Silvia Federicis Manifest Lohn gegen Hausarbeit war ein früher Anstoß für Ina Ivanceanu den unsichtbaren Gesellschafts- und Wirtschaftsfaktor Care ins eigene, mit ihrem Film
auch ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. WHO CARES ist ein Manifest der Erschöpfung, das einen Blick in die Privatsphären
zulässt: Es zeigt die Protagonistin ebenso wie die Regisseurin auch in ihrem Alltag, der zu einem beträchtlichen Teil der
Sorge für ein Familienmitglied gilt. Das war für den Film nicht immer so geplant, doch ist es kein Zufall. Sondern System.
Der Einstieg in Ihren Film WHO CARES erfolgt zweifach – über die Theorie und über die Praxis. Die Philosophin Silvia Federici
eröffnet mit einer Lektüre von Fakten zur unbezahlten Care-Arbeit, dann sehen wir Sie in Ihrem privaten Umfeld, beschäftigt
mit Alltagsfragen in der Care-Arbeit für Ihre Mutter. Silvia Federici hat bereits in den 1970er Jahren zur unbezahlten Care-Arbeit
geforscht hat. Wann sind Sie ihrem Oeuvre begegnet?
INA IVANCEANU: Als Studentin bin ich ihrem Manifest Lohn gegen Hausarbeit begegnet, weil ich mit zwanzig selber auf der Suche nach meinem
Feminismus war und mir viele Fragen gestellt habe: Welche Beziehungen mit Männern ich haben oder eben nicht haben wollte,
wie ich arbeiten, mein Leben gestalten wollte, und ob mit Kindern oder ohne. Ich war viel unterwegs und habe nach globalen
Zusammenhängen gefragt: Bestehen diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern überall? Dabei ist mir
auch dieses Manifest von Silvia Federici und ihren Mitstreiterinnen aus den siebziger Jahren in die Hände gefallen, wo es
eben um die Frage geht: Wie können sich Frauen* von diesen Rollen und den riesigen Mengen an unbezahlter Arbeit befreien?
Sie hat damals schon Marx kritisiert, weil er übersehen hat, wie unheimlich viel diese unbezahlte Arbeit ausmacht und was
es wirtschaftlich bedeuten würde, diese mitzudenken. Dann habe ich mein Leben gelebt
und die Arbeit von Silvia Federici
nie ganz aus den Augen verloren. 2004 hat sie dann ihren Bestseller Caliban und die Hexe veröffentlicht, in dem es um die enge Verzahnung von Kapitalismus und Patriarchat geht. Es war für mich ein Eye-Opener, zu
verstehen, dass das, was in der Zeit der Hexenverfolgung passiert ist, heute noch auch auf mich Auswirkungen hat. Silvias
Forschung zeigt, dass reproduktive Arbeit im Lauf der Geschichte extrem abgewertet wurde, und gleichzeitig, wie wichtig die
unbezahlte Reproduktionsarbeit für die kapitalistische Wirtschaft ist. Wir sind gerade mit dem 20. Femizid in Österreich in
diesem Jahr konfrontiert. Es ist überaus wichtig zu verstehen, dass es hier nicht um Einzelfälle, sondern eine geschichtlich
gewachsene Struktur geht. Es geht hier auch um fürsorgliche versus toxische Männlichkeit, um viele komplizierte, aber unheimlich
spannende Zusammenhänge, die zu thematisieren sehr hilfreich wäre, wenn es um Veränderung geht.
In der zweiten Szene deklarieren Sie, die Regisseurin, sich in der chaotischen Wohnung Ihrer Mutter auch als Protagonistin
mit Care-Verantwortung. Die Entscheidung, das Private öffentlich zu machen, war sicherlich keine leichte. Gleichzeitig trifft
sie ins Herz der Problematik: Soll Care-Arbeit endlich vom Nimbus des Privaten befreit werden?
INA IVANCEANU: Ich finde generell, dass es kein Privates gibt. Alles, was wir tun, hat auch Konsequenzen in Gesellschaft und Politik. Alles
hängt zusammen. Wir leben nicht ein privates, ein öffentliches und ein politisches Leben. Wir leben genau ein Leben. Wir haben
nur eins. Weil dieser Umstand so versteckt wird und man die Care-Situation ins Private abgleiten lässt, funktioniert ja Ungerechtigkeit.
Dagegen möchte ich arbeiten.
Der österreichische Bundeskanzler hat vor wenigen Monaten gemeint, Kinderbetreuung sei keine unbezahlte Arbeit und Familie
kein Business Case. Die Reaktionen ob dieser Aussage waren ziemlich laut und somit auch ein Zeichen, dass es auf einer breiteren
Ebene ein Bewusstsein gibt. War es für Sie eine Bestätigung, wie zeitgerecht Ihr Film kommt?
INA IVANCEANU: Die unbezahlte Arbeit, vor allem, wenn es um Kinder und Familienangehörige geht, die man im besten Fall liebt, wird in unserer
Gesellschaft gerne süßgeredet. Wir legen eine klebrige Schicht Liebe drüber und dann darf man es nicht mehr Arbeit nennen.
So lässt sich gut verstecken, wer sie macht und wie ungerecht das eigentlich ist. Silvia und ihre Mitstreiterinnen haben schon
in den 70ern eine der Grundfragen meines Films gestellt: Ist es Liebe oder unbezahlte Arbeit? Es geht gar nicht darum, es
entweder dem einen oder dem anderen zuzuordnen. Mir geht es darum zu sagen: Ja, es kann Liebe sein und trotzdem ist es Arbeit.
Die Aussage des Bundeskanzlers zeigt auch die Angst davor, die Dinge beim Namen zu nennen. Ich will auch nicht meine Tochter
als Business Case betrachten. Manchmal habe ich sie in dieser Auseinandersetzung beiseite genommen und gesagt: Ich will diese
Dinge ansprechen, weil sie Teil unseres Lebens sind, und trotzdem will ich, dass dir immer bewusst ist, dass du für mich natürlich
nicht nur Arbeit bist‘. Das ist nicht einfach, aber das Einzige, was uns weiterbringt, sind schonungslose Ehrlichkeit und
ein Wissen über Zahlen, Daten, Fakten, Zusammenhänge. Dann kann man immer noch über Liebe reden. Es ist wichtig, alles zu
sehen und die Gefühle im Blick zu halten, denn je mehr unbezahlte Arbeit du leistest, desto mehr gerät die Liebe in den Hintergrund.
Jeder Mensch, der sich um andere kümmert, ohne dabei genügend Unterstützung zu finden, kennt das. Nämlich, dass uns gerade
diese Liebe, die wir so hochhalten sollen, abhandenkommen kann, weil es irgendwann nur noch darum geht, Dinge überhaupt fertig
zu kriegen. Man kann auf die andere Person gar nicht mehr eingehen, weil die Zeit und die Energie dafür fehlen. Das ist mein
treibender Gedanke: Ich möchte nicht die Liebe aus meinem Leben verlieren. Diese klebrige Schicht über die Fakten zu legen,
wird uns nicht weiterhelfen.
Auch Silvia Federici verkörpert Theorie und Praxis in WHO CARES. Sie ist in ihren Achtzigern selbst zur unbezahlten Care-Workerin
geworden, indem sie sich um ihren an Parkinson erkrankten Mann kümmert. Wie sind die Filmsequenzen mit ihr entstanden? Wie
hat sich der Austausch mit ihr entwickelt?
INA IVANCEANU: Silvia ist eine sehr aktivistische Frau, die dank ihrer Erfahrungen im Globalen Süden, vor allem in Lateinamerika und Sub-Sahara-Afrika,
sehr transnational denkt und immer auch Rassismus und Ausbeutung durch die nördliche Welt in ihre Analysen miteinbezieht.
Das fand ich immer besonders spannend. Dann habe ich erfahren, dass sie jetzt ihren eigenen Partner pflegt. Mit George, der
auch Autor ist, verbindet sie eine unendlich starke, lange Beziehung. Das heißt, da gibt es ganz viel Liebe. Und trotzdem
ist es natürlich für sie das gleiche Dilemma. Auch für diese Frau, die sich ihr Leben lang mit dem Thema der unbezahlten Arbeit
befasst hat, keine eigenen Kinder hatte, weil sie das eben nicht wollte. Sogar sie gerät genau in diese Schwierigkeiten, komplexen
Fragen und Widersprüche. Sie ist mittendrin, genau wie ich. Als ich davon erfahren habe, wollte ich unbedingt wissen, wie
sie damit umgeht, ob es hilft, wenn man mehr über die Zusammenhänge weiß.
War sie einer filmischen Zusammenarbeit gegenüber aufgeschlossen?
INA IVANCEANU: Ich habe sie öfter kontaktiert und mich gewundert, warum sie nicht antwortet. Da war George schon krank und sie hatte kaum
mehr Zeit, weil sie nur noch in der Nacht gearbeitet und wenig geschlafen hat. Irgendwie habe ich sie doch mal erwischt und
wir haben über Zoom ein spannendes, lustiges und nettes Gespräch geführt. Dann sagte sie: ‘Ich bin gerade in Parma, wenn du
willst, komm mich doch besuchen und dann schauen wir mal‘. Drei Tage später saß ich im Zug nach Parma und habe gleich ein
kleines Filmteam mitgenommen. Wir haben Probedrehs gemacht, gemeinsam gekocht, gegessen, geredet. Es war eine schöne Begegnung.
Am Ende dieser drei Tage hat sie gesagt: 'Wir nehmen jetzt einen Zettel, da schreibe ich drauf, dass ich gerne deine Protagonistin
sein will'. Die Dreharbeiten gingen dann über mehrere Jahre. Wir haben uns sehr gut verstanden. Und in ihrem Leben hat sich
auch immer wieder was verändert. George ging es schlechter. Je mehr Pflege notwendig war, desto mehr hat sie versucht, nach
außen zu gehen, mit ihm auf Konferenzen zu fahren, ihn überall hin mitzunehmen. Sie hat gesagt, ich versuche alles, damit
wir nicht aus dem Blick verschwinden, wir genieren uns nicht, wir verstecken das nicht und das machen die beiden immer noch.
Das hat mich sehr beeindruckt.
Silvia Federici liest aus ihrem Manifest vor dem Hintergrund einer Statue in einer italienischen Stadt. Sie widmen im Film
auch den Denkmälern in Wien – ihrem Geschlechterverhältnis, ihren Posen – einen Fokus. Was kam dabei heraus?
INA IVANCEANU: Silvia liest auf dem Platz in Parma vor der Statue des antifaschistischen Partisanen – eine Männerstatue mit Gewehr. Es ist
ein Mahnmal, das für Silvia sehr wichtig ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits mit den Statuen in Wien und der Frage,
wer wie im öffentlichen Raum dargestellt wird, beschäftigt. Die vielen Statuen in Wien haben mich schon als Kind fasziniert,
ich habe mir immer vorgestellt, wie sie aufstehen und etwas anderes machen. Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht,
stellt man fest, wie viele Statuen auch Häuser, Eingänge, Balkone tragen. Nach einer feministischen Stadtführung war ich auch
dafür sensibilisiert, wie unheimlich viele personalisierte Männerstatuen und wie wenig Frauenstatuen es gibt. Bei ihnen liegt
die Zahl bei ungefähr sechs, dem stehen ungefähr 190 namentlich gewidmete Männerstatuen gegenüber. Wir sind alle davon beeinflusst,
was in der Öffentlichkeit steht und was nicht. Das wollte ich zeigen. Und ich habe auch die Statuen näher betrachtet, die
„nur“ allgemeine Darstellungen von Männern und Frauen sind. So wie Männer dargestellt sind, das ist richtig schmerzhaft und
traurig anzusehen: einsam, kriegerisch, gewalttätig. Mächtig, aber im Unschönen. Bei den Frauen stehen die Attribute Fürsorglichkeit
und Mütterlichkeit im Vordergrund und meistens haben sie nichts oder sehr wenig Kleidung an.
Diese klassischen Rollenzuordnungen scheint es viel weniger lange zu geben, als wir meinen. Im Film zitieren Sie einen Vergleich
– würde man die Menschheitsgeschichte auf 60 Minuten komprimieren, dann entstehe die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern
erst ziemlich knapp vor zwölf. Können Sie diesen Vergleich näher erläutern?
INA IVANCEANU: Diese Zahl stammt aus dem tollen Buch Die Wahrheit über Eva, welches der Frage nachgeht, wann diese Ungleichheit entstanden ist. An heutigen Interpretationen von Funden aus der Urgeschichte
wird deutlich, dass wir als Menschheit wahrscheinlich gar nicht hätten überleben können, wenn wir nicht angefangen hätten,
uns alle gemeinsam um den Nachwuchs zu kümmern. Es gab in der Urgeschichte einen Zeitpunkt, wo das Bevölkerungswachstum runtergegangen
ist und wir Menschen als Spezies am Aussterben waren. Was ist dann passiert? Die These ist, dass es deswegen mit uns als Menschheit
wieder bergauf gegangen ist, weil Männer und Frauen in unterschiedlichen Altersgruppen angefangen haben, sich gemeinsam um
die Kinder zu kümmern. Die gemeinsame Versorgung der Kinder hat die Gemeinschaft gestärkt, sodass wieder mehr Kinder auf die
Welt kommen konnten. Die Vorstellung, dass es mit der Rollenverteilung immer schon so war, stimmt einfach nicht. Es ist ein
gängiges Argument zu sagen, es war ja immer schon so. Ich habe es selber noch so in der Schule gelernt: In der Steinzeit haben
wir Frauen die Beeren gesammelt und die Männer die Mammuts gejagt. Es gibt jetzt starke Tendenzen, die diese Thesen widerlegen.
Durch neue Technologien – und da werde sogar ich zum Hightech-Fan –, kann Vieles viel genauer bestimmt werden, wir können
viel aus den DNA-Analysen von Knochenfunden herauslesen. Mir hat die Recherche für diesen Film geholfen, meine eigenen Bilder
zu hinterfragen, obwohl ich ja eh immer kritisch war. Diese Sachen sitzen auch tief in mir.
Eine Geste zieht sich leitmotivisch durch den Film: Die erschöpfte Frau, die sich auf den Boden legt. Es beginnt in der privaten
Wohnung, wo Sie sich auf den Boden legen, um eine Auszeit zu nehmen und dann werden es im Laufe des Films immer mehr Menschen,
die in der Öffentlichkeit ihrem Zustand der Erschöpfung Ausdruck verleihen. Wie ist es zu dieser Geste gekommen?
INA IVANCEANU: Es hat damit begonnen, dass ich selber so erschöpft war und teilweise nicht mehr wusste, wie ich den Filmdreh mit der ganzen
Care-Situation vereinbaren sollte. Das war der Punkt, wo ich mir sagte, dass ich diese Situation auch im Film thematisieren
muss. Ich habe mich im Wohnzimmer auf den Boden gelegt und gemerkt, wie angenehm das ist. In einem nächsten Schritt dachte
ich mir Wie wäre das, es mal draußen in der Öffentlichkeit zu tun?‘ So habe ich mich vor dem Haus, wo meine Mutter wohnt,
auf den Gehsteig gelegt, um das mal auszuprobieren. Dann hat sich eine Eigendynamik entwickelt: Ich fand es visuell schön
und ich habe mich auch gut dabei gefühlt. Dann habe ich Und alle so still von Mareike Fallwickl gelesen und fand es sehr inspirierend.
Es ist ein dystopischer Roman mit der Idee, dass sich in der ganzen Stadt Frauen einfach auf den Boden legen und sich immer
mehr Frauen dazulegen. Diese Sog-Entwicklung hat mich beeindruckt. Ich habe Mareike Fallwickl damals angeschrieben und ihr
mitgeteilt, dass ich das gerne für den Film weiterentwickeln wollte. Und dann habe ich das immer mehr gemacht, es ist auch
eine eigene Gruppe entstanden, sie heißt #stillgelegt, und die ist immer noch sehr aktiv. Privates und die Dreharbeiten haben
begonnen, sich zu vermischen.
Sie zeigen in WHO CARES auch weitere Initiativen des Widerstands in New York, in Madrid
, aber auch alternative Lebensformen.
Was hat Ihre Suche bestimmt?
INA IVANCEANU: Ich beschäftige mich schon lange mit alternativen Wohnformen, und habe auch schon selbst ein großes Wohnprojekt mitgegründet.
Ich habe für den Film nach einem Ort gesucht, wo Leute unbezahlte sowie bezahlte Arbeit gerecht aufteilen. Dazu habe ich die
Kommune Niederkaufungen in Deutschland gefunden. Es ist eine Kommune, die das Thema Geschlechterrollen, bezahlte und unbezahlte
Arbeit explizit zur Prämisse erklärt hat und sie bestehen seit 40 Jahren. Solche Gemeinschaften zu filmen, ist gar nicht so
einfach. Ein Kollektiv muss in seiner nicht-hierarchischen Struktur gemeinsam sagen, ja, wir wollen ein Teil von diesem Filmprojekt
sein. Mich hat fasziniert, dass sie so toll organisiert sind. Sie sind unfassbar gut strukturiert, damit dieser Ausgleich
mit der unbezahlten Arbeit, damit es mit Fairness und Gerechtigkeit funktioniert.
Darüber hinaus fand ich die für mich spannendste widerständige Gemeinschaft, die jetzt gar nicht europäisch ist, in einer
selbstorganisierten Gewerkschaft von migrantischen Hausangestellten in Spanien. Sie stehen unter irrsinnigem Druck, bei ihnen
geht es um Probleme mit den Papieren, um Ausbeutung, um Missbrauch. Sie wehren sich auf sehr kreative Weise, davon können
wir viel lernen. Sich politisch zu engagieren für etwas, was dir ein wichtiges Anliegen ist, muss auch Freude machen. Du kannst
unmöglich nach einem elenden Arbeitstag noch unendlich schwierige politische Arbeit machen. Das ist oft ein Grund, warum Aktivismus
wieder versickert. Es braucht dafür einen langen Atem und es muss Energie liefern. Das haben die Frauen von Territorio Domestico
extrem kultiviert. Sie achten sehr darauf, dass sie miteinander ins Gespräch kommen, dass es bei ihren Treffen um Gefühle
und Verbindungen geht, aber auch um Spaß, Tanzen und Widerstandsformen, die über einfache Demonstrationen hinausgehen.
Sie spannen in WHO CARES einen Bogen über die Generationen: Sie tun das innerhalb Ihrer eigenen Familie, aber auch über Silvia
Federici. Ist dies ein wichtiges Anliegen im Sinne dessen, dass nur langfristig ein gesellschaftlicher Wandel herbeigeführt
werden kann?
INA IVANCEANU: Ich glaube, dass es gar nicht anders geht. Für mich ist es naheliegend, weil ich eine Tochter und eine Mutter habe, für die
ich da bin. Ich bin irgendwo in der Mitte und ich frage mich, wer wir miteinander sind und wie wir das Miteinander regeln
wollen. In einer Szene frage ich meine Tochter, wie sie es sich vorstellt, wenn ich mal so alt bin wie meine Mutter. Ich halte
es für wichtig, darüber offen zu sprechen. Wir reden zu wenig über diese Dinge. Eine Studie aus Deutschland zeigt, wie sehr
der Bedarf von Hilfe mit Scham verbunden ist. Viele alte Menschen würden lieber von einem Roboter gepflegt werden, damit sie
niemandem zur Last fallen. Darüber sollten wir sprechen. Scham hat da nichts verloren. Dass jemand jemanden braucht, das sollte
selbstverständlich sein und der Umgang damit braucht Offenheit. Die Filmarbeiten haben dazu geführt, dass wir miteinander
mehr ins Gespräch gekommen sind.
Sie sind, so erfahren wir im Film, eine Sandwich-Frau, also eine erwachsene Person, die gleichzeitig für heranwachsende Kinder
und betagte Eltern sorgt. „Daneben“ arbeiten Sie Vollzeit und einen Film zu drehen ist ja in gewissen Phasen eine 24/7-Aufgabe.
Wie haben Sie das alles geschafft?
INA IVANCEANU: Sehr viele Menschen haben im Hintergrund mitgeholfen. Für mich persönlich ist es schwer auszuhalten, wenn mich jemand braucht
und ich aber nicht da bin. Es bedeutete, eine Balance zu halten zwischen verschiedensten Situationen: 'Ich bin jetzt leider
nicht da, auch wenn ich es gern wäre‘ oder 'Ich habe jetzt Dreharbeiten, aber ich unterbreche sie trotzdem‘ oder 'Ich habe
jetzt Dreharbeiten und ich kann sie unmöglich unterbrechen, weil sich dann wirklich etwas Einschneidendes verändern würde,
was ich nicht will‘. Es war eine Gratwanderung, jeder Drehtag ist eine neue Entscheidung. Drehzeiten, aber auch Schnittzeiten
bedeuten oft richtig schwierige Herausforderungen. Die Vereinbarkeit von Filmschaffen und Familie bzw. Care-Verpflichtungen
ist sowieso ein Riesenthema und leider immer noch völlig ungelöst.
Die Thematik Ihres Films und die Lebensrealität haben eigentlich ständig ineinander gegriffen
INA IVANCEANU: Einen Film machen dauert eben. Und in der Zeit, während du diesen Film machst, verändert sich das eigene Leben und in meinem
Fall, hat sich meine Mutter in dieser Zeit verändert und damit meine Lebenssituation. Irgendwann war klar, dass ich diesen
Film nur dann sinnvoll machen konnte, wenn ich meine eigene Situation einfließen lasse. Was mir da widerfährt, passiert so
unendlich vielen anderen Personen und wir sehen es nicht, wir lesen wenig darüber, wir spüren es nicht, wir reden ja nicht
einmal im Freundeskreis darüber, wie kompliziert es ist. Es ist eine Welt um uns herum entstanden, in der du eigentlich so
arbeiten sollst, als hättest du keine Kinder, keine Familie, keine Freundinnen, keine Freundschaften, wo du vielleicht mal
etwas geben musst. Und auf der anderen Seite sollst du als Frau so sein, als würdest du nicht arbeiten. Das ist ein unauflösbarer
Widerspruch, der viele von uns in große Schwierigkeiten bringt. Ich würde wirklich gern mit diesen Bildern aufräumen. Niemand
sollte das mehr aufrechterhalten. Wir sollten endlich aufhören damit. Ich möchte nicht mehr so tun, als würde es diese zwei
Welten nicht geben. Bei mir ist es oft so, dass sich das unbezahlte Kümmern und meine bezahlte Arbeit wie Erzfeinde gegenüberstehen.
Das will ich nicht mehr. Alles, was ich tun kann, damit sich daran etwas ändert, werde ich tun.
Interview: Karin Schiefer
Oktober 2026






