INTERVIEW

«Es ist ein beinharter Job.»

Unwägbarkeit ist nicht nur am Tag einer demokratischen Wahlentscheidung das Prinzip im Wettlauf um die Macht. Als Harald Friedl die ersten Drehtage absolvierte, war sein Protagonist Andreas Babler weder an der Spitze der SPÖ noch Vizekanzler der Republik. Der erste Fokus galt einem politischen Basisarbeiter und Bürgermeister, doch im Juni 2023 wurde dieser überraschend Parteichef und stand unverzüglich vor einer Nationalratswahl. WAHLKAMPF begleitet einen einsamen Spitzenkandidaten und sein Team im unerbittlichen Sog des Wahlkalenders, der vor allem vom gnadenlosen medialen Gefecht zwischen Inhalt und Wirkung bestimmt ist. 
 
 
Die letzten Nationalratswahlen in Österreich fanden im September 2024 statt. Wie lange vor diesen Wahlen hatten Sie Ihren ersten Drehtag für WAHLKAMPF?
 
HARALD FRIEDL:
Das war fast eineinhalb Jahre davor. Im März 2023 hat Andreas Babler seine Kandidatur für den SPÖ-Parteivorsitz bekannt gegeben. Ich hielt das für sehr kühn und ihn für einen sehr unkonventionellen Kandidaten. Er hat in keiner Weise dem Image eines Machtpolitikers entsprochen. Er ist ein Politiker mit Street-credibility, ein Bürgermeister, ein Basisarbeiter, der an den Machtstrukturen der eigenen Partei vorbeiagiert hat. Die Führung einer Partei wird in der Regel über die Parteigremien vorbereitet und nicht an diesen vorbei betrieben. Außerdem hat er Ansagen gemacht, mit denen er die Mächtigsten im Land gegen sich aufbringen würde: Erbschafts- und Vermögenssteuer oder die Neuordnung der Medienförderung. Aus exakt diesen Gründen habe ich damals angenommen, dass er keine reale Chance auf den Parteivorsitz hat. Darüber habe ich offen mit ihm gesprochen und vorgeschlagen, ein Portrait über ihn zu machen und ihn auch zu begleiten, wenn er wieder ganz Bürgermeister von Traiskirchen ist. 
Bei der Stichwahl um den Parteivorsitz im Juni 2023 ist Babler mit 47 Prozent zunächst als Verlierer hervorgegangen. Das war aus seiner Sicht ein mehr als respektables Ergebnis. Dass dieses Ergebnis aber auf einer falschen Interpretation einer Excel-Datei beruht hat und Babler aus der Stichwahl als Sieger hervorgegangen war, damit hatte niemand gerechnet. Mein Plan A, eine Doku über den Traiskirchner Bürgermeister zu machen, war weg. Von da an ging es um einen Politiker, der Bundeskanzler werden will. 
Das erste halbe Jahr haben wir ohne Budget an diesem Film gearbeitet, das zweite halbe Jahr mit einer kleinen Projektentwicklungsförderung. Die Finanzierung wurde erst ein Jahr nach Drehbeginn zugesagt. 
 
 
War es diese schwierige Konstellation, innerparteilich wie innenpolitisch mit einer rechtsradikalen FPÖ, die immer mehr an Terrain gewann, die einen Anreiz für den Film darstellte oder war da auch der Wunsch, über das Genre des Wahlkampf-Films hinter die Kulissen eines Wettlaufs um die Macht zu schauen?
 
HARALD FRIEDL:
Bevor Andreas Babler Parteivorsitzender geworden ist, habe ich sein Team kennengelernt. Lauter junge, sehr motivierte Leute, die mich beeindruckt haben. Meinem Gefühl nach waren das lauter integre Persönlichkeiten, die mit Babler arbeiten, weil sie an die Inhalte glauben und nicht weil sie Karriere machen wollen. Es war reizvoll zu beobachten, was innerhalb dieses Teams abläuft, das versucht, Inhalte zu formulieren und zu kommunizieren, was im Laufe des Films immer wieder misslingt, weil es in der Öffentlichkeit um ganz andere Dinge geht. Die meisten Medien waren und sind sehr voreingenommen Andreas Babler gegenüber. Das war von Beginn an die Crux. 
 
 
Wenn ein Wahlkampf dokumentiert wird, braucht es zunächst die Bereitschaft der Protagonist:innen, sich in die Karten schauen zu lassen. Wie sah es mit dieser Bereitschaft aus?
 
HARALD FRIEDL:
Andreas Babler und sein Team haben unter der Annahme ihre Mitwirkung am Film zugesagt, dass sie das Rennen um den Parteivorsitz nicht gewinnen würden. Und ich glaubte, dass der Film dann in Richtung Bürgermeister-Portrait abbiegen würde. Nach einigen Drehtagen war klar, dass es keine Kurve, sondern einen geradlinigen Weg Richtung Machtzentrum geben würde. Die Vereinbarung, die wir zu Beginn getroffen hatten, musste trotzdem nicht neu verhandelt werden. Wir, Produktion und Regie, haben das Verfügungsrecht über das Material, ohne Einspruchsrecht seitens der SPÖ gegenüber dem gedrehten Material und gegenüber der Montage. Wir haben den Film den Mitwirkenden vor der Veröffentlichung gezeigt. Niemand hat versucht, irgendetwas zu beanstanden oder zu beeinflussen, obwohl manche  Passagen wenig schmeichelhaft sind. Insgesamt ist der Film keine Heldenstory, niemand wird glorifiziert. Alle werden gezeigt, wie sie ihre Gedanken entwickeln, mit ihren Gefühlen, die den Arbeitsalltag begleiten. Es ist alles ungefiltert gefilmt, ohne je eine Szene zu wiederholen. Wir waren auch in Situationen backstage dabei, wenn sich eigentlich alle vor dem großen Auftritt noch sammeln und erholen wollten. Auch in solchen Situationen konnten wir drehen. Niemandem gelingt es, eine Stunde lang ein Kamera-Gesicht aufzusetzen. Trotzdem haben alle souverän akzeptiert, dass wir dabei sind und filmen. 
 
 
Einen Wahlkampf zu führen, bedeutet monatelang volle Terminkalender. Wie haben Sie in dieser buchstäblich dauerbewegten Zeit als Filmteam einen Platz in den oft engen Räumen, in den nicht vorhersehbaren Situationen gefunden?
Wie haben Sie mit Kameramann Maximilian Smoliner zusammengearbeitet?
 
HARALD FRIEDL:
Je näher der Wahltag gerückt ist, umso kürzer getaktet war unser Dreh-Rhythmus. Wir sind oft unvorbereitet in Situationen hineingekommen, wussten nicht, was uns erwartet. Oft haben wir mehrere Menschen auf sehr engem Raum gefilmt. Ich musste entscheiden, auf wen wir die Kamera richten, Max Smoliner musste eine Position finden, in der er einigermaßen flexibel agieren konnte. Meistens hatte er gar keine andere Möglichkeit, als aus der Hand heraus zu filmen – entweder, weil es kein Platz für ein Stativ gab oder der Flexibilität zuliebe. Meine Aufgabe bestand in erster Linie darin, die den Gesprächen zu folgen und zu erspüren, wer drauf und dran ist, das Wort zu ergreifen, damit Max rechtzeitig die Kamera auf die Person richten kann. Wer wem als nächstes den Ball zuspielt, ist den Menschen oft körpersprachlich anzusehen oder wenn jemand schon ganz erpicht darauf ist, das Wort zu ergreifen. Die schwierigsten Arbeitsbedingungen aber gab es für den Ton. Es gab selten Zeit, jemanden mit einem Ansteck-Mikrofon zu versehen. Es musste alles geangelt werden und wir haben Funkmikrophone in den Räumen verteilt. Manchmal habe ich Max etwas zugeflüstert, manchmal habe ich mit Gestik und Lippenbewegungen kommuniziert.
 
 
Wie kamen die Drehtermine konkret zustande?
 
HARALD FRIEDL:
Wir haben darum gebeten, informiert zu werden, was ansteht. Das haben wir versucht zu nutzen. Zum Beispiel Besprechungen zur Organisierung des Transformationsfonds, eine Sitzung des Expert:innenrats … Dann mussten wir von den Beteiligten die Genehmigungen einholen, es gab immer wieder Konstellationen, dass einzelne Personen nicht gefilmt werden wollten, die waren dann außerhalb des Blickwinkels der Kamera platziert. Der Informationsfluss bezüglich Termine funktionierte mal besser, mal schlechter. Oft veränderte sich im Laufe eines Termins der Fokus. Ich erinnere mich an einen Morgentermin, bei dem die Artikel in der Presse analysiert werden sollten. Eigentlich wollten wir nur einige Büroszenen filmen und dann ist da unvorhersehbar die Affäre um den Linzer Bürgermeister Luger in Zusammenhang mit der Leitung des Brucknerhauses ausgebrochen. An diesem Tag war der Stress gigantisch und wir standen allen im Weg. Wir mussten für eine Stunde den Raum verlassen, um die Lage nicht noch zu verkomplizieren. Aber nach dieser Stunde konnten wir weiterdrehen und eine ganz wesentliche Szene filmen. 
 
 
Sie eröffnen den Film mit einer Autofahrt des Protagonisten zu seiner Angelobung als Vizekanzler und da ist plötzlich ein Riss an der Hosennaht. 
Steht diese Sequenz nicht sinnbildlich für den Kern eines Wahlkampfs:
Unendliche Autokilometer, die zurückgelegt werden, und das Troubleshooting für die unwahrscheinlichsten Ereignisse, die eintreten können.
 
HARALD FRIEDL:
Wir konnten im Laufe der Zeit mitverfolgen, wie sehr es den Medien in Hinblick auf Andreas Babler um Äußerlichkeiten gegangen ist. Dass genau am Weg zur Angelobung so ein Problem, das die Äußerlichkeit betrifft, auftritt, ist fast symptomatisch. Rund um seine TV-Auftritte wurde diskutiert, ob sein Schlips richtig sitzt. Es gab ihm gegenüber sehr viele Vorurteile, die über das Maß berechtigte Kritik an politischen Inhalten weit hinausgingen. Um diese Inhalte ging es eigentlich viel zu wenig in der Wahlauseinandersetzung. Im August 2024, als wir schon nah am Wahltag waren, hatte ich den Eindruck, dass Andreas Bablers so ziemlich den schlimmsten Job dieser Republik hatte: Er wurde von den Medien gebasht, innerhalb der eigenen Partei wurden ihm Prügel vor die Füße geworfen, es wurden Giftpfeile geschossen, es gab ständig Druck und unangenehme Berichterstattung.  
 
 
WAHLKAMPF beobachtet und begleitet einerseits den Spitzenkandidaten Andreas Babler, der Fokus des Films richtet sich sehr stark auch auf sein engstes Team, das ein sehr junges Team ist. Man erlebt ein Wechselspiel aus der Einsamkeit des Spitzenkandidaten und der Abhängigkeit und gleichzeitig auch Inspiration durch seinen engsten Mitarbeiter:innen-Kreis. Welche Erkenntnis haben Sie aus diesen Beobachtungen im HQ gewonnen?
 
HARALD FRIEDL:
Ich fand sein Team toll! Ohne diese Leute wäre der Film nicht, was er ist. Es gab besondere Frauen in diesem Team, das sich nach den ersten Monaten auch noch personell erweitert hat. Mit ihnen sind viele Innensicht-Szenen entstanden, die für den Film sehr wertvoll sind. Für mich war es eine inspirierende Erfahrung unter so engagierten, jungen Leuten zu sein und zu sehen, wie sie für Politik brennen. Ihnen geht es um Themen, um Inhalte und sie führen alle einen ehrlichen Kampf gegen Ultra-Rechts. Die dramaturgische Kurve, dass sich der Film so stark auf den Kampf gegen Rechts fokussiert, hatte ich in dieser Konsequenz selbst nicht erwartet. Politik wird allgemein immer wieder wie etwas Anrüchiges dargestellt. In diesem Team erleben wir einen Kreis von Leuten, die integer und überzeugend sind, die wertebasiert und nicht aus Egomanie handeln. Und ich habe die ganze Zeit über erwartet, schließlich doch noch ein Spin-Doctor auftauchen würde. Aber den gab es aber nicht. Was der Film zeigt, ist alles ganz „homegrown“ und authentisch.
 
 
War es Ihnen wichtig, die verschiedenen Ebenen herauszuarbeiten, auf denen eine Partei ihren Wahlkampf führt. Die Bundesländer – die Gemeinden – die Basis. 
 
HARALD FRIEDL:
Wir haben einige Basis-Aktivitäten gefilmt. So richtig spannend fand ich den Mitmachkongress im Juli 2024. Da gab es eine große Beteiligung der Basis, kompetente Vortragende und Workshopleiter:innen.  Von den großen Wahlkampf-Auftritten haben wir sechs oder sieben gefilmt. Sie mussten als Motiv im Film natürlich vorkommen, weil sie auch zeigen, wie sich Andreas Bablers Energie verändert – vom hoffnungsfrohen Kandidaten am Anfang zu einem Redner, dem aus lauter Erschöpfung die Stimme wegbricht. 
 
 
Was der Film herausarbeitet, ist die heutige Zerrissenheit der Politik zwischen langfristigen inhaltlichen Strategien und den kurzfristigen medialen Strategien. Die Wirksamkeit der letzteren ist eindeutig die entscheidende. Was bedeutet das Ihrer Meinung nach für die aktuelle Situation, wo es gesetzliche Rahmenbedingungen für Transformation bräuchte. Haben langfristige gesellschaftspolitische Strategien keinen Platz mehr in der aktuellen Herrschaft der schnellen Medien?
 
HARALD FRIEDL:
Wie oben schon einmal erwähnt, ist in diesem Wahlkampf im Zusammenhang mit Andreas Babler immer um Äußerlichkeiten gegangen. Er hat den Erwartungen, wie ein künftiger Kanzler auszusehen, aufzutreten und zu klingen hat, nicht entsprochen und hatte daher von Beginn an einen schweren Stand. Deutungshoheit über die Verhältnisse ist ihm nicht zugestanden worden. Mir fällt das englische Wort to belittle ein, das zum Ausdruck bringt, wie mit ihm umgegangen wurde. Oder wie ein Unterstützer Bablers mal gesagt hat: „Wenn er auf dem Wasser gehen könnte, würden manchen berichten, Babler kann nicht schwimmen“. Innerhalb der Partei wurde er als „Betriebsunfall“ betrachtet, denn bisher hat ein eingeschworener Kreis von Mächtigen in der Partei entschieden, wer für die Parteispitze in Betracht gezogen wird. Diesen „Amtsweg“ hat Andreas Babler nicht beschritten. 
WAHLKAMPF ist schon auch ein Film über die politische Landschaft in Österreich geworden. Langfristige gesellschaftspolitische Strategien sind selten zu erkennen, auch weil Gesellschaftspolitik erfordern würde, eine Vorstellung von einer besseren Zukunft zu haben und solche Vorstellungen auch konsequent zu verfolgen. Man weiß zwar oft, was notwendig wäre, aber man tut es nicht. 
 
 
Schon in der Stichwahl um den Parteivorsitz war Andreas Babler zunächst der Verlierer, danach der Sieger. Der Wahlkampf endet mit einer Enttäuschung für die SPÖ und am Ende doch mit einer Regierungsbeteiligung. 
Der Film zeigt, welche Gratwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg Politik ist. Und wie hart sehr harte Arbeit enttäuscht und nicht honoriert wird. 
 
HARALD FRIEDL:
Ich finde, es spricht für die mentale Stärke des Teams, uns das Filmen zu erlauben, als sie live von der Wahlniederlage erfahren. Es ist ganz still im Raum. Babler versucht noch die Ergebnisse zu analysieren, seine Frau versucht ihn zu trösten. Ein berührender Moment. 
 
 
Interessant sind die Einstellungen in der Parteizentrale, wo im Hintergrund Konterfeis ehemaliger Parteivorsitzender zu sehen sind, jene aus der Hochblüte der Sozialdemokratie (Bruno Kreisky und Fred Sinowatz) und auch jene der beiden direkten Vorgänger:innen von Andreas Babler. Welche Assoziationen haben Sie zu diesen Bildern im Hintergrund? Welches Erbe bestimmt die aktuelle Sozialdemokratie? 
 
HARALD FRIEDL:
Meine erste Assoziation dazu ist die, festzustellen, wieviel an Respektabilität der Beruf des Politikers verloren hat. Teilweise vielleicht aus eigenem Verschulden, aber nicht nur. Heute kann jeder jeden medial in den Dreck ziehen, ohne jemals selbst in die Verantwortung gehen zu müssen. Es äußern sich heute Menschen verächtlich über Politik, die selbst nie irgendeinen Test bestehen müssen. Ich halte den Beruf des Politikers/der Politikerin für einen so verantwortungsvollen und respektablen Beruf, dass die Menschen vom Bürgermeister- bis zum Kanzleramt Respekt verdienen, dafür, dass sie überhaupt Verantwortung übernehmen und zu gestalten versuchen. Es ist ein beinharter Job. Bei der verbreiteten Kritik an Politikergehältern denke ich an einen Artikel in Die Zeit vor vielleicht zehn Jahren, wo die CEOs der größten Dax-notierten Unternehmen in Deutschland befragt wurden, ob sie ihre Vorstands-Vergütung für angemessen hielten. Die Spanne reichte von 1,5 bis 15 Mio Jahresgehalt ohne Boni. Von 30 Befragten ging eine Person auf die Frage ein und bat, nicht namentlich aufzuscheinen, dass er mit seinem Jahressalär zufrieden ist, weil ihm das als mangelnder Ehrgeiz ausgelegt werden könnte. Diese Verknüpfung von Geld und Ehrgeiz ist grauenhaft und billig zugleich. Ich meine nur, man sollte sich angesichts der Verantwortung, die Politiker:innen zu tragen haben, über die Angemessenheit ihrer Vergütung Gedanken machen. Sie sind gut bezahlt, aber gewiss nicht überbezahlt. Ich denke, mein Film zeigt auf, wie hart Politik ist und was man, wenn man so exponiert ist, aushalten muss. 
 
 
Was in diesem Film über die Härte eines Wahlkampfs hinaus, deutlich wird, ist die Ohnmacht der SPÖ, in einer Gesellschaft, in der die Auswirkungen des Kapitalismus so stark spürbar geworden sind, mit Themen, die soziale Gerechtigkeit betreffen, die breite Masse nicht mehr zu erreichen. 
 
HARALD FRIEDL:
Ich glaube, dass die SPÖ in vielen Dingen an den Problemlösungen vorbeigegangen ist bzw. von vornherein akzeptiert hat, dass sich gewisse Dinge nicht lösen lassen, und dies schon seit Jahrzehnten. Ich denke z.B. daran, dass das Problem, das durch die Vielzahl an Kindern mit Sprachproblemen vor allem an den Wiener Schulen entstanden ist, zu lange negiert worden ist. Das Thema wird im Film beim Mitmach-Kongress auch angesprochen. Wenn es um die Frage der Vermögens-Ungleichheiten geht, da fragt man sich, was mit der Kernkompetenz der Sozialdemokratie geworden ist, wenn die Vermögens- und Erbschaftssteuer nicht und nicht durchzubringen ist. Man kann berechtigterweise einwenden, dass die anderen Parteien nicht mitmachen. Und man muss konkret die Frage stellen, welche Interessen die FPÖ vertritt. Hat sie je Politik für „den kleinen Mann“ gemacht? Meiner Meinung nach nicht. Die technologisch geprägte Entwicklung der aktuellen Gesellschaft, schafft immer mehr an Unsicherheit. In einem Rahmen von Unsicherheit, ist es einfach, schlechte Laune zu schüren. Davon profitiert die FPÖ. Und auf Vieles gibt es weder Antworten noch Lösungen. Damit muss man leben. Und in der Folge auch damit leben, dass nur kleine Schritte und Kompromisse machbar sind, jedoch nicht der ganz große Wurf. Vielleicht hat die Politik auch den Fehler gemacht, sich als überkompetent zu gebärden, als ließe sich alles durch Politik lösen … um schließlich einsehen zu müssen, dass nicht alles lösbar ist.


Interview: Karin Schiefer 
April 2026






«Es war reizvoll zu beobachten, was innerhalb dieses Teams abläuft, das versucht, Inhalte zu formulieren und zu kommunizieren, was im Laufe des Films immer wieder misslingt, weil es in der Öffentlichkeit um ganz andere Dinge geht.»