INTERVIEW

IMPORT EXPORT: Interview mit Ulrich Seidl und Tommy Pridnig

 


«Für mich war Cannes ein Schritt weiter in der Karriere. Die Aufmerksamkeit, die dort auf einen Wettbewerbsfilm dort gerichtet ist, ist durch nichts zu übertreffen.» Ulrich Seidl über die Premiere von Import Export und die Zukunft der Ulrich Seidl Filmproduktion.


Import Export wurde vor gut einem Jahr abgedreht. Wie hat sich dieses letzte Jahr der Postproduktion gestaltet?
Ulrich Seidl: Schwierig. Der Schnitt bei diesem Film war aufwändiger, als Cutter Christof Schertenleib und ich das erwartet haben. Groteskerweise ist es  schwieriger, zwei Geschichten zu vernetzen als sechs wie das bei Hundstage der Fall war. Bei beiden Fällen hatte ich 75 Stunden Material zur Verfügung, das ich am Schneidetisch wie in einer Puzzlearbeit reduziere und zum Film mache. Es ist daher  auch nicht leicht, die richtige Länge für den Film zu finden. Bei einer Fassung von etwas über drei Stunden haben wir  mit ersten Test-Screenings begonnnen, und es gab Zuschauer die fanden, der Film sei bereits fertig. Der Weg dann von einem Film, wo man sich ein wenig ausbreiten darf, zu der jetzigen 135-Minuten-Fassung war ein langwieriger. Reduzieren heißt  ja auch immer, an Persönlichkeitsprofil von einer Figur wegnehmen, und das bedeutet ständigen Kampf. Bei nur zwei Hauptfiguren gelangt die Frage des Gleichgewichts besonders in den Vordergrund, weil es sofort auffällt, wenn einer stärker präsent ist als der andere. Das wirft Fragen auf, wie welche Szenen sind drinnen, welche sind draußen? Die Episode, wo Olga im Einfamilienhaus ihre erste Anstellung bekommt, umfasste in der ersten Fassung 45 Minuten, dann haben wir mit 25 Minuten gearbeitet, daraufhin hat sich der Film woanders hinbewegt. Letztendlich sieben oder acht Minuten drinnen geblieben. Es ist ein ununterbrochenes Spiel mit dem Material, für das es Aufmerksamkeit und Konzentration zu halten gilt, obwohl man es schon so oft gesehen hat. Ich wollte unbedingt, dass der Film für Cannes fertig wird, aber nicht so sehr, weil es einen Termin gegeben hat, sondern weil man selber sehr gut spürt, wann man zu einem Ende gekommen ist, alles ausprobiert und austariert hat.

Es war gleichzeitig auch der erste Film der Ulrich Seidl Filmproduktion. Der Erfolgsdruck war zum Schluss sicherlich sehr hoch. Was hat die Einladung aus Cannes dann im Frühling bedeutet?
Ulrich Seidl: Große Erleichterung und große Freude natürlich. Nichts Besseres hätte passieren können. Wenn man als Filmregisseur von etwas träumen kann, dann ist es die Einladung in den Wettbewerb von Cannes und es war für uns völlig unerwartet, dass sie so schnell gekommen ist. Das Festival hat sofort am nächsten Tag nach der Sichtung Ja gesagt hat. Ich hatte mich gefühlsmäßig darauf eingestellt, dass gepokert würde, oder mir eventuell eine andere Sektion in Aussicht gestellt würde. Es war wirklich toll, dass die Antwort so prompt kam.

Was hat die für die Vorbereitung in den letzten Wochen bedeutet?
Ulrich Seidl: Nach der ersten Freude kam natürlich der erste Schrecken, den Film termingerecht fertig machen zu müssen. Wir waren sehr knapp dran, weil ich den „Picture-Lock“ viermal nicht eingehalten habe. Das hatte natürlich nach hinten Konsequenzen bis zu Ton, Mischung, Kopierwerk. Es durfte nichts mehr passieren und die fertige Kopie kam schließlich drei Tage vor der Premiere in Cannes an. Daneben begann der ganze Marketing-Aufwand, was für uns völlig neu war.

Was hat das im Vergleich zum Wettbewerb in Venedig bedeutet?
Ulrich Seidl: Für mich war Cannes ein Schritt weiter in der Karriere. In Venedig habe ich für Hundstage den Großen Preis der Jury bekommen, Cannes Wettbewerb war sicherlich mein nächstes Wunschziel, in Cannes ist die Film- und Medienbranche der gesamten Welt. Die Aufmerksamkeit, die dort auf einen Wettbewerbsfilm dort gerichtet ist, ist durch nichts zu übertreffen. Und es geht n Cannes darum, den Film so vorzubereiten, dass man ihn verkaufen kann.  

Wie haben sich die knapp fünf Tage in Cannes dann gestaltet?
Ulrich Seidl: Das geht sehr schnell vorbei. Für mich anders als für Tommy Pridnig, der als Produzent unserer Firma dort war. Ich war als Regisseur in Cannes. Der Terminplan ist sehr strikt  – Interviews, eine Pressekonferenz, Photocall, die Premiere, der Empfang, die Party. Es war eine Pflichtkür.  Außerdem  hatten wir uns den Luxus geleistet – und das war mit sehr viel Arbeit verbunden – eine beträchtliche Zahl an Darstellern und Teammitgliedern einzuladen. Das war mir sehr wichtig, weil Cannes ein Ereignis war, auf das man stolz sein muss und diesen Erfolg wollte ich mit den Menschen feiern, die daran beteiligt waren. Und so kam  es dann es dann auch, dass eine Darstellerin, von Beruf Putzfrau, am roten Teppich posierte und photographiert wurde, wo vorher Angelina Jolie drüber gegangen war. Das war ein schöner Moment.

Tommy Pridnig: Die Tage in Cannes waren ungeheuer viel Arbeit, die beim Aussteigen aus dem Flugzeug begonnen und beim Einsteigen für den Rückflug wieder geendet hat. Zwischen diesen beiden Momenten ist Cannes über einen hereingebrochen. Abgesehen von alltäglichen Problemen, dass man kein Taxi bekommt, oder man außerhalb wohnen muss, weil Hotelzimmer nur über zwölf Tage vergeben werden, der Weg von A nach B sich übermäßig lang gestaltet, weil Tausende Menschen unterwegs sind. Die Aufgaben waren vielfältig: zum einen hatten wir den Aufwand, die Teammitglieder einzuladen und dort zu betreuen. In Cannes muss man außerdem mit dem Protokoll umgehen. Es hieß zunächst, dass wir mit 15 Limousinen vorfahren sollten, wer sitzt in welchem Auto, fährt wann wo los etc. Alles Dinge, die organisiert werden mussten, die sich dann wieder geändert haben, weil der Zeitplan nicht eingehalten wurde.
Was auch alles nicht vereinfacht hat, war die Kommunikation zwischen den verschiedenen Beteiligten ? dem Festival, den Presseagenten, dem Weltvertrieb und uns, der Produktion. Das alles zu koordinieren ergibt immer wieder ein Chaos und das haben wir versucht, so klein wie möglich zu halten und ich glaube, es ist uns auch gelungen.

Wie war die Premiere selbst, wie waren die Reaktionen im Saal bzw. danach?
Ulrich Seidl: Das Kino ist ein unglaubliches Kino mit weit über 2000 Sitzplätzen. Man sieht dort seinen eigenen Film, wie man ihn nie zuvor (und wahrscheinlich auch nie mehr wieder) gesehen hat. Dann dieser Moment, ins Palais des Festivals hineinzugehen mit der Präsenz an Fotografen, Medien und dem erwartungsvollen Publikum, das ist  toll. Film hat in Frankreich eben einen Stellenwert, wie hier  nur die Oper. Es war auch bezeichnend, dass kein einziger Politiker aus Österreich bei der Premiere präsent war. Und was die  Publikumsreaktion betrifft: Es hat schoon nach der ersten Einstellung Szenenapplaus gegeben.  Und am Ende? Import Export ist ja ein Film, wo man nicht gleich aufspringt und begeistert klatscht und johlt, sondern ein Film, der gerade am Schluss stark wirkt und wo man vielleicht auch ein bisschen braucht, um wieder zu sich zu kommen. In Die Zeit war zu lesen „Import Export ist ein Film, der eine donnernde Stille hinterließ.“ Bei der Premiere  war es eine Stille, aber eine aufgewühlte Stille.

Wie waren die Echos unmittelbar danach hinsichtlich Verkauf und Festivals?
Tommy Pridnig: In den ersten zwei Tage war keine Resonanz auszunehmen. Die Gala war sehr erfolgreich, das Fest gut gelaufen, Interviews gegeben und dann beginnen schleichend die Meinungsbildung bzw. Kritikerreaktionen durchzuklingen. Das war durchwegs positiv, man hat vom Film gesprochen, man braucht bei diesem Film – das war schon unsere Erfahrung aus anderen Screenings – eine gewisse Zeit, um sich zu äußern. So war es auch dort, zuerst gab es diese beschriebene „laute Stille“, dann gab es eine Pause und dann kamen nach und nach die Reaktionen.

Ulrich Seidl: Der Film war auch bis zur letzten Jurysitzung ein Kandidat für einen Preis. Man konnte immer wieder lesen und hören, dass sich der Film als einer der wenigen, die dafür in Frage kommen, bemerkbar gemacht hat. Und mehr kann man nicht erreichen, als dass ein Film über den Event hinaus bleibt. Es gibt dort ja täglich mehrere davon, dass der Film es schafft, über Tage hinaus sich in einer Handvoll von Filmen zu behaupten, das finde ich ganz toll.

Es gibt ja auch einen Bezug zum rumänischen Regisseur Cristian Mungiu, der mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage die Goldene Palme gewonnen hat?
Ulrich Seidl: Ich habe den Film nicht gesehen und ihn auch nie persönlich kennen gelernt, aber für Import Export hatten wir laut Buch noch geplant, eine Sequenz zu drehen, wo Paul ein Pornocasting macht, um Geld zu verdienen. Wir haben in Rumänien nach möglichen Drehorten gesucht, weil es in der Ukraine illegal gewesen wäre. So sind wir auf Bukarest und auf den Cristian Mungiu gekommen, der für uns ein Casting mit Leuten aus der Pornobranche organisiert hat, das sehr gut gemacht war. Wir haben aber dann wenig später den Gedanken aufgegeben, das noch zu drehen. Als wir die Liste der Wettbewerbsteilnehmer sahen, haben wir erstaunt festgestellt, dass sein Film auch im Wettbewerb lief. Sein Film, das hat man von allen Seiten gehört, ist ein Konsensfilm und Import Export ist wahrscheinlich ein extremerer Film und für viele Leute  d a s  Ereignis gewesen. Der Film wirft, wie auch andere meiner Filme, einen ungeschönten Blick auf die Wirklichkeit und es gibt im Publikum und auch bei den Kritikern Leute, die das nicht sehen wollen. Das wendet sich dann oft gegen den Film.

Viele sagen, der Film ist hoffnungsvoller, humaner als andere Arbeiten. Teilen Sie diese Ansicht?
Ulrich Seidl: Ich finde das gut, wenn es so ist. Wäre es umgekehrt, wäre es schade, weil man mit jedem Film, den man macht, woanders hinkommen muss. Ich wurde einmal gefragt, ob ich milder oder weiser geworen wäre. Darauf habe ich gesagt: ich hoffe weise, aber nicht milder.

Wie ist der Stand der Verkäufe
Ulrich Seidl: Wir stehen in etwa bei 12 Territorien, die Konzentration richtet sich zur Zeit darauf, Frankreich sowie USA und England zu verhandeln. Festivaleinladungen gibt es wie Sand am Meer, der Weltvertrieb hat ca. 100 Festivaleinladungen vorausgesagt.
 

Kann man sagen, dass dieses Ergebnis, diese Einladung in den Wettbewerb von Cannes die noch sehr junge Ulrich Seidl Filmproduktion national wie international gesehen in eine andere Liga katapultiert hat.
Ulrich Seidl: Das würde ich schon so sehen. Faktum ist, der erste produzierte Film dieser Firma, ist in Cannes im Wettbewerb gelaufen und das ist in der Branche nicht unbemerkt geblieben. Darauf muss man stolz sein, weil es bekanntlich  starkes Konkurrenzdenken in der Branche gibt und nicht jeder es so gerne gesehen hat, dass ich meine eigene Firma gründe. Es ist gelungen. Natürlich herrschte bei diesem Film ein doppelter Druck auf mir, Import Export war der zweite Spielfilm und es heißt ja, man muss mit dem zweiten Film beweisen, weil der erste ja ein Glücksfall gewesen sein könnte. Schon Hundstage war damals  für mich ein Erfolg, mit dem ich nicht gerechnet hatte.  Ich hatte also als Regisseur schon genug Druck und dann kommt noch die Produktion hinzu. Man investiert Geld und geht außerdem ein beträchtliches Risiko ein. Wenn der Film scheitert und nicht verkauft werden kann, dann hätte es sehr böse ausgeschaut.

Mit Tommy Pridnig ist ein neuer Partner in der Produktionsfirma
Tommy Pridnig: Ich bin mit Ulrich ungefähr in der Mitte des Projekts Import Export übereingekommen, dass wir gemeinsam die Zukunft der Firma gestalten wollen, ich hatte also nur mit dem Schluss der Produktion zu tun. Meine Interessen liegen grundsätzlich im Produzieren. Wir arbeiten daran, auch andere Projekte zu machen und versuchen, für die Zukunft eine Firma zu gestalten, die die Möglichkeiten schafft, Dinge so zu realisieren, wie wir uns das vorstellen.

Wie wird sich die Firma profilieren?
Ulrich Seidl: Die erste Frage, die sich stellt, ist die des „Wie“. Als Produktionsfirma will ich, dass wir Partner für einen Regisseur sind und in einer Kompetenzverteilung ein Ziel verfolgen, nämlich den bestmöglichen Film aus dem zu machen, was man sich vorgenommen hat. Ich sehe es zunächst als Partnerschaft und auf keinen Fall als autoritäres Verhältnis zwischen Produzenten und Regisseur. Ich habe lange genug erlebt, dass es da immer wieder um einen Machtkampf geht: Ich halte das für ein kurzfristiges Denken, das dem Entstehen eines Produktes schadet. Also das „Wie“ des Produzierens ist einmal ganz wichtig, inhaltlich haben wir ein Spektrum an verschiedensten Projekten, die wir entwickeln, im Spiel- wie im Dokumentarfilmbereich. Es soll da keinerlei Beschränkung geben, beides ist interessant, umso mehr als der Dokumentarfilm in Österreich ja gerade Hochkonjunktur erlebt. Es geht uns um Projekte, an die wir glauben, nicht um eine bestimmte Kategorie.

Tommy Pridnig: Es geht uns nicht darum, Filme zu produzieren, die wie Ulrichs Filme sind. Es geht darum, mit Menschen zu produzieren, wo es eine gegenseitige Wertschätzung gibt. Wir arbeiten an einem Kinospielfilm von Andrea Maria Dusl ? Dining Car. Es geht dabei um einen ICE von Düsseldorf nach Dresden, wo der Speisewagen von einer deutschen Entführerin gekidnappt und abgekoppelt wird und in einem Grenzbereich an der ehemaligen Ost-West-Grenze stehen bleibt, der noch immer nicht minenfrei ist. Sechs Geiseln und eine Entführerin erleben kammerspielartig diese Situation. Wir werden versuchen, dieses Jahr noch für die Herstellungsförderung einzureichen und nächstes Jahr mit dem Dreh zu beginnen.
Dann arbeiten wir gemeinsam mit dem ORF an einer Fernsehdokumentarreihe zur Fußball-EM 2008 mit dem Titel Viele Wege führen zum Ziel. Wir haben eine Kooperationszusage mit dem ÖFB, die uns die Möglichkeit bietet, überall dabei zu sein und Teil der Geschichte zu werden. Da ist vieles im Gespräch, wir versuchen, das Schritt für Schritt umzusetzen. Es ist uns jedenfalls sehr wichtig, nicht ausschließlich fürs Kino zu arbeiten. So arbeiten wir auch an einer TV-Serie, es gibt da Ideen, eine Serie anderer Art zu machen. Wir möchten ein Fernsehformat in gewisser Weise neu zu erfinden und damit etwas neu zu gestalten, was es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Ulrich Seidl: Und es wird natürlich meinen nächsten Film geben, zum Thema Massentourismus mit dem Arbeitstitel All inclusive. Ich habe das Konzept einer Trilogie entwickelt. Das wäre nun der erste davon, wo episodenhaft von westlichen Touristen die Rede ist, die an Urlaubsdestinationen in der Dritten Welt reisen und mir geht es natürlich darum, über die Mauer jenseits der Urlauberghettos zu schauen und zu fragen was ist auf der anderen Seite. Dort sind die Menschen, die gerne zu uns, in den Norden möchten und wir suchen unser Glück in der Sonne im Süden. Diese zwei Bewegungen versuche ich, in verschiedenen Episoden zusammenzustellen. Ein zweites Projekt wäre über Alpintourismus in Österreich und das dritte wäre zum Thema Sextourismus. Geplant ist, dass wir dieses Jahr mit den Vorbereitungen und nächstes Jahr zu drehen beginnen.

Wie sieht es mit dem Grasl-Projekt aus?
Ulrich Seidl: Zum Grasl gibt es nicht viel Neues. Eigentlich wollte ich ihn ja nach Hundstage machen, es wäre aber unmöglich gewesen, dieses Projekt als erste Produktion einer neuen Firma zu machen. Dazu wäre er zu groß und zu teuer gewesen. Diese Strecke liegt jetzt hinter uns, jetzt beginnen wir uns Gedanken darüber zu machen, wie man das finanzieren könnte. Ein Drehbuch gibt es ja seit ewigen Zeiten. Die Latte liegt sehr hoch, weil es ein historischer Film ist, der nicht wie ein Kostümschinken ausschauen wird, der aber chronologisch auf heutigen Schauplätzen gedreht werden soll. Man braucht natürlich internationale Koproduktionspartner und je teurer ein Film ist, desto mehr Leute reden mit, umso enger wird die Entscheidungsfreiheit des Regisseurs. Wir müssen jedenfalls Filme für den internationalen Markt machen, weil es keine andere Perspektive gibt und da komme ich auch wieder auf die Festivals zurück. Festivals sind der Schlüssel dafür, weil sie den Markt und die Präsenz und die internationale Aufmerksamkeit bieten, die es nirgendwo anders gibt. Und Filme müssen international bestehen können, das ist klar.

 

Interview: Karin Schiefer
2007