INTERVIEW

«In eine Ungewissheit hineingehen.»

Vollbepackt und vollbesetzt passierte der Fiat 126 von Jola Wieczoreks Familie, von Polen kommend, im März 1989 die österreichische Grenze. Der Eiserne Vorhang hing noch zwischen Ost und West, doch die politische Lage war schon so weit entspannt, dass es kein Visum mehr für die Weiterreise nach Übersee gab. Österreich wurde zur neuen Heimat. DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE ist ein sehr persönlicher Blick in die Vergangenheit, als für die damals junge Familie, das Zuhause zurückblieb, eine „bessere“ Zukunft und ein fortwährendes Leben im Dazwischen begann. 



Der Titel des Films DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE verweist auf den ersten Blick in die Zukunft. Nach und nach erkennt man, dass Ihre Perspektive in eine wenig beleuchtete Vergangenheit geht. Standen Sie an einem Punkt in Ihrem Leben, wo Sie ohne Blick zurück nicht nach vorne schauen wollten?
 
JOLA WIECZOREK:
Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der oft zurückschaut und die Frage stellt: Was wäre wenn? Wir wären nicht die Person, die wir sind, ohne unsere Vergangenheit, ohne die Wegkreuzungen, an denen wir uns für eine und nicht für die andere Richtung entschieden haben. Ich glaube, dass besonders Menschen mit Migrationshintergrund eine Ader haben, nostalgisch zurückzublicken. Im markanten Bruchmoment, wo man etwas aufgibt, entsteht das automatisch. Meine Mutter hat gerne Objekte oder Anekdoten aus der Vergangenheit gesammelt. Das habe ich geerbt. Man sagt oft, wir müssten in die Vergangenheit blicken, um nicht die gleichen Fehler zu begehen. Ich glaube aber, dass wir – leider – immer wieder in ähnliche Gefühlswelten tappen. Das interessiert mich. An welche Emotionen können wir zu unterschiedlichen Momenten der Geschichte andocken, wo bilden sich Verbindungen und damit auch Verständnis und Empathie, die wiederum den Umgang mit Schicksalen verändern können?
 
 
Waren es konkrete Fragen – die Lebensjahre in Polen, die Motive zum Aufbruch, die Zeit des Existenzkampfes in Österreich – die Sie bewegt haben, mit Ihren Eltern und Ihrem Bruder auf diese Erinnerungsreise zu gehen?
 
JOLA WIECZOREK:
Ich hatte lange verschollene Bilder im Kopf, die stückchenweise aufgetaucht sind. Ein Motiv war der Wunsch, die Bilder, die ich im Kopf hatte, einzuordnen und eine Antwort auf die Frage zu finden, was der Plan meiner Eltern war, als wir Polen verlassen haben. Als meine Mutter erkrankt ist, war klar, dass ich mich jetzt auf die Suche begeben musste. Es war ein Wettlauf mit der Zeit, um die Aufnahmen mit ihr möglichst schnell abzusichern. Ein weiterer Faktor waren auch meine Schwangerschaft und die Frage, was ich später meinem eigenen Sohn erzählen kann. Wenn ich es nicht verstehe, wie soll ich es der nächsten Generation vermitteln? 
 
 
Wie alt waren alle Familienmitglieder beim Aufbruch nach Österreich? Wie war die rechtliche Situation, als Sie aus Polen ausreisten? 
 
JOLA WIECZOREK:
Wir sind kurz vor dem Mauerfall ausgereist, meine Eltern waren Mitte dreißig, ich war sechs, mein Bruder drei. Es gab erste Anzeichen, dass politisch etwas in Bewegung kam. Dass alles kollabieren würde, war nicht abzusehen. Wir sind im März 1989 geflüchtet, die Mauer fiel dann im November. Es war nicht mehr so schwierig, als Tourist in den Westen zu reisen. Wenn man keine politisch bedenkliche Historie hatte, konnte man einen Pass bekommen. Bei seiner ersten Österreichreise musste mein Vater noch ein gesichertes Rückreisedatum angeben. Anfang der achtziger Jahre war eine Auslandsreise ohne Parteiverbindungen oder einer bestimmten Summe USD am Konto unmöglich. Später waren die Grenzen gelockert, der Handel zwischen Ost und West blühte am Wiener Mexikoplatz, es war aber klar, dass sich die wirtschaftliche Lage in Polen nicht so schnell verbessern würde. Die neunziger Jahre waren turbulent, es gab einen starken mafiösen Einfluss und die Menschen konnten sich keine gesicherte Existenz aufbauen. 
 
 
Jedenfalls konnte Ihre Familie die österreichische Grenze mit dem voll bepackten Auto überqueren. 
 
JOLA WIECZOREK:
Es war nicht ohne Risiko und mit viel Nervenkitzel verbunden, aber es ist meinen Eltern gelungen. Es war auch eine Glückssache, auf welchen Grenzbeamten man traf. Wir haben im Flüchtlingslager Traiskirchen Asyl beantragt, Flüchtlingsstatus haben wir keinen mehr bekommen, dazu war die politische Lage in Polen schon zu locker. Meine Tante hatte ein paar Monate zuvor noch Asyl bekommen, wir erhielten einen negativen Bescheid und konnten deshalb auch nicht nach Kanada oder Australien weiterreisen. Wer in Österreich arbeiten wollte, brauchte aber einen Arbeitgeber, der bereit war, das Procedere für eine Arbeitsgenehmigung mitzutragen. In der Schule in Oberösterreich war ich die einzige Ausländerin in der Klasse. 
 
 
Sie begeben sich in DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE mit Ihren Eltern und Ihrem Bruder auf eine Reise in die eigene Familiengeschichte. Wie sah es mit der Bereitschaft zur Mitwirkung am Film aus?
 
JOLA WIECZOREK:
Meine Mutter war interessanterweise am offensten. Mein Vater war ein wenig skeptisch, hat aber die Dringlichkeit meiner Fragen verstanden. Meinem Bruder musste ich versprechen, dass er im Hintergrund bleiben darf. Mein Sohn ist reingerutscht, ich hoffe, es wird für ihn in Ordnung sein. Es war nicht einfach – Familie hat ja ihre eigene Dynamik – wenn man nach langer Zeit plötzlich wieder für zwei Wochen in einem winzigen Auto, mit Kamera und einem kleinen Team so intensiv zusammen ist. Ich selbst hatte nicht damit gerechnet, so viel vor der Kamera zu sein. Ich dachte, ich könnte mich hinter der Kamera und dem Tonequipment verstecken, nach wenigen Minuten des ersten Drehtags war klar, dass ich Teil davon sein und daher auch ins Bild musste. 
 
 
Der Einstieg in den Film erfolgt über Super 8-Bilder, in der Folge alternieren digitale und analoge Bilder. Welches Bild- bzw. Kamerakonzept lag den Dreharbeiten (abgesehen vom Archivmaterial) zugrunde.
 
JOLA WIECZOREK:
Es sollte ein Mosaik werden: eine Collage aus Vergangenheit und Gegenwart, aus inszenierten und dokumentarisch eingefangenen Szenen sowie einer Ebene mit Archivmaterial. Wir haben auf Super-8 gedreht, wenn in der Gegenwart etwas von der Vergangenheit zu spüren war (z.B. das Hochhaus, in dem wir als Kinder gewohnt haben, der Maluch, unser kleines Auto). Super-8 steht für Erinnerungsmomente. Die anderen Szenen haben wir klassisch dokumentarisch eingefangen. Als drittes Element kam das Archivmaterial ins Spiel. Die Bilder aus Österreich sollten in erster Linie die Wunschfamilie zeigen, die wir gerne geworden wären. Eine klassische oberösterreichische Familie, die alles hatte, was uns noch abging: ein sicheres, warmes Zuhause, Schlitten fahren, Kekse backen … Gleichzeitig haben diese Bilder auch die Funktion zu zeigen, in welcher Gesellschaft wir gelandet waren. Das Salzkammergut der achtziger Jahre war noch nicht von den Touristenmassen erobert. Es war eine geschlossene Gesellschaft mit für uns völlig unverständlichen Riten und Bräuchen – Krampusse, Faschingsumzüge, Narzissenfeste, Glöcklerläufe und … die verschneite Landschaft. All das war anziehend und suspekt zugleich, verbunden mit der Frage, ob wir jemals Teil so einer Gesellschaft werden könnten.
 
 
Im Nachspann sind öffentliche wie private Archive aufgelistet. Sie haben die Geschichte Ihrer Flucht auch über Bildmaterial anderer Personen und Familien erzählt. War es Ihnen auch wichtig, mit Ihrer Geschichte auch die Geschichte anderer polnischer Familien und letztendlich über Migrationserfahrung per se zu erzählen?
 
JOLA WIECZOREK:
Es war mir extrem wichtig, den universellen Aspekt unserer Erfahrung zu treffen, der auch andere Geschichten reflektiert, insbesondere den Umbruch vom Verlassen der Heimat in den Aufbruch in eine neue. Das ist der gemeinsame Nenner aller Migrationsgeschichten. Ich wünsche mir, dass sich viele Menschen mit ähnlichen Erfahrungen in vielen kleinen Dingen wiederfinden. 
Denn ursprünglich wollte ich viel mehr Geschichten verweben: sowohl die Geschichten von Menschen, die zur gleichen Zeit wie wir in Traiskirchen waren, als auch jene von Menschen, die es bis nach Kanada oder Australien geschafft habe. Einen Teil davon hatten wir sogar bereits gedreht, doch er ist im Schnitt herausgefallen. Ich habe früh im Schnittprozess gemerkt, dass wir nah an meiner Familie bleiben mussten. Es war schmerzhaft, diese Geschichten fallen zu lassen – es waren extrem starke Schicksale, die mich sehr getroffen haben. 
Aber es war Teil der Herausforderung, das unterschiedliche Material so zu verbinden, dass daraus eine Geschichte wird. Rubén Rocha, mein Partner, der den Film auch zu Ende editiert hat, hat großartige Arbeit geleistet, um diese Homogenität herzustellen. 
 
 
In Ihrer Familie scheint das Briefarchiv eine wichtige Quelle zu sein. 
 
JOLA WIECZOREK:
Die Briefe meiner Mutter sind ein Geschenk, sie erzählen aus einer extremen Innensicht und schalten dann auf eine größere Ebene. Ich hatte lange gezögert, ob es das wert sei, unsere kleine Geschichte zu erzählen. Wen würde sie interessieren? Wir sind nicht einmal vor Bomben oder Hungersnot geflüchtet. Wir waren so genannte Wirtschaftsflüchtlinge. Ich habe dann in der französischen Literatur Autor:innen wie Annie Ernaux oder Edouard Louis als „Mutmacher“ entdeckt, es ist eine Literatur, die es sehr gut versteht, aus dem privaten Kleinen ins Große zu erzählen. Frankreich hat eine starke Tradition im autosoziobiografischen Erzählen. Meine Mutter hatte die Briefe nach dem Tod ihrer Eltern im Elternhaus gefunden, ich habe dann noch weitere bei meinen Tanten entdeckt. Die größte Herausforderung war, die Essenz aus den Briefen herauszuarbeiten. Wir haben sehr viel aufgenommen und erst im Schnitt geschaut, was sich davon ins Bild fügt und dabei nach dem Mehrwert gesucht: Wo wird es universell und geht in eine kollektive Erinnerung über? Da musste ich auch sehr viele „Lieblinge“ rausschmeißen… 
 
 
Es geht in DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE um die Rekonstruktion von Erinnerung. Sie haben mit verschiedensten Mitteln versucht, diese wiederzubeleben. Wie haben Sie die verschiedenen Methoden des Erinnerns aufbereitet?
 
JOLA WIECZOREK:
Ich bin davon überzeugt, dass Orte, Objekte oder auch Landschaften etwas in einem auslösen, wenn man sie zu einem früheren Zeitpunkt gespürt hat. Ich wollte keine Interviews im Studio machen, sondern dachte, dass Erinnerungen viel schöner wach werden, wenn es eine direkte Berührung mit Dingen oder Orten gibt. Zur Form des Roadtrips habe ich gefunden, weil meine Mutter so eine Nostalgikerin ist, gerade was Orte betrifft. Ich habe nach Orten gesucht, die in unserer Familie Resonanz finden und habe Alben und Briefe mitgenommen. Zu einer Zeit, wo meine Mutter begonnen hat zu vergessen, waren diese Objekte ein Anker für sie. Kurz war der Gedanke da, im echten Flüchtlingslager Traiskirchen zu drehen, ich hatte aber Angst, eine Retraumatisierung zu provozieren. Wir sind sehr feinfühlig vorgegangen und waren jederzeit bereit abzubrechen. Es hat vielleicht sogar geholfen, dass sie am Vergessen war. Und die Idee, gewisse Orte wie z.B. Traiskirchen nachzubauen, hatte ich sehr früh. Ich wollte damit einen artifiziellen Überbau schaffen und den Ort, der mit einem Trauma besetzt ist, leicht fiktionalisieren. Es sollte ein Spielraum entstehen, indem der Ort nicht 1:1 ist. Unsere Erinnerung geht ja auch durch Filter und verändert sich. Damit wollte ich spielen. Es sollte nur eine Projektion der erzählten Räume werden. Der Moment, als ich den Raum, der vom Set-Designer Andrej Rutar eingerichtet war, betreten habe, war sehr intensiv.
 
 
Sie haben gewisse Situationen nachgestellt. Wie hat es sich angefühlt, in diesem kleinen Auto wieder hinter den Eltern zu sitzen? Sensorische Erinnerungen scheinen – ich denke auch an Ihren Kurzfilm List do Polski – für Sie eine besondere Bedeutung zu haben?
 
JOLA WIECZOREK:
Es war schräg. Mein Bruder und ich hatten keinen Platz auf der Rückbank dieses Fiat 126, den wir Maluch nennen (des Polski Fiat). Unvorstellbar, wie wir damals 15/16 Stunden durch Polen, Tschechien und Österreich gefahren sind. Es hat sich alles so bekannt angefühlt, das Kunstleder, die Geräusche, die das Auto macht. Es war wie eine Zeitkapsel. 
 
 
Erinnern ist in Ihren Arbeiten stark mit dem Vermissen, mit einer Sehnsucht verbunden; kann man sie als die wesentlichen Faktoren in Ihrem filmischen Kosmos betrachten? 
 
JOLA WIECZOREK:
Ja, es ist mein Leitmotiv, das nicht nur meine Filme bestimmt, sondern alles, was mich auch an anderen Kunstformen interessiert, was ich konsumiere… Etwas aufgeben und wieder neu beginnen, Sehnsucht nach Stabilität und gleichzeitig Befreiung von beengenden Mustern oder Orten. Der ständige Transformationsprozess im Leben, der mich durch das, was ich in meiner Kindheit so stark erlebt habe, besonders tangiert. Es ist schwer, das eigene Werk von außen zu betrachten, es geht bei mir aber oft um Heimatlosigkeit, um die Heimatsuche, um den Verlust von Heimat auch in Filmen wie O que resta oder in Stories from the Sea. 
 
 
Ist Ihnen erst durch diese Arbeit am Film bewusst geworden, wie schmerzhaft die Migrationserfahrung für Ihre Eltern gewesen sein muss? 
 
JOLA WIECZOREK:
Ja. Auf jeden Fall. Erst durch diese Arbeit ist mir bewusst geworden, wie mutig sie waren. Sie waren vielleicht auch naiv. Ich glaube, es hat ziemlich Mumm gebraucht, dieses Wagnis einzugehen. Sie sind komplett ins Ungewisse geschlittert. Europa war damals viel größer als heute. Österreich wirkte durch das Ost-/West-Gefälle wie ein anderes Universum. Meine Eltern konnten sich, bis sie Mitte 30 waren, nur im Ostblock bewegen. Bulgarien oder Ungarn, wenn es hoch herging. West-Berlin oder Paris waren undenkbar. Es gab kein Handy und keine Übersetzungsfunktion. Meine Eltern konnten kein Englisch, nur ein paar Wörter Deutsch. Man musste bei anderen Menschen darauf vertrauen, dass sie es ehrlich mit einem meinen. Sie sind aufgebrochen, ohne zu wissen, ob es ein Jahr später nach Schweden, Kanada, Australien oder wieder zurück nach Polen geht, das mit zwei Kindern, davon einem Schulkind. Ich glaube, es war ihnen nicht ganz bewusst, welches Opfer sie selbst zahlen mussten, um uns eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Denn das sagen sie klar: Sie haben es für uns gemacht. Es war mir ein Anliegen, Empathie dafür zu erzeugen, wie schwer es ist, neu anzufangen. Wie sehr die Menschen, die hier neu beginnen, unser Verständnis und unsere Unterstützung brauchen. Ein Neuanfang in einer neuen Kultur ist ein unheimlicher Kraftaufwand, umso mehr, wenn man Verantwortung spürt für die Kinder, die man im Schlepptau hat. Daher endet der Film nicht in Traiskirchen, weil dort die Reise eigentlich erst begonnen hat. 
 
 
Der Film schafft Bewusstsein dafür, wie schwierig es auch für Menschen aus Osteuropa war. Man hat jetzt das Gefühl, das politische Klima habe sich erst seit 2015 und durch das Aufkommen der rechten Parteien verschärft. Willkommenskultur hat es auch in den neunziger Jahren nicht gegeben.  
 
JOLA WIECZOREK:
Als Kind habe ich noch keine Zeitungen gelesen, deshalb kann ich nicht sagen, wie der Diskurs genau war. Aber aus den Briefen wird klar: eine Willkommenskultur haben wir auf politischer Ebene nicht erlebt. Dafür jedoch in Form von Zivilcourage – etwa durch unsere „österreichische Oma“, die uns auf ihrem Bauernhof aufgenommen hat, durch Sachspenden oder durch Beratung. Es gab einen kleinen, aber wichtigen Kreis von Menschen, die uns sehr unterstützt haben. Aber es ist klar, dass das Klima härter und kälter geworden ist und vieles salonfähig, was früher nur diskret ausgesprochen wurde. Das ist besorgniserregend, denn eine verfehlte Integration hat enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft – und das über Generationen hinaus. In Deutschland war es ganz anders: Man erhielt kostenlose Sprachkurse, wurde je nach Ausbildung Arbeitgebern zugewiesen oder es wurde einem eine bestimmte Ausbildung nahegelegt. Auch bei der Wohnungssuche wurde man unterstützt. Die polnischen Freunde meiner Eltern, die nach Deutschland ausgewandert waren, sind auf diese Weise viel schneller „angekommen“ und konnten rascher dem Staat etwas „zurückgeben“. 
 
 
Die Wohnung Ihrer Kindheit in Posen, so sagen Sie, war der letzte Ort, wo Sie das Gefühl von Daheim-Sein empfunden haben. Ihr Film vermittelt, dass der Verlust des Daheims auch mit dem Anerkennen einhergeht, dass Emigration ein Ankommen und ein Leben im Dazwischen bedeutet, dieses Dazwischen aber auch das neue Zuhause ist.
 
JOLA WIECZOREK:
Ich glaube, das Dazwischen lässt sich nicht vermeiden. Das zu erkennen und zu akzeptieren ist aber auch ein Prozess. Es gibt Phasen in meinem Leben, wo ich das Gefühl habe, es ist gut, wie es ist und ich kann gut zwischen den Ufern schwimmen. Dann kommen wieder andere Momente. Mit der Krankheit meiner Mutter wurde der Boden unter meinen Füßen wieder wackelig. Es hilft, dass ich jetzt selbst eine Familie habe, die meine Verankerung ist. Meine Familie ist ein buntes Gemisch – mein Partner ist Spanier, unser Sohn hat zwei Staatsbürgerschaften und wächst dreisprachig auf. Wir leben hier in Wien, sind aber auch viel in Spanien. Das genießen wir, gleichzeitig wünsche ich mir manchmal, einen Ort zu haben, den ich als mein Zuhause bezeichnen kann. Das werde ich vielleicht nie haben. Das zu akzeptieren, gehört zu einem wahrscheinlich nie endenden Prozess, der manchmal in den Vordergrund tritt und dann wieder verblasst. Auf alle Fälle helfen mir meine Filme, mich intensiver mit dem Gefühl, im Dazwischen zu sein, auseinanderzusetzen. Ich strecke meine Fühler auch in andere Kunstsparten aus und stelle fest, dass es mittlerweile vielen Menschen so geht. Früher war das außergewöhnlicher. Jetzt stellt sich eher die Frage: Wer bleibt schon ein Leben lang an ein und demselben Ort. Heute ist das fast schon etwas Exotisches. 
 
 
Führt Ihre Suche Sie zur grundlegenden Frage Was macht ein Ort/ eine andere Sprache / eine andere Gesellschaft mit mir?
 
JOLA WIECZOREK:
Natürlich. Darum beschäftigt mich die Frage so, Wer wäre ich gewesen, wäre ich in Polen geblieben? Das Salzkammergut hat etwas mit einem gemacht. Ich hatte das Glück, wunderbare, inspirierende Menschen getroffen zu haben. Und meine Eltern haben für meine Zukunft gekämpft: Es war nicht von Anfang an klar, dass ich aufs Gymnasium darf. Mein Vater meinte mal, wären wir in ein englischsprachiges Land ausgewandert, dann hätte er sich leichter getan. Da die deutsche Sprache für ihn einen bitteren Beigeschmack hatte, hat er sich schwergetan, sie zu lernen. Meine Großmutter, die durch die deutsche Besatzung sehr traumatisiert war, hörte es gar nicht gern, wenn wir zu Hause Deutsch gesprochen haben. Interessant, dass wir in ein Land geflüchtet sind, in das die Generation meiner Großeltern keinen Fuß hätte setzen wollen. 
 
 
DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE ist Ihr zweiter Langfilm und Sie haben zuvor mehrere mittellange Filme gemacht. Hat sich die intensive Arbeit im persönlichen Kontext stark von den bisherigen unterschieden?
 
JOLA WIECZOREK:
Es war emotional extrem herausfordernd. Es war sehr persönlich und ich spürte eine gewisse Verantwortung, meinen Eltern gerecht zu werden. Ich wollte etwas zeigen, das ihren Mut, ihre Ausdauer, ihren Kraftaufwand reflektiert und sie auch stolz macht. Ich hatte mir also enormen Druck aufgebaut. Es war für mich nicht leicht, mich selbst auf dem Bildschirm zu sehen, mich selbst zu schneiden, die eigene Geschichte in einen cinematografischen Bogen zu packen. Ich war sehr dankbar, dass mich mein Partner als Editor und Gesprächspartner so stark unterstützt hat. Auch Hanne Lassl, die Herstellungsleiterin, die bereits von den ersten Entwürfen an daran geglaubt hat. Und dann war auch noch Klemens Koscher, der Kameramann, der mich immer wieder darin bestärkt, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen. Ohne diese Menschen hätte ich diese Reise nicht machen können. Der Gesundheitszustand meiner Mutter war zur Fertigstellung hin schon sehr labil. Hätte ich das zu Beginn gewusst, unter welchen Umständen wir den Film fertig machen, wäre ich den ganzen Weg vielleicht nicht gegangen. Ihre Entwicklung zu sehen, war eines der härtesten Dinge. Es gibt ein polnisches Lied Die Tage, die wir noch nicht kennen, das wir leider nicht verwenden konnten, aber es ist unsere Blickrichtung geblieben: in eine Ungewissheit hineingehen und das Unbekannte umarmen. Ich habe im Lauf der Recherche mit vielen Pol:innen Kontakt aufgenommen, die in Kanada oder Australien gelandet sind und lange Gespräche über Zoom geführt. Es war total spannend zu hören, wie ihre Geschichten ausgegangen sind. Sie haben eine andere Möglichkeit unseres Lebens gelebt. Vielleicht wird das ein zweiter Teil. 
 
 
Interview: Karin Schiefer
Dezember 2025
 



«Manchmal wünsche ich mir, einen Ort zu haben, den ich als mein Zuhause bezeichnen kann. Das werde ich vielleicht nie haben. Das zu akzeptieren, gehört zu einem wahrscheinlich nie endenden Prozess.»