INTERVIEW

Ulrike Ottinger  über PRATER

 

«Für mich ist der Prater ein hochaktueller Ort, er war immer Spiegel der neuen Erfindungen. Dieser Film zeigt auch, wie bestimmte Dinge trotz des Wandels in Technik und Mode konstant bleiben. Ich habe versucht, die Vergangenheit und das Jetzt ineinanderzubringen und kaleidoskopartig in einer Zeitmaschine aufzumachen.»



Der Film zeigt eingangs eine Menge an Einstellungen mit Armen und Pfoten, Krallen und scharfen Zähnen. Wann hat Sie der Prater in seine Fänge genommen?
Ulrike Ottinger: Es begann 1998, als ich zu einem Jelinek-Symposion eingeladen war. Ich hatte dort über einige meiner Inszenierungen referiert und hatte daneben eine Woche lang wunderbar viel Zeit, meiner liebsten Beschäftigung, dem Flanieren, nachzugehen. Ich war unglaublich fasziniert von verschiedenen Orten, Architekturen und Plätzen. Die Idee für einen Film geht bei mir oft von einem Ort aus, der eine bestimmte Atmosphäre hat und die Phantasie anregt. Ich habe mich dann in der Folge mit der Geschichte der Orte auseinandergesetzt und so eine lose Struktur für eine Vampir-Groteske, entworfen. Einer der Hauptorte war der Prater, wo der Showdown stattfinden sollte. Es waren schöne warme Herbsttage, der Prater war mal voll, dann wieder melancholisch leer. Ich war fast jeden Tag dort, habe sehr viel fotografiert und kam zu dem Schluss, dieser Ort verdient einen eigenen Film.
Zurück in Berlin begann ich 1998 zwei Drehbücher zu schreiben, machte dann aber zwei große Projekte in Südosteuropa – einen dokumentarischen für die documenta und einen Spielfilm. Kaum war das fertig, kam ich wieder auf den Prater zurück, der mich nicht losgelassen hat. Aber um noch auf meine Anfangsbilder zurückzukommen: das ist eine filmische Introduktion mit diesen Schreckensfiguren, die ambivalent sind – sie strahlen Entsetzen und humorvolles Erschrecken aus. Früher waren die Figuren aus Pappmaché, jetzt sind sie aus Plastik – der ikonografische Aspekt ist gleich geblieben, nur das Material und die Herstellungstechnik haben sich verändert. Diese Eingangsbilder zeigen die ephemere Architektur des Praters.


Sie sprechen vom raschen Wandel des Praters, der aber auch etwas von einem zeitlosen Raum hat, der losgelöst von der Aktualität scheint. Wie haben Sie den Zeitaspekt von Gegenwart und Vergangenheit in Ihrem Konzept verarbeitet?
Ulrike Ottinger: Für mich ist der Prater ein hochaktueller Ort, er war immer Spiegel der neuen Erfindungen – die Ballonflüge, die Dampfkraft, die Karusselle, die Grottenbahn und das Riesenrad selbst war eine enorme Ingenieursleistung. Dann auch das Kino selbst – von den ersten bewegten Bildern bis zum ersten inszenierten Stummfilm, dann zum Tonfilm. Ich habe auch die alten Dokumente in den Film genommen, damit jeder Zuschauer für sich, dort, wo es ihn anspricht, mit der Vergangenheit assoziieren und vergleichen kann. Es zeigt auch, wie bestimmte Dinge trotz des Wandels in Technik und Mode konstant bleiben. Der Film ist eine Zeitmaschine, es fächert sich auf. Ich habe einfach versucht, das im Schnitt ganz klar darzulegen – die Vergangenheit und das Jetzt ineinanderzubringen und kaleidoskopartig in dieser Zeitmaschine aufzumachen.


Ist in der heutigen Zeit der Unterhaltungstechnologie, die längst in den Privathaushalten eingezogen ist, der Prater als Ort, den man zum Vergnügen aufsucht, nicht längst überholt.
Ulrike Ottinger: Der Wunsch nach dem Vergnügen ist immer da, die Inhalte dieser Wünsche verändern sich. Früher waren es exotische Reisen, die sich niemand leisten konnte, heute halten Simulationstechniken aus der Weltraumforschung oder Pilotenausbildung Einzug bei den Spielautomaten oder Maschinen. Es ist wie Kino und Fernsehen. Natürlich kann man sich einen Film zu Hause anschauen, ein Teil des Vergnügens besteht aber immer darin, die anderen zu beobachten oder selbst beobachtet zu werden. Es gibt einen gemeinschaftlichen Aspekt und junge Leute, die Zusammensein wollen, gehen natürlich da hin. Und der Prater scheint besonders für ausländische Besucher sehr attraktiv zu sein. Sehr viele indische, pakistanische Familien, die auf Besuch in Wien sind, türkische Familien, die hier leben und die Leute, die im Prater arbeiten, kommen fast alle aus Südosteuropa. Bei den Jugendlichen vermischt sich das schon sehr interessant, ich denke an die boxende Gang oder die Jugendlichen, die sich beim Tagada treffen.


Tanz und Bewegung, auch die Eleganz dieser Maschinen spielen in Ihren Praterbildern überhaupt eine große Rolle.
Ulrike Ottinger: Das hat mich sehr fasziniert, und ich habe deshalb auch viele der alten mechanischen Instrumente gefilmt. Die mechanischen Klaviere und Puppen, das fing schon sehr früh an. Diese Puppen habe ich teilweise im Prater, teilweise in einem kleinen Museum auf dem Land gefilmt, wo ein Vater mit seinem Sohn die alten Puppen sammelt und wieder zum Leben erweckt. Von Außen hat man den Eindruck, die Dinge sind sehr exotisch. wenn man mit den Menschen dort spricht, stellt man fest, dass es für diese Leute der Alltag ist. Das ist sehr interessant. Dann gibt es die Karusselle, an ihnen oder an den Automodellen der Autodrome allein kann man eine Geschichte des Praters erzählen. Und schließlich war da noch das Tagada – da treffen sich Jugendliche mehrmals in der Woche – das ist brillant, wie sie mit dieser rotierenden Scheibe umgehen, sie kennen den Rhythmus der Maschine und spielen und tanzen gegen die Schwerkraft damit und haben etwas ganz eigenes entwickelt. Disco unter erschwerten Umständen.


Wie sah praktische Ihre Herangehensweise ans Thema bis zum Drehbeginn aus?
Ulrike Ottinger: Ich recherchiere immer sehr lange und ausführlich, auch noch während des Drehs. Ich gehe jeden Tag hin, ich kann ohnehin nur über Dinge etwas machen, die ich mag. Mit dem Kennenlernen des Ortes kommt eine wachsende Begeisterung, weil man immer noch mehr Details entdeckt. Das ist das Geheimnis einer interessanten Arbeit. Wenn man die Details sieht, dann kann man sie so hervorheben und akzentuieren, dass sie für die Zuschauer sichtbar werden. Man muss in einem Film kondensieren, umso mehr, wenn man einen Film über Attraktionen macht, gerade in einem westlichen Verständnis von Unterhaltung. Wenn ich einen Film in der Mongolei mache, dann ist das eine epische Zeit, das geht viel länger. Aber hier in einem Film über Attraktionen wird alles kürzer. Das hat sehr mit dem Faktor Zeit zu tun, wie viel Zeit man einer Sache gibt. Ich bin normalerweise für lange Beobachtungen bekannt, bei Attraktionen muss man den Dingen eine adäquate Form geben. Für mich kommt die Form nie von außen, sondern immer aus den Dingen heraus.


Über welchen Zeitraum hinweg haben Sie gefilmt?
Ulrike Ottinger: Wir haben kurz vor Pfingsten im Mai begonnen, weil ich die Firmlinge haben wollte. Die sind nur heute leider nicht mehr an ihrer Kleidung so klar erkennbar, früher trugen sie meist ihren ersten Anzug. Ich habe sogar im Stephansdom die Firmung gefilmt, es hätte aber letztlich zu weit weg geführt. Es gibt wunderbare Sachen, die letztlich nicht drinnen sind. Es könnte einen zweiten und dritten Film geben, über jede der einzelnen Erzählminiaturen im Film könnte ich wieder einen Film machen. In diesem Film ist das Thema aber der Prater und nicht die Familie Kobelkoff oder das Schweizerhaus. Hauptprotagonist ist der Prater, deshalb kommen die Dinge zusammen und aus diesem Mosaik entsteht das völlig diverse Bild des Praters.


Warum haben Sie die Literatur als Ebene in den Film eingezogen und wie haben Sie die Textausschnitte ausgewählt?
Ulrike Ottinger: In der deutschsprachigen Weltliteratur gibt es unzählige Dinge – ich spreche zunächst von den Schriftstellern der Jahrhundertwende und des 19. Jhs: Adalbert Stifter, Heimito von Doderer, Stefan Zweig, Josef Roth, Felix Salten – ich könnte endlos aufzählen. Ich hatte auch ein unveröffentlichtes Manuskript von Erich Kästner. Und vor allem wollte ich auch, dass die lebenden Schriftsteller dabei sind. 1977 machte ich den Film Madame X, Elfriede Jelinek war damals sehr begeistert, so haben wir uns kennen gelernt und in verschiedenen Zusammenhängen gemeinsam gearbeitet. Ich dachte natürlich gleich an sie und bat sie um einen Text, drei Tage später hatte ich ihn schon. Es ist ein phantastischer Text. Dann sprach ich Elfriede Gerstl an, die mich auf Herbert Wimmer brachte. Dann war da noch Oskar Pastior, mit dem mich eine große Freundschaft verbunden hat, er hatte mir zum Prater gleich eine wunderbare Geschichte erzählt, die er leider nicht mehr selber, wie es vereinbart war, für den Film sprechen konnte. Ich habe auch einzelne Texte aus alten Zeitungstexten montiert und selber etwas dazu geschrieben. Dann gibt es einen Text von Elias Canetti, einen weiteren über die Grottenbahn und die Inszenierung des Erdbebens von Messina. Dann habe ich auch schöne Texte von Josef von Sternberg, der in einer Straße, die in den Praterstern mündet, aufgewachsen ist. In seinen Filmen gibt es immer wieder Szenen aus dem Prater. Und ganz besonders stark ist es bei Erich von Stroheim. Nicht nur in Merry-Go-Round, wo er den ganzen Prater nochmals aufgebaut hat, sondern er thematisiert den Prater in vielen kleinen Szenen seiner Filme.



Interview: Karin Schiefer
2007
.