INTERVIEW

«Wir haben den Tod aus unserem Leben verbannt.»

Die Auseinandersetzung mit Krankheit, Heilung und Gesundheitssystemen beschäftigt den Filmemacher und Wissenschaftsjournalisten Kurt Langbein seit Jahrzehnten. 2012 teilte er in der TV-Doku Wunder Heilung seinen eigenen erfolgreichen Umgang mit einer Krebsdiagnose; in der sehr persönlichen Kino-Dokumentarfilm STERBEN FÜR ANFÄNGER erzählt er von der Rückkehr seiner Krankheit und der eigenen Konfrontation mit der Endlichkeit, vor allem appelliert er angesichts heutiger High-Tech Medizin auch an eine Sicht aufs Leben, die den Tod als Teil des Menschseins wieder akzeptiert.  
 
 
Wie geht es Ihnen zurzeit?
 
KURT LANGBEIN:
Ganz passabel und immer noch besser als meinen Befunden. So soll es auch bleiben. 
 
In Ihrem TV-Film Wunder Heilung aus dem Jahr 2012 thematisieren und dokumentieren Sie Ihre Krebsdiagnose aus dem Jahr 2009 und auch Ihre Heilung. Mit Bildern aus diesem Film eröffnen Sie nun Ihren aktuellen Kinodokumentarfilm STERBEN FÜR ANFÄNGER. Die Krankheit ist vor einigen Jahren wieder zurückgekommen. Welche Fragestellungen haben Sie bewegt, mit diesem neuen Film zu vorangegangen Arbeiten wie Wunder Heilung oder auch Trotzdem gesund (2015) eine größere Klammer zu spannen und diese sehr persönliche Erfahrung filmisch zu begleiten?
 
KURT LANGBEIN:
Unmittelbar nach meiner ersten massiven Diagnose habe ich nicht nur begonnen, mich intensiv damit auseinanderzusetzen, ich habe auch etwas gemacht, was ich zuvor nie getan hatte: nämlich Tagebuch geführt. Menschen, die meine Aufzeichnungen gelesen haben, haben mich dazu ermutigt, mehr daraus zu machen. Das hat in mir einen Schalter umgelegt. Bis dahin hatte ich in meinen eigenen Publikationen und Filmen das allzu Persönliche ganz bewusst vermieden. In diesem Lernprozess ist mir bewusst geworden, dass es durchaus auch meine Aufgabe als Publizist und Filmemacher ist, so wesentliche Auseinandersetzungen, deren Prozesse für viele Menschen ähnlich verlaufen, an die Öffentlichkeit zu bringen und zum Thema zu machen. Damals war ich noch von der Hoffnung beseelt, meine Lebensumstände so weit zu verändern, dass mein Immunsystem in die Lage kommt, mit diesem Krebs fertig zu werden – denn Krebs ist eine Krankheit, die selbst bei erfolgreicher Therapie meist in Spuren zurückbleibt. Fünf Jahre nach der ersten Diagnose galt ich als geheilt. Das habe ich nicht nur mit Freude zur Kenntnis genommen, sondern wollte es auch erzählen. Durch meine Filme und Bücher, die ich rund um die Themen Heilung und Krankheit geschrieben hatte, war ich eine Art öffentliche Person; das habe ich als Impuls betrachtet, mein Leben zu ändern. Ich habe auch viel in meinem Leben verändert. 
Allein deswegen auch nachhaltig gesund zu werden, das hat sich leider als Illusion erwiesen. Es gibt bessere oder schlechtere Voraussetzungen. Man kann seinen kleinen Beitrag leisten, das Ticket für eine dauerhafte Heilung kann man aber nirgends lösen. Nach der ersten Heilung hat die Krankheit schrittweise wieder den Weg in mich gefunden. Sie ist ein Teil von mir und ist es geblieben. Über zehn Jahre konnten die Ärzte die Metastasen klein halten, besonders mit Medizin-Technik. Unabhängig von meiner eigenen Sterblichkeit habe ich mich damals schon mit dem Gedanken an ein Filmprojekt zum Thema Sterben und Tod auseinandergesetzt. Zunächst ging mein Filmvorschlag an Kolleg:innen. Ende 2023 hat die Thematik einen starken persönlichen Impuls erhalten, als mir von den Ärzt:innen mitgeteilt wurde, dass die Krankheit zwar noch gebremst, aber nicht mehr nachhaltig zurückgedrängt werden könne. Das war wie ein Donnerschlag. Von da an habe ich mich nicht mehr nur als gesellschaftspolitisch interessierter Filmemacher und Wissenschaftsjournalist mit dem Thema Sterblichkeit beschäftigt, sondern auch als Kurt Langbein selbst. Das Ergebnis liegt nun in Form dieses Films vor.  
 
 
Bleiben wir kurz noch bei der konkreten Umsetzung des Films, vor allem im Schnitt: Elemente aus früheren Filmen von Ihnen unterstreichen mit welcher Kontinuität und in welcher Vielfalt im Zugang Sie sich mit dem Thema Krankheit beschäftigt haben. Mit welchen Akzenten und Prämissen haben Sie bestehendes Material neu kontextualisiert und neues Material zusammengeführt?
 
KURT LANGBEIN:
Die Teile aus 2010 und 2014 sind Rückblicke auf die Konfrontation mit der Diagnose Krebs und auf meine Suche nach den Bedingungen, die gegen Krebs etwas bewirken. Ich bin damals als Filmemacher um die Welt gereist um ganzheitliche Therapiemethoden kennen zu lernen. Im Film sind das jetzt Rückblicke auf meine Suche nach der Formel für das Leben.
Der Hauptteil des Filmes zeigt dann meine Annäherung an den Tod als Teil des Lebens. Es ist wichtig, den Tod wieder ins Leben zu holen. Das hat auch meinen Blick geändert. Ich hoffe, die Kinobesucher können diesen Wandel nacherleben. 
 
 
Als Wissenschaftsjournalist haben Sie mit Ihren Filmen und Büchern ein sehr breites Publikum erreicht. Sie haben diesem Film den Titel Sterben für Anfänger gegeben, was ihm einen im positiven Sinne populärwissenschaftlichen, breiten Zugang verleiht, und zusätzlich auch einen Lernprozess impliziert. Ist Sterben etwas, das man lernen kann? Sollte? Sind wir in diesem Zusammenhang alle Anfänger, weil wir das Thema lieber verdrängen?
 
KURT LANGBEIN:
Wir haben in den letzten Jahrzehnten mehr als es in unserer Gesellschaft ohnehin immanent ist, verlernt, mit dem Sterben zu leben, weil wir das Sterben und den Tod aus unserem Leben verbannt haben. Die Menschen, die von uns gehen, verschwinden sofort aus unseren Augen und werden in Kühlhäuser verbannt; beim Begräbnis, das oft erst zwei, drei Wochen später stattfindet, nehmen wir dann nochmals Abschied. Und dann brauchen wir Trauerseminare, weil wir den natürlichen Umgang mit unserer Vergänglichkeit verlernt haben. Meine Schwiegermutter haben wir noch zu Hause gepflegt und konnten sie noch aufbahren, auch wenn das im Dorf damals bereits auf Widerstände gestoßen ist. Das gibt es heute nicht mehr. Wir sind gut beraten, wenn wir uns im Bezug aufs Thema Sterben unseres Anfängertums bewusst sind. Man kann in der Auseinandersetzung Vieles lernen, Vieles von anderen beziehen und vor allem, wenn man sich den eigenen Ängsten stellt, lässt sich eine große Nähe zum Thema finden, die auch ent-ängstigend ist. Es war ein durchaus schmerzhafter, aber sehr wichtiger und wertvoller Prozess. Dass durch diesen Film möglichst viele Menschen den Impuls aufnehmen, ist meine Hoffnung, denn früher oder später ist jeder von uns mit dem Thema konfrontiert. 
 
 
Sie gehen zu Beginn des Films sehr grundlegenden Fragen nach wie u.a. jener der Definition von Krankheit bzw. Gesundheit, die sich in der westlichen Medizin über die Erfüllung von Messwerten innerhalb eines Normbereichs festlegt. Halten Sie diese Sichtweise nach all ihren Erfahrungen und Recherchen für zu eng gegriffen?
 
KURT LANGBEIN:
Ohne Zweifel. Ich habe in Filmen wie in Büchern darauf hingewiesen, dass alle hohen menschlichen Zivilisationen ein ganzheitliches Bild von Gesundheit und Krankheit entwickelt hatten. Es gibt – neben der bekannten Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) – ja auch eine Traditionelle Europäische Medizin, die diese Inhalte hochhält. Im Zuge des technischen Fortschritts wurde aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. In der Begeisterung, das Mechanische endlich zu verstehen, setzte sich die Überzeugung durch, dass das mechanistische Denken das einzige für das Leben bedeutsame Denken ist. Das ist ein Irrtum. Es gibt inzwischen vernünftige Mediziner:innen, die das anders sehen. Schade nur, dass wir im Wieder-Erringen eines ganzheitlichen Verständnisses einen so mühevollen Weg zurücklegen müssen.  
 
 
Sie thematisieren auch medizinethische Fragen, u.a. die Problematik der Intensivmedizin, die laut einer Intensivmedizinerin eine schmerzhafte, oft unangenehme Medizin ist, die zum Einsatz kommt, weil die Lebensverlängerung von der Gesellschaft gewollt ist, auch wenn sie nicht unbedingt im Sinne der Betroffenen ist. 
 
KURT LANGBEIN:
Dieser Aspekt hat mich unabhängig von meiner eigenen Problematik viele Jahre lang beschäftigt, weil mir sehr nahestehende Menschen nach längerer Zeit auf der Intensivstation gestorben sind. Es ist eine Ausgeburt des mechanistischen Denkens, wo die hochausgebildeten „Mechaniker“ – und man sieht im Film, wie einfühlsam die Teams auf den Intensivstationen mit den Patient:innen umgehen – mit ihrem Latein am Ende sind. Sie können den Anforderungen der Gesellschaft, die viel zu viele Menschen in die Intensivpflege schickt, um sie noch einmal und noch einmal wiederzubeleben, nicht gerecht werden. Sie sehen ohnmächtig diesem Treiben zu. In Deutschland und Österreich stirbt jeder zehnte Mensch an den Beatmungsschläuchen der Intensivstationen. Niemand will das, dennoch passiert es. 
 
 
Sie bringen noch eine zweite ethische Frage ins Spiel, nämlich die der Definition von Leben und Tod. Wann ist bzw. gilt der menschliche Körper (als) tot? Was wird von der heutigen Medizin als der tatsächliche Tod betrachtet.  Welche Grenzbewegungen haben Sie da ausgelotet?
 
KURT LANGBEIN:
Ich halte es für unser Verständnis vom Leben für sehr wesentlich, dass es aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten realisierbar ist, den Tod umzudefinieren, damit Organe für Transplantationen entnommen werden können. Dieser Punkt beschäftigt mich als Medizinjournalist seit dreißig Jahren. Es ist für viele Menschen erfreulich, wenn sie von anderen, die nicht mehr leben können, Organe erhalten, um damit weiterzuleben. Das ist ein Fortschritt, aber ein zwiespältiger Fortschritt, weil er letztlich auf Kosten der Ethik geht. 
 
 
Parallel zur wissenschaftlichen Recherche-Ebene hat der Film eine persönliche, möglicherweise auch fiktionale Ebene. Der Film enthält Szenen einer Beerdigung, die eines Freundes, die sich aber auch als Projektionen Ihres Alter Egos lesen lassen. Sind dies für Sie Szenen, die in Ihrer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Sterben auch der emotionalen Komponente der Trauer ihren Raum geben?
 
KURT LANGBEIN:
Franz steht für einen guten Freund von mir, der tatsächlich unter diesen Bedingungen gestorben ist. Die Ausgestaltung seiner Figur geht über eine reine Nacherzählung hinaus. Die Sequenzen im Film enthalten auch fiktionale Elemente, da ich Szenen schon geschrieben hatte, bevor Franz gestorben ist. Erst durch seinen Tod haben sie an Plastizität und Authentizität gewonnen. Und ja, es sind auch ein Stück weit Projektionen auf mich, da der Weg, den er gehen musste, eng mit dem Weg verwandt ist, den auch ich gehen muss. Was ich mit ihm rund um seinen Tod erlebt habe, hat mich persönlich sehr bewegt. Bei mir ist die Angst vor dem Sterben und auch vor dem Tod weitgehend gewichen. Was bleibt, ist die Trauer über den unvermeidlichen Verlust meiner Liebsten. In den Begräbnisszenen habe ich versucht auch meinen Schmerz nachvollziehbar und nacherlebbar zu machen.
 
 
In einer dieser Szenen wird in der Kapelle gebetet und es ist klar sichtbar, dass Sie nicht mitbeten und nicht im christlichen Sinne gläubig sind. Was bedeutete es für die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, wenn Religion keine Hilfestellung leistet?
 
KURT LANGBEIN:
Am Ende des Films sage ich: „Ich glaube nicht an Gott, aber manchmal vermisse ich ihn“. Religiöse Menschen haben ein geschlossenes System von Spiritualität, was es leichter macht, sich aufgehoben zu fühlen. Mein Prozess, der im Film zu sehen ist, ist notwendigerweise komplexer, endet aber dennoch mit dem Entdecken eines übergeordneten Prinzips des universellen, nicht-lokalen Bewusstseins, für dessen Existenz es viele Hinweise und Beweise gibt, sei es in der Quantenphysik, sei es durch Erzählungen von Nahtoderlebnissen. Das gibt mir eine innere Zuversicht und einen anderen Blick aufs Leben. Ich konnte, ohne auf eine Religion zurückgreifen zu können, einen Weg zur Spiritualität finden, der mir viel bedeutet und der mir eine Haltung zu und einen Blick auf Leben und Tod ermöglicht.  
 
 
In einer dritten Ebene nähern Sie sich im Film Menschen, die Ihnen auf einer mentalen Ebene Hilfe und Wissen vermitteln: eine Sterbeamme, ein Protagonist, der assistierten Selbstmord in Erwägung zieht, und Menschen mit Nahtoderfahrungen. Geht es in diesem letzten Teil in erster Linie um die philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema?
 
KURT LANGBEIN:
Der Weg, den ich im Film beschreibe, folgt auch meinem persönlichen Weg. Er führt zur Erkenntnis, dass es universelle Systeme, ein universelles Bewusstsein gibt, von dem abgeleitet, ich nur für eine Zeitlang in meiner persönlichen Form des Bewusstseins lebe. Das ist in gewissem Sinne auch tröstlich und bestärkend und erfüllt die Voraussetzungen, die auch alle Religionen in sich haben. 
Nahtoderlebnisse sind in allen Kulturen nachweislich vorhanden. Es ist etwas, das weit über uns und das, was wir als Identität begreifen, hinausgeht. Ich habe mich schon vor etwa 25 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Da hatte es noch den Nimbus der Spinnerei und wurde auch so behandelt. Mittlerweile sind diese Phänomene wissenschaftlich erwiesen. Wie sie herbeigeführt werden, dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Manche davon sind neurowissenschaftlich. Die Menschen, die sich ein Leben lang damit beschäftigen, meinen, dass diese Phänomene religionsbegründend waren. Es gab immer wieder Menschen, die kurzzeitig klinisch tot waren. Deren Bilder und Erfahrungen, die sie in dieser kurzen Zeit gemacht haben – seien es Formen der Wiedergeburt im ostasiatischen Raum, sei es bei uns das Ziehen in den Himmel und ins ewige Leben – haben wesentliche Impulse für die Ausformung von Religionen gegeben. 
 
 
War es auf der wissenschaftlichen, im Besonderen der medizinischen Ebene Ihren Gesprächspartner:innen wichtig, ein größeres Forum zu finden, um Tagesrealitäten zu vermitteln, von denen eine breitere Öffentlichkeit relativ wenig weiß?
 
KURT LANGBEIN:
Die Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen, die sich bereit erklärt haben, im Film mitzuwirken, denen war es wie mir ein großes Anliegen, diese Prozesse rund ums Sterben und die Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit transparenter zu machen und die Prozesse sichtbar zu machen, die uns daran hindern, Humanität walten zu lassen, obwohl wir es uns eigentlich wünschen; Mechanismen bewusst zu machen, die uns in immer mehr Technik hineintreiben, besonders dort, wo Menschlichkeit am gefragtesten wäre. 
Es ist sehr schwierig, hier die richtige Gratwanderung zu leisten. Ich erlebe es auch bei meinen Ärzten, die darum ringen zu entscheiden, welche Therapie noch angezeigt ist oder welche mir so viel Schönheit am Leben nehmen würde, dass sie nicht mehr angezeigt ist. Manche vergessen im Wunsch, alles zu tun, was möglich ist, zu beachten, was notwendig ist: nämlich die Menschlichkeit als Grundprinzip an die oberste Stelle zu rücken. Palliativmedizin bedeutet ja, ein Mäntelchen um einen Menschen zu legen. Eigentlich sollte die gesamte Medizin wie Palliativmedizin sein, das ist sie leider noch gar nicht. 
 
 
Worin sehen Sie Prioritäten in unserer aktuellen medizinischen Versorgung?
 
KURT LANGBEIN:
Wir sollten den Umgang mit dem Sterben wieder lernen. Wir sollten Offenheit lernen, Räume für Trauer schaffen, Nähe zum Tod zulassen und ihn nicht wegsperren. Denn damit wird auch Trauer verunmöglicht und Trauer ist ein elementarer Prozess, der sich nicht punktuell ereignet, sondern der über längere Zeit verlaufen muss. Nur so kann er funktionieren. Es hat sich in der Medizin schon sehr viel Gutes getan, aber sie muss noch besser verstehen, dass die Lebensqualität wichtiger ist als gewonnene Monate oder Wochen. Dieser Gedanke muss Verbreitung finden und vor allem muss der Mut gefasst werden, die Dinge so zu betrachten. Denn gewonnene Wochen sind oft die verlängerte Lebenszeit nicht wert … weiß man meist im Nachhinein. 
 
 
Sie widmen einen ausführlichen Teil den Nahtoderfahrungen, begegnen drei Menschen, die sie gemacht haben und einem Wissenschaftler. Welcher Erkenntnis sind Sie in diesen Begegnungen nahegekommen?
 
KURT LANGBEIN:
Ich habe diese Begegnungen als wunderbares Glück empfunden. Diese Erzählungen haben mein Denken und Fühlen sehr positiv beeinflusst. Diese Menschen und ihre Erlebnisse sind dazu geeignet, einem die panische Angst vor Sterben und Tod zu nehmen und einen freundlichen und hoffnungsvollen Blick in diese Richtung werfen zu lassen. Sie vermitteln ein erweiterndes Wissen, weiter als das, was uns bisher Physiologie und Neurophysiologie vermittelt haben; ein Wissen, das letztlich in der Quantenphysik einen Niederschlag findet und ermöglicht, dass unser gesamtes Verständnis von Leben und Materie fundamental neu gedacht werden kann und dass es gut ist, wenn das passiert. Pim van Lommel, der niederländische Mediziner, den ich im Film interviewe, konnte seine Forschungsergebnisse in der angesehensten wissenschaftlichen Zeitschrift publizieren. In der Kollegenschaft hat er heute noch mit einem Anerkennungsproblem zu leben, auch wenn er weltweit zu einer der Schlüsselfiguren für die vernünftige und erweiterte Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Nahtoderlebnisses gilt. Es zeigt nicht nur, dass ein universelles Bewusstsein die Materie formt, sondern dass es auch unser Leben wesentlich mitformt. 
 
 
Menschen, die Nahtoderlebnisse hatten, erzählen, dass sie außerhalb ihres Körpers waren und von außen auf sich geschaut haben. Als Filmemacher haben Sie auch die Möglichkeit, die eigene Sicht mit einem Blick von außen auf sich zu vereinen. In STERBEN FÜR ANFÄNGER verbinden Sie einen Kamerablick mit Ihrem inneren Erleben. War das Arbeiten an diesem Film ein hilfreicher Prozess?
 
KURT LANGBEIN:
Es war für mich ein wichtiger, manchmal auch schmerzhafter und mit eigenen Widerständen verbundener Prozess. Es haben mich erfreulicherweise Kolleg:innen und Freund:innen immer wieder geschubst und mich ermutigt, gerade an diesen Punkten weiterzugehen. Es gibt mindestens fünf Fassungen des Filmkonzepts, die immer persönlicher und tiefer gehend geworden sind. Ich hoffe sehr, dass man beim Sehen dieses Films spürt, wie wichtig dieser Prozess für mich gewesen ist. 
 

Interview: Karin Schiefer
April 2026



«Wir sollten Offenheit lernen, Räume für Trauer schaffen, Nähe zum Tod zulassen und ihn nicht wegsperren. Trauer ist ein elementarer Prozess, der sich nicht punktuell ereignet, sondern der über längere Zeit verlaufen muss.»