieses Jahr verlassen. Hier einen adäquaten
Ersatz zu finden, ist auch nicht leicht. Insofern stehen wir fast noch am Anfang, manche Dinge wurden zu Beginn nicht kalkuliert
und irgendwann ist auch eine Vier-Länder-Konstellation finanziell ausgeschöpft. Ein wenig mehr Geld würde es uns sehr erleichtern,
Michael Haneke das bieten zu können, was er sich vorstellt und was er wahrscheinlich braucht. Da sind wir noch mitten im Kämpfen.
Interview: Karin Schiefer
2007