Der Film eröffnet mit einer Serie an Gemälden aus den dreißiger Jahren, die im Wiener ORF Funkhaus zu sehen sind. Inwiefern
sprechen diese Bilder, um KATER damit zu eröffnen? Waren die Dichte, die in der Momentaufnahme eines Gemäldes enthalten ist,
die Kontemplation, die damit verbunden sein kann, auch programmatisch für die narrative wie visuelle Sprache dieses Filmes?
HÄNDL KLAUS: Diese Wandbilder sind im Probensaal des Orchesters, der ein wichtiger Ort für die Hauptfiguren ist. Schon bei der ersten
Motivbegehung war das für uns wie eine Einladung in ihre Welt, weil wir da ganz unerwartet Szenen aus dem Drehbuch wiederfanden
- lauter kleine paradiesische Augenblicke, das Ballspiel, und den Tanz, und zwei Knaben mit einem Segelboot am See, unschuldig
nackt, und sogar eine Gruppe von Rehen... Außerdem ist diese erdfarbene Malerei unserm Hauptmotiv verwandt, einem wunderschönen
Haus in Hernals, das von einem amerikanischen Architekten zu dieser Zeit entworfen wurde. Vier Ausschnitte aus der Malerei
haben wir dann im Sinn einer Ouvertüre mit Musikstücken verbunden, die später im Film echte Handlungsträger sind, wenn das
Orchester Ravel und Schubert probt oder Stefan verzweifelt Bach hört und Andreas die 'Intimen Briefe' von Janáček.
Suche ich zunächst einmal nach thematischen Verbindungen zu Ihrem ersten langen Spielfilm März, dann stehen da die Trauer und der Verlust zum einen, und darüber schwebend auch in KATER wieder ein großes Fragezeichen, etwas Unerklärbares, Unerklärtes, ein unlösbares Rätsel. Sind damit die Themen, die dich
nicht loslassen, auf den Punkt gebracht?
HÄNDL KLAUS: Ja, ich glaube, dass ich mich bis zuletzt daran aufreiben muss. Weil ich mir unser Dasein nicht erklären kann – und ich hab
nicht den Trost einer Religion. Aber dieses Miteinander, dem man gar nicht entkommen kann, ob man will oder nicht... das alles
ist, was wir im Grund haben, als Segen und Fluch. Ich spür nur, wie gefährdet alles ist. Wie wenig schon genügt, damit etwas
bricht. Und dass man immer nach einem Halt sucht – auch nur, wenn zum Beispiel Stefan nach dem Grab fragt. Den Ort nicht zu
kennen, an dem man trauern kann – sodass alles zum möglichen Trauerort wird, das ganze Haus – das ist die schlimmste Strafe,
die es für ihn geben kann. Drum war auch das tote Rehkitz im Wald so wichtig, das er mit einem Ast bedeckt, wie zum Trost.
Was in März in einer Dorfgemeinschaft und in einer Familie verhandelt wurde, fokussiert sich in KATER auf die Liebesbeziehung und der Intimität zwischen zwei Menschen. Als wäre eine weitere Schale oder Schicht abgetragen in
Ihrem Ergründen dessen, was es denn nun ist, was zwei Menschen zusammenführt und zusammenhält.
HÄNDL KLAUS: Das treibt mich wirklich um. Ich bin umgeben von so viel Bedrohlichem. In mir ist das auch, was haust da in mir und lauert?
Warum schäme ich mich so oft? Woher rührt meine Scham? Ich habe Berge von Schuld auf mich geladen. Ist es das, was mich dermaßen
misstrauisch macht? Und manchmal kehrt sich das aber um. Das ist dann das Erstaunlichste. Dass ich plötzlich eine unsagbare
Zärtlichkeit empfinde für Menschen, die mir lange nicht geheuer waren. Wie ein Verstehen, eine befreiende Nachgiebigkeit.
Das beschäftigt mich stark. Und wie ich selbst mich verändere. Was im Lauf der Jahre mit mir geschieht. Allein nur schon in
meiner Sexualität, es kommt mir vor, als hätte ich da wenigstens vier große Metamorphosen durchlebt. Wie sehr das alles in
Fluss ist.
Der Kater Moses ist das Verbindungswesen zwischen diesen beiden Männern, beide sind dieser Katze in gleicher Intensität zugetan.
Mit ihrem Verschwinden reißt eine Brücke zwischen ihnen ab. Ich glaube zu wissen, dass Sie selbst einem Kater sehr verbunden
sind. Können Sie etwas über die Verbindung mit einem Tier erzählen. Welche Kraft, welche Bedeutung es haben kann.
HÄNDL KLAUS: Dass man eben nie mit letzter Sicherheit weiß, woran man ist – wie es diesem andern Wesen wirklich geht; es kann sich ja
nicht in meiner Sprache artikulieren, auch wenn es mich gekonnt nachahmt oder Klangmuster aufgreift, also klagend oder fordernd
"spricht". Ich muss eine andere Aufmerksamkeit entwickeln, ich bin ständig dabei, zu interpretieren – aber der Spielraum für
Missverständnisse ist groß, und etliches lässt sich zugunsten der gemeinsamen Beziehung auslegen, obwohl es in Wahrheit 'fremder'
gemeint ist, als ich’s gern hätte. Und doch ist ein Band des Vertrauens zwischen uns, dieser Kater kommt auf mich zu, und
ich bin eindeutig sein Bezugswesen.
Was Stefan und Andreas verbindet, ist zum einen die Musik, zum anderen die Natur, der Garten, das Essen. Es scheinen die Elemente
zu sein, die sie mit der Welt verankern?
HÄNDL KLAUS: Ja, schon, das Grundlegende. Die Dinge, zu denen man greift, die einen mit dem Leben im Sinn auch einer Lebendigkeit verbinden,
die selbst auch Leben bedeuten, die auch Trost bedeuten in diesem In-die-Welt-Geworfen-Sein. Die Musik zuallererst. Weil sie
die Sprache für das Unsagbare ist, sich dem am ehesten nähern kann, und für Andreas und Stefan ist es auch buchstäblich Arbeit,
das Musikerleben ist hart. In der Nacktheit liegt das auch. Auch als körperliche Nähe – wobei es zwischen Andreas und Stefan
immer erst nach Kontakten mit der "Außenwelt", die offenbar wie ein Katalysator wirkt, zum Sex kommt – nach dem Lasagne-Essen
mit den Freunden aus dem Orchester, nach dem Sommerfest, nach dem Konzert... Und die Literatur ist wichtig, die vielen unterschiedlichen
Stimmen in den Bücherregalen. Beim Drehen hatten wir oft bewusst Bücher auch im Off liegen, unterm Bett. Ich stellte mir dann
vor, dass die schon irgendwie ihre Wirkung tun würden, zum Beispiel war Der nackte Soldat von Belmen O ganz wichtig oder Jacques Derridas Tierbuch, L'animal que donc je suis, und Angelika Reitzers Unter uns schlug einen Bogen zurück zum März, der darin vorkommt; das war auch ein Gruß an Angelika. In einer längeren Fassung kommt auch ein Lorca-Gedicht zur Sprache,
über den Schrei als Bratschenbogen, der den Wind anreißt, und auch diese Lust am Spanischen, am Reichtum der Fremdsprache,
teilen die beiden.
Der Liebesbeziehung der beiden Männer steht das Orchester als starke kollektive Kraft gegenüber. Ob nun der Kater oder das
Orchester – das Innen einer Beziehung zwischen zwei Menschen scheint nicht ohne ein Außen bestehen, zusammengehalten werden
zu können. Welche Rolle schreiben Sie dem Orchester zu?
HÄNDL KLAUS: Das ist ein eigener Ort, mit seinen eigenen Regeln, der mir vertraut ist vom Libretto-Schreiben her; mit einigen Musikern
bin ich eng befreundet. Mich fasziniert, wie hart diese Arbeit ist – die ja zuhause weitergeht, alle üben ja bis zu mehreren
Stunden auch noch in der 'Freizeit', weil der Druck so groß ist, möglichst gut zu spielen – und dass es dort schon im Kleinen
so feine Rangordnungen und Seilschaften gibt, und dass man sich manchmal, mit einem schwierigen Dirigenten, einem schwierigen
Programm, als Schicksalsgemeinschaft erlebt. Auf der anderen Seite ist dann die Ausgelassenheit, eine Verspieltheit, tatsächlich
geht man auch mitsammen Fußballspielen, und man hat es lustig nach dem Konzert; alle möglichen Nationalitäten kommen zusammen
– bei uns Japanerinnen, Holländer, Deutsche, wir hatten Aileen aus Irland, Anaïs und Violaine aus Frankreich, Anders aus Schweden
und mit Johannes sogar einen Tiroler in unserm Freundeskreis, und natürlich den Russen Vladimir, der mit Lorenz das zweite,
zunächst heimliche Liebespaar des Films bildet – wie eine Spiegelung von Andreas und Stefan, weil auch da der eine am andern
festhält, obwohl es auf eine andere Art schwierig und fast unmöglich ist. Aber die Liebe ist größer– auch wenn das nur anklingt
in einigen wenigen Bildern; das bekommen im entscheidenden Augenblick aber auch Andreas und Stefan mit. Das war mir ganz wichtig,
das wollte ich keinesfalls verlieren. Abgesehen davon kann das Orchester auch ein solidarisches Umfeld sein – wenn der Adrenalinspiegel
steigt vor dem Konzert, und abseits auf dem Fußballplatz, wenn es zu einer Zuwendung kommt, die den verzweifelten Stefan nicht
nur tröstet, sondern wirklich stärkt. Dass er diesen Halt erlebt: Ich glaube, das verändert tatsächlich sein Selbstbild; das
gibt ihm etwas, einen Glauben an sich selbst – aus dieser Gruppe heraus. Worüber keiner je ein Wort verlieren wird. Da hatten
wir solches Glück mit dem Wetter – wir haben uns Regen gewünscht, und es gab Regen! Und dann standen wir im Morgengrauen im
Schutzhaus, in der kalten Kegelbahn als Garderobe, und dann ging es hinaus auf die Lichtung... Wir hatten überhaupt mit dem
RSO ein Wahnsinnsglück – zunächst konnten wir eine Lücke im Dienstplan nutzen, die wir "das chinesische Fenster" nannten,
nachdem eine China-Tournee ausgefallen war. Sonst wäre das zeitlich niemals gelungen! Ich hatte Bauchweh vor dem großen Orchesterapparat
– aber dann gab es von Anfang an einfach nur Offenheit, Vertrauen, Entgegenkommen. Und wunderschön war die Arbeit mit den
einzelnen Musikerinnen und Musikern, die unsern Freundeskreis spielten. Sie waren in jeder Hinsicht musikalisch.
In einem ersten Teil nimmt sich der Film Zeit, zunächst einmal „Daheim-Sein“, Geborgenheit, und in einer langsamen Steigerung
Intimität und Sexualität zu erzählen. Er tut dies in einer langen Serie aus Momentaufnahmen bis zu einem Liebestanz, in dem
Körper, Musik, Bewegung, Malerei zu einem Ganzen verschmelzen. Welchen Fragen sind Sie gemeinsam mit Gerald Kerkletz in der
gemeinsamen Bildersuche nachgegangen?
HÄNDL KLAUS: Wir wollten 'mitatmen' mit den dreien, mit den Menschen und dem Tier, also möglichst viel Raum für sie haben, und ihnen zugleich
aber auch sehr nahe sein. Gerald, der bei allen Proben mit den Schauspielern von Anfang an dabei war, der ja auch mitgesucht
hat im dramaturgischen Sinn, hat mir dann Probeaufnahmen in 1:2,39 Cinemascope gezeigt. Ein Format, an das ich nie gedacht
hab, weil ich nicht die Nähe damit verband, die aber durch Geralds Blick entstand. Und es gab uns die Möglichkeit, in den
vielen Gruppenszenen mit dem Freundeskreis nah bei den Menschen zu sein, ohne hoch aufzulösen – und auch Mensch und Tier gemeinsam
zu sehen. Später, wenn Stefan und Andreas für einige Zeit kaum noch gemeinsam in einem Bild sind, war dadurch diese Leere,
der Garten, das Haus, das viele Weiß, das auch "sprach". Im ersten Teil wollten wir bewusst ein leichtes Übergewicht des Alltags
schaffen, das die Katastrophe wirklich als solche hereinbrechen ließe, wenn man nicht mehr damit rechnet, sondern sich schon
eingerichtet hat in diesem Alltag. Und in diesem Alltag sollte es eine gewachsene Nähe geben, auch dank der Nacktheit, die
im ersten Teil noch möglich ist, vor der Vertreibung aus dem Paradies. Das war ein großer Punkt – wie erzählen wir diese Nacktheit?
Keinesfalls wollten wir sie ausstellen, sie sollte sich einfach ergeben. Also suchten wir zunächst gelungene Beispiele unter
den Filmen, die wir lieben – aber auch abschreckende, und zeigten sie gleichermaßen den Schauspielern, die uns ja ihr Vertrauen
schenken mussten – um zu schauen, wohin die Reise gehen könnte. Vor allem kam von Gerald eben dessen Gabe, mitzuatmen – in
aller Selbstverständlichkeit und traumwandlerisch sicher, das war das größte Geschenk, der natürliche Blick, das Gespür –
nicht bloß Kameramann, sondern Director of photography.
In einem zweiten Teil findet ihr erneut eine unheimlich intensive Sprache der Trauer, des Schmerzes über den Verlust eines
geliebten Wesens, der Frage nach der Schuld, die letztendlich eines der großen Geheimnisse dieses Films bleibt. Wie sehr war
auch die Arbeit mit den beiden Hauptdarstellern – Lukas Turtur und Philipp Hochmair – Teil des Entstehungsprozesses?
HÄNDL KLAUS: Da war Zeit das Um und Auf. Natürlich ist man vorbereitet bis ins Letzte, aber in der Begegnung entsteht immer etwas Unerwartetes,
von den Schauspielern kommt etwas Spannendes – und schon ist es eine Suchbewegung, in der man sich befindet. Es geht dann
darum, eine Zeitlang ruhig zu bleiben und sich auch ein Stück weit zu verlieren – in eine Unkontrolliertheit zu gelangen,
in einem geschützten Bereich. Und Zeit zu haben, um geduldig bleiben zu können. Für Lukas war es die erste Hauptrolle; ich
kannte ihn von der Bühne, er hatte in einem Theaterstück von mir mitgespielt, da hatte er etwas hintergründig Verletzliches,
das hab ich gesucht für den Stefan. Vor der Kamera hat er die seltene Begabung, in eine durchlässige Konzentriertheit zu kippen
– und dazu ist er hochmusikalisch, auch am Horn; da half zwar sicher, dass er seit fünfzehn Jahren Klarinette spielt, aber
der Lippenansatz, die Grifftechnik, die Haltung, die Atmung – all das war Neuland; wir hatten da Christoph Walder als Coach
zur Seite, noch so ein Glücksfall. Und mit Philipp war ich ungefähr genausolang schon befreundet, seit ich ihn in Sarah Kanes
"Gesäubert" erlebt hatte, das war gleißend. Wir hatten immer schon gemeinsam etwas machen wollen, dachten an ein Theaterstück
– bis plötzlich doch der KATER im Raum stand. Philipps Instinkt ist ungeheuer, und auch er ist durchlässig im Spiel – und
im Casting waren die beiden vom ersten Augenblick an ein aufregendes Paar – von dem ich dachte, „die möchte ich näher kennenlernen
in ihrem Zusammenspiel“, ich hatte richtige Entdeckerlust. Das kam einer Erlösung gleich – denn der Castingprozess war aufwendig
und nicht einfach gewesen, weil die Chemie, die berühmte, ja stimmen musste.
Was bestimmte im Casting die Suche nach den Hauptdarstellern?
HÄNDL KLAUS: Zuallererst die Sprache; ich suchte da etwas Weiches, Warmes, drum hatte ich die Dialoge auf Wienerisch geschrieben, auch
Bayrisch konnte ich mich vorstellen, und so kam es schließlich auch – mit Lukas Turtur aus München. Aber leider schränkt so
eine Vorgabe den Kreis arg ein, ich hab es zwar versucht mit tollen Schauspielern aus Köln und Berlin, das klang jeweils 'daneben'
– wie neben der Spur, im Kern falsch. Und dann war die erste Frage, die ich stellen musste, diejenige nach der Bereitschaft
zur körperlichen Nacktheit. Wobei ich da stark unterschätzt habe, dass erstaunlich viele Angst davor haben - auch Schauspieler,
die an sich doch mit ihrem Körper auch im Sinn eines Instruments arbeiten, sodass ich gedacht hab, das müsste ihnen leichter
fallen, als sich’s dann erwiesen hat. Aber das war unabdingbar, Adam und Adam mussten ja nackt sein im Paradies – der Schmerz,
das Befremden zeigt sich unter anderm ja eben darin, dass ihnen diese Nacktheit, diese Vertrautheit später nicht mehr möglich
ist. Ursprünglich war KATER sogar als Frau-Mann-Beziehung geschrieben, Andreas hieß damals Monika – aber es ist mir nicht
gelungen, das zu besetzen, es hat einfach nie gestimmt. Es war dann Antonins Vorschlag, das Ganze einmal zu lesen als Liebesgeschichte
zweier Männer – von da an gab’s kein Halten mehr.
Wie kann man sich die Set-Arbeit mit dem vierbeinigen Protagonisten vorstellen?
HÄNDL KLAUS: Da waren wir Jäger und Sammler. Das hieß: Geduld, Geduld, Geduld. Und wenn die aufgebraucht war: noch einmal einen Schwung
Geduld. Und noch einmal, und noch einmal! Wobei ich ja den Toni liebe, also meine Geduld mit ihm unendlich ist. Aber für den
Rest des Teams war es, fürchte ich, in Wahrheit extrem anstrengend. Es ging ja auch um konkrete Entscheidungen, was das Bild
betraf – gestalten wir das Bild und stecken den Rahmen für Toni ab, oder rennen wir ihm hinterher – Letzteres hat definitiv
nicht funktioniert. Also eben: Geduld, Geduld. Dafür wurden wir aber auch immer wieder so schön belohnt – auch, weil Toni
von Haus aus ein gesellschaftsfreudiger Kerl ist, der mit dem Team aufgeblüht ist; außerdem bin ich schon Wochen vor Drehbeginn
mit ihm nach Hernals gezogen, um ihn ans Haus zu gewöhnen, und nach Drehschluss war ja auch sein Bruder Tino als Spielgefährte
dabei. Ich hab die beiden aus dem Tierheim, jetzt leben sie bei mir - und das ist das wahre Glück. Gemeinsam mit Andi Winter
und Gerald gab es auch eigene "Universum"-Tage, die wir so nannten, weil wir quasi eine Tierdoku drehten – mit Toni als Protagonist,
wie er sein Leben lebt im Haus und im Grünen, wie er sein Revier markiert, Gras frisst, Mäuse fängt, spielt und schläft –
da gab es viel schönes Material, von dem wir nur einen Bruchteil verwendet haben. Danach kam unser Klaus Kellermann mit seiner
Angel und tat tagelang das Gleiche auf der Tonebene – wir haben Bild und Ton trennen müssen, weil Toni von der Angel fasziniert
war... das hat ihn zu sehr abgelenkt auf den Streifzügen.
Was KATER so deutlich macht, ist, wie sehr ein tiefer emotionaler Schmerz den Körper erfasst und durchdringt. (Den/die) Körper
zu filmen, scheint eines der großen Themen in dieser Kameraarbeit gewesen zu sein.
HÄNDL KLAUS: Das ist etwas, das ich schwer beschreiben kann – das war mit Gerald schon bei März so. Es ist eine Nähe im Moment – dieses Mitfühlen, Mitatmen, Mitleben. Ich weiß noch, als ich nach dem ersten Take von 'All
Blues', dem Liebestanz, so dankbar war – auch für Geralds Mitgehen, ungeschnitten war das ein Durchlauf von fast dreißig Minuten,
den ich am liebsten grad so übernommen hätte, weil es so anrührend war – da meinte er im Scherz, er tue ja nix, die Schauspieler
schwenkten ja ihn und nicht umgekehrt – ja, das beschreibt es vielleicht am besten: von außen betrachtet haben da drei Menschen
getanzt, auf Augenhöhe, ohne Hierarchie, miteinander und füreinander – und einer hatte halt eine Kamera. Die drei waren ja
auch mitsammen allein im Raum. Das restliche Team, auch der Kameraassistent mit der Funkschärfe, saß mit mir im Nebenzimmer
vor dem Monitor. Übers Bildermachen hinaus hat er aber dieses ganzheitliche Sich-Einlassen, von Anfang an – weit früher als
das üblich ist, glaub ich. Über Kater haben wir begonnen zu reden schon auf der Heimfahrt von Tirol, nach dem letzten Drehtag von März. In den Vorbereitungsphasen haben wir intensivste Gespräche über Tage und Wochen, und es gibt gemeinsame Bücher und Filmlisten,
die abgearbeitet werden – und dann wird das immer weniger – und am Set reden wir dann kaum noch, da fühlt sich dann oft unausgesprochen
alles einfach richtig an zwischen uns.
Mit der Schlange, die das ungetrübte Sein zwischen zwei Menschen zerstört und auch dem Kater als „Findelkind“ Moses in seinem
Korb ist eine klare biblische Symbolik präsent, die von der Vertreibung aus dem Paradies erzählt, aber mit Moses auch einen
möglichen Retter/ Befreier impliziert.
HÄNDL KLAUS: Wobei ausgerechnet Moses diese kleine Schlange ins Haus trägt – und ausgerechnet Stefan ihr einen Schutz aus Steinen baut!
Wirklich biblisch an Moses aber ist seine Nacktheit – ja, er hat sein Fell, aber damit ist er in seiner Natur – und die entspricht
den Menschen, wenn sie nackt durchs Haus gehen im Zustand der Unschuld. Aber Moses hat seinen eigenen Kopf, und sein eigenes
Leben.
Ob es Versöhnung oder Heilung geben kann, lässt KATER offen. In einem Gespräch gegen Ende des Films wird klar, was es heißt, sich auf einen anderen Menschen in seiner Gänze einzulassen.
Insofern ist KATER mehr als März über die Thematik von Trauer und Verlust hinaus, ein Film über die Liebe zwischen zwei Menschen. Wir erfahren ja in Andeutungen
auch über verschiedenste Konstellationen im Orchester.
HÄNDL KLAUS: Dieses Gespräch ist wie ein Neu-Aufstellen, ein Wendepunkt. Man stellt sich hin und schaut gemeinsam etwas an, spricht bewusst
etwas aus, das einen lang schon beschäftigt und bedrückt – etwas, das wesentlich ist fürs weitere Zusammenleben. Lang greifen
die alltäglichen Augenblicke ineinander, man tut halt, was ansteht – aber dann kommt es doch zu einem solchen entscheidenden
Moment. Dem Innehalten. Auch im Bad als Schattenriss, vor dem Blick in den Spiegel – und im Garten auf der Wiese, wenn Stefan
aus dem Tierheim kommt. Und es gibt äußere Handlungen, die etwas heilen – wenn der „böse Baum“, der Stefan ein Auge gekostet
hat, zu Brennholz zerschnitten wird, atme ich auf.
Interview: Karin Schiefer
Jänner 2016










