Für Mila sind die Jahre des Partisanenkampfs in den Südkärntner Gebirgswäldern glimpflich verlaufen. Sie kehrt heil zurück,
doch die Freude über die Befreiung von den Nazis währt nicht lange. Denn das Blatt wendet sich nach dem Krieg schnell. Andrina
Mračnikar erzählt in ihren Filmen, was nicht in Geschichtsbüchern nachzulesen ist. In MILA MARIJA davon, wie volatil in Zeiten
nach einem Krieg die Sicht auf Recht und Unrecht sein kann und dass für Kärntner Slowen:innen zwar ein Krieg zu Ende ging,
nie jedoch der Kampf um politische Anerkennung und Gleichberechtigung.
Sie haben sich in Ihrem filmischen Oeuvre immer wieder mit der Geschichte der Kärntner Slowenen auseinandergesetzt. Zuletzt
im Dokumentarfilm Verschwinden/Izginjanje. Für MILA/MARIJA wählten Sie einen fiktionalen Zugang; welche Facette dieser komplexen Geschichte stand für Sie
im Vordergrund?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich habe schon sehr lange den Wunsch gehabt, einen kärntner-slowenischen Partisan:innen-Film zu machen. Aus meiner persönlichen
Verbundenheit mit dem kärntner-slowenischen Widerstand heraus und vor allem auch deshalb, weil es bisher in Österreich keinen
einzigen Partisan:innen-Spielfilm gibt. Der Widerstand der Kärntner Slowen:innen war der einzige dauerhafte, organisierte,
bewaffnete Widerstand im gesamten Dritten Reich. Es gab natürlich andere Formen des Widerstands, aber dieser war der einzige,
der sich dauerhaft gehalten hat und einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus dargestellt
hat, was in Österreich nie gewürdigt wurde. In Jugoslawien hatte der Partisanenfilm eine große Tradition, aber auch in anderen
Ländern. Die Idee zum Film gab es schon vor meinem Dokumentarfilm Verschwinden/Izginjanje, das erste Treatment existierte schon vor dem Dreh für diesen Film. Aber aus diversen Gründen war der Dokumentarfilm dann
dringlicher und MILA/MARIJA musste warten.
Gab es für Ihre Protagonistin Mila eine oder vielleicht mehrere reale Inspirationsquellen?
ANDRINA MRAČNIKAR: Es gibt für alles, was im Film vorkommt, eine oder mehrere Inspirationsquellen. Milas Vater ist sehr stark an meinen Uropa
angelehnt. Die anderen Figuren setzen sich aus mehreren historischen Vorbildern zusammen, so auch die Figur der Mila. Man
muss bedenken, dass viele der Partisaninnen nicht überlebt haben und die Stimmung nach 1945 so war, dass man nicht über die
Erfahrungen sprechen konnte. Widerstand während des Krieges wurde auf einmal diffamiert, die Partisanen als Banditen bezeichnet,
die Angriffe auf die slowenische Bevölkerung gingen nach 1945 weiter. Es herrschte in Österreich nie ein Klima der Offenheit,
in dem man erzählen konnte. Zum Glück gab es vor allem in der slowenisch-, später auch in der deutschsprachigen Bevölkerung,
Menschen, die engagiert waren und die Zeitzeug:innen-Berichte aufgenommen haben; diese Aufzeichnungen und auch das Buch von
Helena Kuchar Jelka. Aus dem Leben einer Kärntner Partisanin, haben mir weibliche Vorbilder geliefert, aus denen ich Mila gestaltet habe.
Wie hoch war der Frauenanteil bei den Partisanen und wie wurden sie rekrutiert?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich habe keine genauen Zahlen im Kopf und es ist auch gar nicht so leicht, das zu definieren. Denn als richtige Partisan:innen
galten lange nur die Kämpfer:innen im Wald, bis dann in der Forschung auch klar wurde, dass ein Partisan:innen-Widerstand
nur mit einem sehr breiten unterstützenden Netz in der Bevölkerung funktionieren konnte, das sehr stark von Frauen getragen
wurde. Männer gingen eher in den Wald, nicht zuletzt auch, um sich der Einberufung zur Wehrmacht zu entziehen, viele waren
schon an der Front gewesen, sind verletzt worden, sind auf Heimaturlaub zurückgekommen und dann desertiert, wie zum Beispiel
mein Großonkel Andri. Frauen haben eher die Verbindungsnetze aufgebaut und aufrechterhalten, Medikamente und Essen besorgt
und haben die Heimkehrer rekrutiert. Die Motive für Frauen, in den Wald zu gehen, bestanden eher darin, dass ein Verrat geschehen
war oder es eine sehr gefährliche Situation gab, die sie zur Flucht in den Wald zwang.
In welchen Quellen haben Sie recherchiert? Welche historischen Fakten wollten Sie herausarbeiten? Welche Agenda verfolgten
die Nazis ab wann in Kärnten?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich befasse mich seit langem intensiv mit der Thematik und mache die Erfahrung, dass ich viele Dinge immer aufs Neue erklären
muss, weil es so wenig Grundwissen gibt. Die Agenda der Nazis bestand darin, Kärnten vom Slowenischen zu „befreien“, obwohl
in Südkärnten noch um 1920 über 90% der Bevölkerung slowenischsprachig war. Von einem Tag auf den anderen hieß es: „Der Kärtner
spricht Deutsch“. Der Plan war, die gesamte slowenischsprachige Bevölkerung um- bzw. auszusiedeln und auszulöschen. Zunächst
wurde Slowenisch komplett verboten, als Umgangssprache, in den Kirchen und in den Schulen, obwohl die meisten Menschen kein
Deutsch konnten. 1942 gab es eine große Deportationswelle, wo Menschen nach Zufallsprinzip ausgewählt und in Arbeitslager
nach Deutschland deportiert wurden. Die Höfe standen dann entweder leer oder es wurden deutschsprachige Familien aus dem Kanaltal
oder aus Südtirol angesiedelt. Ich konnte für MILA/MARIJA auf meine langjährigen Recherchen zurückgreifen, auch auf meine
Familiengeschichte und Berichte von Zeitzeug:innen. Diesmal war mein Fokus ganz spezifisch auf der kärntner-slowenischen Volksgruppe.
Die meisten Menschen, die sich dort dem Widerstand angeschlossen haben, stammten aus bäuerlichen und nicht aus intellektuellen,
politisch gebildeten Verhältnissen; für diese Bevölkerungsgruppe war es vor allem ein Kampf ums Überleben, der in Österreich
kaum Beachtung erhalten hat. In der slowenischsprachigen wissenschaftlichen Literatur sind die Arbeiten von Marjan Linasi
sehr wichtig, die leider nur zum Teil ins Deutsche übersetzt wurden. Diese Forschung hat meine Recherche auf spannende Weise
ergänzt, weil es einen genauen und gesamtheitlichen Überblick der Entwicklungen des Widerstandskampfes der Kärntner Partisan:innen
zeigt. Ich habe mich bei bestimmten Fragen auch mit Marjan Linasi beraten.
In einer Szene sagt Milas Vater: „Die werden ja nicht alle Slowenen vertreiben.“ Haben die Menschen am Anfang die Entschlossenheit
der Nazis unterschätzt?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich glaube, man konnte sich das Ausmaß wirklich nicht vorstellen. Es waren ja 90% der Bevölkerung slowenischsprachig. Wie
sollte es möglich sein, alle zu vertreiben. Mir scheint das ein Marker faschistischer Diktaturen zu sein, dass die Menschen
anfangs gar nicht glauben können, was da im Gange ist. Wir erleben es auch heute, dass Dinge geschehen, die man für undenkbar
gehalten hat. Manchmal passieren in Diktaturen Dinge schleichend, oft auch überraschend schnell. Die Aussiedlung und Deportation
der gesamten Bevölkerung war definitiv etwas Unvorstellbares.
MILA/MARIJA ist auch die Geschichte einer Frau, die in einer militärischen Hierarchie Verantwortung trägt, sich durchsetzen
muss und dabei sowohl auf Wohlwollen, aber auch auf Frauenfeindlichkeit stößt. Welche Aspekte haben Sie in der Gestaltung
Ihrer Hauptfigur beschäftigt?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich wollte den Film aus einer weiblichen Perspektive, aus der Perspektive einer Frau im bewaffneten Widerstand erzählen. Es
hätte unzählige Aspekte gegeben, die mir erzählenswert schienen und es war nicht einfach herauszudestillieren, was der Kern
meiner Erzählung sein sollte. Was mich sehr beschäftigt hat, waren die Entscheidungen, die man in Zeiten des Krieges trifft
und welche Folgen sie haben. In meiner Familie hat sich mein damals 20-jähriger Großonkel entschieden zu desertieren und sich
den Partisanen anzuschließen; er hat damit die Familie in große Gefahr gebracht, und sie wurde letztlich auch in Arbeits-
und Konzentrationslager deportiert. Man trifft eine „richtige“ Entscheidung, die aber fatale Konsequenzen haben kann. Und
wie funktioniert das System, in dem man kämpft? Wenn der Kampf erfolgreich sein soll und man überleben will, muss es Regeln
geben, das macht natürlich Sinn, aber wenn man den Einzelfall betrachtet, wird es komplizierter und widersprüchlicher. Natürlich
war es verboten, auf der Wache einzuschlafen, damit hat man die ganze Einheit gefährdet, andererseits waren alle vollkommen
übermüdet, hungrig, erschöpft, und natürlich sind Menschen dann eingeschlafen. Wer dreimal schlafend auf der Wache erwischt
wurde, sollte erschossen werden. So lautete die Regel. Mich haben die Widersprüchlichkeiten interessiert. Die Partisaninnen
kämpften unter einer Ideologie, wo Frauen den Männern prinzipiell gleichgestellt waren, es aber de facto nicht waren. Natürlich
gab es Frauenfeindlichkeit und Ungleichheiten im täglichen Leben. Mila wird politische Kommissarin, die Chancen aufzusteigen
hat es gegeben, aber sie waren nicht der Regelfall. Ich zeichne Mila als jemanden, die sehr wissbegierig ist, ein starkes
Unrechtsbewusstsein und eine starke Verbindung mit dem Vater hat; sie ist jemand, die sehr schnell auf Unrecht reagiert, auch
wenn sie ahnt, dass es für sie negative Folgen haben wird. Noch schwieriger wird es dann, als diese Folgen auch ihre Familie
und andere betreffen. Nach dem Krieg ist ihr die Verantwortung, die sie für ihre Familie und dann auch für ihr Kind hat, sehr
wichtig.
Der Film verweist darauf, wie wenig Veränderung die Befreiung von den Nazis für die slowenische Bevölkerungsgruppe gebracht
hat und wie es, im Gegenteil, zu einer Umkehrung von Recht und Unrecht gekommen ist.
ANDRINA MRAČNIKAR: Diese sehr frühe Entdeckung war für mich immer das Traurigste und auch Unfassbarste. Die Briten haben die Partisanen zunächst
mit Verbindungsoffizieren und auch mit Verpflegung und Waffen unterstützt. Nach 1945 flammte dann sehr schnell die Angst vor
dem Kommunismus auf, also erste Anzeichen des Kalten Krieges. Plötzlich war die Angst vor den Partisanen größer als die vor
den ehemaligen Nazis. Ich erinnere mich an Interviews mit Zeitzeug:innen, wenn sie von der Freude und der Hoffnung nach Hause
zurückkehren zu können erzählen und dann erlebten, dass sie erneut – dann von den britischen Besatzern, die gerade noch Verbündete
waren – verhaftet wurden, dass slowenische Veranstaltungen torpediert wurden. Dass es weiterhin gefährlich sein konnte, slowenisch
zu sprechen. Das war für viele ein großer Schock und so etwas zermürbt Menschen auf Dauer.
Ich erinnere daran, dass es im Sommer 2025, kurz vor unserem Drehbeginn, in Kärnten zu einer Polizeiaktion auf ein antifaschistisches
Jugendcamp am Peršmanhof gekommen ist, wo sich das einzige Museum des Kärntner antifaschistischen Widerstands befindet. Das
Camp wurde willkürlich mit Polizeihubschraubern, Polizeihunden angegriffen. Nach einer gerichtlichen Untersuchung steht zwar
fest, dass diese Razzia willkürlich von der lokalen Polizei durchgeführt wurde, zur Verantwortung gezogen wurde aber niemand.
Dies zeigt, wie aktuell der Konflikt ist. Mit solchen Aktionen soll Angst verbreitet werden, man will die Menschen einschüchtern.
Während unserer Dreharbeiten wurden zweisprachige Ortstafeln in den Orten, wo wir gedreht haben, beschmiert. Ich konnte selbst
zuerst kaum glauben, dass das heute noch geschieht. Man kann mit der Liste auch 2026 fortfahren. Es ist beunruhigend, dass
sich das Slowenische immer noch als Projektionsfläche und Feindbild eignet. Bei der letzten Überarbeitung der Landesverfassung
war man nahe daran, Deutsch und Slowenisch als Landessprachen anzuerkennen, letztendlich wurde der Entwurf auf Drängen der
ÖVP wieder umformuliert und Deutsch als einzige Landessprache festgeschrieben.
Haben Sie erstmals ein Drehbuch auf Slowenisch verfasst?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich habe das Drehbuch zunächst auf Deutsch verfasst, die Drehbuchentwicklung habe ich mit Amour Fou und Barbara Albert als
Dramaturgin gemacht. Für die letzte Überarbeitung kam dann Jürgen Karasek als weiterer Dramaturg hinzu. Dann erst kam die
Übersetzung, die bei diesem Buch sehr speziell ist, weil niemand in dem Film in slowenischer Hochsprache spricht, sondern
alle in verschiedenen Dialekten und Abstufungen. Mila spricht mit ihrer Familie einen sehr starken Dialekt, mit anderen Partisan:innen
passt sie ihn an. Dies genau auszuarbeiten, war ein langer Prozess.
Welche Sprachsituation ergab dieser Zugang für Casting und Dreh?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ein wesentlicher Punkt war für mich die sprachliche Authentizität in allen Nuancen. Ein Slowenisch, das vor mehr als 50 Jahren
in Ljubljana gesprochen wurde, war ganz anders als die Dialekte, in denen man in Kärnten sprach. Die Frage war, wird es Darsteller:innen
geben, die diese Sprachfärbungen lernen können, so, dass man ihnen das glaubt? Dialektproben waren daher Teil des Casting-Prozesses.
Doroteja Nadrah, die Hauptdarstellerin aus Slowenien, sprach kein Deutsch und für sie war der kärntner-slowenische Dialekt,
den sie lernen musste, wie ein Fremdsprache, mit ganz anderen Lauten; sie hatte ein Jahr Zeit, um sich mit unserer Dialekt-Coachin
Marta Polanšek in diesen ganz spezifischen Dialekt einzuarbeiten und sie hat das mit sehr viel Engagement gemacht. Am Ende
sprach sie ihn auch über ihre Rolle hinaus. Ich konnte sie dann oft nach einzelnen Wörtern fragen, weil ich selbst mit diesem
Dialekt nicht so vertraut bin. Oskar Haag, der Milas Bruder spielt, hat sich nicht sehr schwergetan, vielleicht auch weil
das Kärntnerische und das Kärntner-Slowenische von der Melodie her nicht so unterschiedlich sind, er musste auch keine neuen
Laute lernen, wie Doroteja, für die unser „R“ anfangs eine große Herausforderung war. Leon Lučev wollte ich unbedingt im Film
haben, er ist Kroate, seiner Figur haben wir einen Akzent aus der Bela Krajina – einer Region in Slowenien an der kroatischen
Grenze – verliehen, was durchaus der realen Sprachenvielfalt unter den Partisanen entsprach. Auch er musste diesen Dialekt
mit einer Coachin üben. Am Set hat sich unser Team hauptsächlich aus Leuten aus Slowenien, Österreich und der Slowakei zusammengesetzt,
einige haben auch einen Background aus Ländern Ex-Jugoslawiens, wodurch auch BKS (Bosnisch-Kroatisch-Serbisch) sehr präsent
war. Es herrschte also ein Gemisch aus Sprachen und Dialekten, wobei natürlich auch Englisch sehr präsent war.
In MILA/MARIJA wird gesungen: in der Familie, unter Partisanen, in der Kirche, beim Feiern nach der Befreiung. Das Singen
ist ein wesentliches narratives Element. Welche Rolle spielt der vielstimmige und doch gemeinsame Klang in Ihrer Erzählung?
ANDRINA MRAČNIKAR: Das Singen ist in der kärntner-slowenischen Kultur ein ganz wesentliches Element, die Lieder gelten als besonders schön und
berührend und werden auch von der nicht-slowenischsprachigen Bevölkerung aufgegriffen. Es kursieren auch Witze darüber, dass
man den Slowenen zwar die Sprache verbietet, aber immerhin das Singen erlaubt. Ich selbst hatte grundsätzlich keine besondere
Affinität zum Singen, jedenfalls nicht zum öffentlichen Singen. Aber die Partisanen-Lieder waren ein wesentlicher Teil des
Widerstandskampfes, sie haben Mut gemacht oder Trost gespendet, waren verbindend und sie begleiten auch mich seit meiner Kindheit.
Es gab auch slowenische Lieder, die in den Lagern gesungen wurden, auch im KZ Dachau, sowie Lipa zelenela je, in dem Lied geht es vordergründig „nur“ um einen Lindenbaum, der verblüht ist und dem der Winter alle Blätter genommen hat,
der aber im kommenden Frühling wieder blühen wird und die singenden Vögel in seine Baumkrone laden wird. Aber es ist ein hochpolitisches
Lied, die Linde galt immer als Baum, der das Slawische, Slowenische repräsentiert, im Gegensatz zur deutschen Eiche. Es ist
ein melancholisches, trauriges Lied, das aber zugleich Mut gemacht hat. Dass diese Lieder und das Singen aber zu einem starken,
bewussten Element des Films werden, war noch nicht Bestandteil des Drehbuchs, eigentlich habe ich mich erst kurz vor Drehbeginn
dafür entschieden, mir wurde immer klarer, dass diese Lieder vorkommen mussten. Manche Lieder kannte ich schon, aber ich habe
dann auch viel nach geeigneten Liedern recherchiert, manchmal passten Texte auf beinahe unheimliche Weise gut zum Drehbuch
– als wären die Szene für dieses Lied geschrieben worden.
Um die Erzählung (in den Jahreszeiten) zu strukturieren, zeigen Sie Totalen auf die Landschaft. Für mich entstand der Eindruck
von der Landschaft als einheitlichem Ganzen, das irgendwo von unsichtbaren Grenzen durchzogen wird, die das Schicksal der
Menschen in der Erzählung prägen? War die Grenze als Konstrukt ein bestimmender Gedanke bei diesen Wide-Shots?
ANDRINA MRAČNIKAR: Gar nicht so vordergründig. Ich finde es interessant, wenn die Bilder diese Assoziation erzeugen. Ich wollte die Landschaft
in ihrer Weite und Schönheit zeigen und mit der Frage verknüpfen „Was ist in dieser Schönheit geschehen?“ Aber auch den Zuschauer:innen
Momente geben, um innezuhalten, weil die Erzählung sehr emotional ist und in einem hohen Tempo erzählt wird. Die Landschaftsbilder
entsprechen der Landschaft, in der diese Ereignisse stattgefunden haben. Wir haben in erster Linie im zweisprachigen Südkärnten
rund um Globasnica / Globasnitz und Železna Kapla / Bad Eisenkappel gedreht, wenige Drehtage waren in Slowenien und der Winterblock
in Niederösterreich. Und diese Wide-Shots sollen auch dazu dienen, um aus der Geschichte herauszutreten. Sie sollen den Zuseher:innen
Raum für eigene Gedanke und Interpretationen geben und gliedern gleichzeitig die Zeit in Kapitel, ohne sie als Kapitel zu
benennen. Denn ich denke, der Umgang mit Zeit ist an dem Film sehr speziell, es gibt große Ellipsen, also große Auslassungen
und Sprünge und ich freue mich, dass uns das in der Umsetzung so gut gelungen ist.
Haben Sie erstmals mit Georg Weiss als DoP zusammengearbeitet?
ANDRINA MRAČNIKAR: Es war das erste Mal, dass er für die Bildgestaltung eines meiner Filme verantwortlich zeichnet, wir haben aber schon bei
Ma Folie zusammengearbeitet, damals war er Beleuchter. Unsere Art zu drehen hat einerseits große Flexibilität, aber auch gute
Planung und Minimalismus vorausgesetzt. Wir hatten teilweise sehr schwer zugängliche Drehorte, die man nur über schlecht befahrbare
Bergstraßen erreichen konnte und zu denen das Equipment auch noch bergauf getragen werden musste. Einer der vielleicht schlimmsten
Drehorte war eine Höhle in steilem Gelände, ein Ort, der dann auch von der Bergwacht gesichert werden musste. Das letzte Stück
zur Höhle konnte man mit Seilen erreichen, in der Höhle war es eng und nass. Wir mussten und wollten also mit einem minimalistischen,
natürlichen Lichtkonzept auskommen und ich finde, dass Georg und sein Team da großartige Arbeit geleistet haben. Das Gros
unserer Drehs waren Außen-Drehs, gottseidank hatten wir großes Glück mit dem Wetter. Es gab einen Herbstblock, in dem wir
Frühling, Sommer und Herbst erzählen und dann noch einen Winterblock.
Einprägsam ist auch das Kostümbild, das in einzelnen Elementen schlicht und kunstvoll zugleich ist. Mit welchen Prämissen
ist gemeinsam mit Sandra Zigová das Kostümbild entstanden?
ANDRINA MRAČNIKAR: Wir haben bei Milas Familie bei Kostüm, aber auch beim Szenenbild sehr genau daran gearbeitet, das richtige Maß zu finden
und daran den Verlauf der Zeit zu zeigen, denn einerseits leben sie vor dem Krieg zwar sehr einfach, aber sie sind nicht arm.
Die Armut, die oft in historischen Filmen erzählt wird, wollte ich nicht reproduzieren und sie entspricht auch nicht meiner
Geschichte: Milas Eltern sind relativ wohlhabende Bauern, die Besitz haben, der ihnen dann weggenommen wird. Die Kostüme erzählen
im Verlauf und über die Patina, wie sich die Dinge verändern. Die Strickstola der Mutter wurde extra angefertigt, weil wir
eine brauchten, die anfangs noch intakt und schön ist und von der wir im Laufe der Zeit die Abnützung zeigen konnten, am Ende
des Films trägt sie das Stück auch noch nach ihrem Lageraufenthalt. So ein Stück behält man, wenn man sonst nichts mehr hat.
Auch von einigen Uniformen musste es mehrere Anfertigungen geben, einerseits wegen der Patina, um den Zeitverlauf zu zeigen,
andererseits, weil bestimmte Uniformen im Laufe des Films auch durchschossen werden oder weil sie nass werden mussten. Und
diese dicken Stoffe trocknen extrem langsam.
Mila zieht ihren Sohn alleine auf. Auch davon erzählt MILA/MARIJA – wie tief der Krieg die Menschen verändert. Ein anderer
Grund war der, dass sein Vater nach dem Krieg auch seine Heimat Jugoslawien aufsuchen wollte. War, historisch betrachtet,
die Grenzen zwischen Österreich und Jugoslawien in den Nachkriegsjahren nur schwer passierbar?
ANDRINA MRAČNIKAR: Ich wollte auf keinen Fall eine Geschichte erzählen, die in einer heilen Welt nach dem Krieg endet. Der Krieg und seine Umstände
bringen Menschen, die einander nahe waren, möglicherweise dauerhaft auseinander und sie finden nicht mehr zueinander. Wieviel
der Krieg zwischen Menschen auf Dauer zerstört, ist uns oft lange nicht bewusst. Man sieht an dieser Familie, wie die Nähe,
die zwischen Eltern und Kindern anfangs besteht (besonders zwischen Mila und ihrem Vater), verloren ist und dann doch noch
eine zarte Annäherung erfährt. Meine Urgroßeltern hat diese Erfahrung stark auseinandergebracht, weil sie nicht darüber reden
konnten. Politisch betrachtet gab es Zeiten, wo die Grenze zwischen Österreich und Jugoslawien sehr stark kontrolliert wurde
und man sich für eine Seite entscheiden musste. Auf beiden Seiten stand die Frage im Raum, wer politisch zuverlässig sei und
es entstand ein System des Misstrauens.
War MILA/MARIJA ein wichtiger Schritt in Ihrer Filmografie, die schon lange von einem wichtigen Thema bestimmt ist – nämlich
einen Film in slowenischer Sprache zu erzählen, zu drehen und zu produzieren und damit auch etwas in Österreich Erstmaliges
zu schaffen?
ANDRINA MRAČNIKAR: Mein Dokumentarfilm Verschwinden /Izginjanje war eine majoritär österreichische Koproduktion mit Slowenien. Das Besondere am neuen Spielfilm ist, dass er majoritär österreichisch
ist, wegen des Themas und der Sprache aber auch in Slowenien wie ein slowenischer Film finanziert werden konnte, was diese
außergewöhnliche Koproduktion zwischen Österreich, Slowenien und Griechenland ermöglicht hat. Die Geschichte spielt in Kärnten,
aber zu 90% in slowenischer Sprache. Es ist gewiss ein Novum. Ich habe mir immer gewünscht, einen Film in dieser Konstellation
zu machen und habe dabei gleichzeitig auch die Schwierigkeiten mit der Sprache, dem authentischen Dialekt, gesehen, es war
ein herausforderndes Projekt, aufgrund vieler Prämissen: die sehr schwer zugänglichen Drehorte, extrem viele Außen-Szenen
ohne Wetter-Cover, die Unberechenbarkeit der Natur, sehr viele Darsteller:innen, der sehr lange Zeitraum, den der Film erzählt,
von 1938 bis 1953, und das in einem Hauptdrehblock und einem sehr kurzen Winterdrehblock. Dann die Gefechte und Massenszenen
– das zu inszenieren und zu drehen war neu für mich. Und dadurch, dass wir den Film in sehr langen Einstellungen erzählen,
in denen wir immer Mila folgen, ihn also nicht klassisch aufgelöst haben, mussten die Szenen genau choreografiert werden und
das Timing musste präzise sein. Was speziell bei Szenen mit vielen Komparsen, Stunts und Explosionen herausfordernd ist. Ich
bin sehr froh, dass das alles so gut gegangen ist, auch dass die Zusammenarbeit in diesem großen, gemischtsprachigen Team
so gut aufgegangen ist. Ich würde jederzeit wieder mit diesem Team arbeiten. Da ich in Österreich sozialisiert wurde, war
es mir immer ein Anliegen, in diesem Land ein Bewusstsein für das Thema und das Unrecht, das damit in Verbindung steht, zu
schaffen. Es ist eine Sisyphus-Arbeit, Film nach Film. Man erreicht Menschen, aber es ist ein langsamer Weg. Durch Verschwinden /Izginjanje wurde mir auch erst bewusst, wie wenig in Slowenien über die Volksgruppe bekannt war, und es ist toll, dass der Film in Slowenien
ein so großer Erfolg war und so viele Menschen erreicht hat. Wenn ein Film Wissen weitergeben kann, dann, so habe ich gemerkt,
stößt man auch auf Empathie und Interesse. Ich bin mir sicher, dass auch MILA/MARIJA in Slowenien ebenso seine Notwendigkeit
hat, dort aber unter ganz anderen Aspekten wahrgenommen wird, weil dort nach 1945 ganz andere Debatten geführt wurden. Dort
teilt sich die Gesellschaft, so scheint es mir, sehr stark in zwei Lager – einerseits in links und pro-Partisanen, und andererseits
rechts konservativ (mit Janez Janša aktuell an der Regierung), wo versucht wird, ein Bild der Partisanen als Verbrecher zu
zeichnen. Denn auch in Slowenien gab es während des Zweiten Weltkriegs Kollaboration mit den Nazis. Und nach dem Krieg wurden
echte und auch vermeintliche Kollaborateure verschleppt und ohne Prozess getötet. Das war lange ein Tabu in Slowenien.
Das Thema ist komplex, ich habe versucht, dem gerecht zu werden, und wir zeigen kein idealisierendes oder verklärtes Bild
des Partisanenkampfes. MILA/MARIJA ist der erste österreichische Partisanenfilm, der sich mit dem Widerstand im eigenen Land
befasst, es ist aber auch ein Drama, das zeigt, dass der Krieg nicht einfach vorbei ist, wenn er offiziell vorbei ist.





