Was Rose früh versteht: Wer ein selbstbestimmtes Leben führen, Zugang zu Bildung und Besitz haben will, der tut gut daran,
ein Mann zu sein oder zumindest eine Hose zu tragen. Im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges wählt sie als junge Frau den
Weg der Verstellung und das mit Erfolg. Was ihr zu spät bewusst wird, ist der Preis, den das Dorf für diesen „Verrat“ an der
Gemeinschaft von ihr einfordern wird. Minutiös wie ein historischer Roman, brisant wie ein scharfer Blick aufs Jetzt, erzählt
Markus Schleinzers ROSE von der fundamentalen Ungleichheit, vom Mut zur Freiheit und vom immer aktuellen gesellschaftlichen Wall gegen das Anders-Sein.
Vor ROSE, den Sie in einer Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg situieren, haben Sie auch in Angelo die Erzählung in einem früheren Jahrhundert angesiedelt. Hilft der historische Kontext, mit mehr Schärfe auf die ungelösten
Probleme der Gegenwart zu schauen?
MARKUS SCHLEINZER: Ich glaube, dass ein historischer Kontext wie ein Brennglas funktioniert. Man kann das Publikum unbeeindruckter, unbeschwerter,
ungefilterter, aber auch unvorbereiteter in etwas hineinführen. Gegenwart hat immer ein Problem: Man versteht sie nicht, weil
man sie noch nicht überblicken kann. Auch habe ich das Gefühl, dass es in der Gegenwart bezüglich bestimmter Themen eine gewisse
Überforderung und Übermüdung gibt. Die persönliche Freiheit z.B. wird gerade von allen politischen Lagern benutzt, um die
eigene Politik voranzutreiben. Im historischen Stoff von ROSE sind mir viele Dinge begegnet, die aktuell ebenso brisant sind
und auch heute nicht sehr viel besser gelebt oder diskutiert werden können, als zu einer anderen Zeit.
Ich habe vor acht Jahren begonnen, das Buch zu schreiben und habe auch Phasen durchlaufen, wo ich mir dachte – Wie unmodern
ist das, was ich mir da vorgenommen habe? Man wird aber dann doch immer von einer Art von Realität eingeholt. Es gibt im gemeinschaftlichen
Zusammenleben Themen, die uns offensichtlich immer beschäftigen werden. Solange es Menschen gibt.
Im Gegensatz zu Angelo ist Rose eine erfundene Person, auch wenn man den Eindruck gewinnen könnte, es handle sich um einen
historischen Fall. Wo und wie haben Sie den historischen Kontext erkundet, in dem Ihre Protagonistin Rose Konturen angenommen
hat?
MARKUS SCHLEINZER: Ich suche nie nach einem Thema. Bis jetzt wurden die Dinge angeschwemmt. ROSE hat mit einem Zufall begonnen. Eine befreundete
Historikerin hat mir zum Geburtstag gratuliert und mich auf eine seltsame Koinzidenz aufmerksam gemacht: Sie war gerade mit
einem historischen Fall beschäftigt, demzufolge in Deutschland die letzte Frau für Sodomie hingerichtet wurde, exakt zum Datum
meines Geburtstags, 250 Jahre zuvor. Eine seltsame Fügung. Ich habe angefangen, über diese Frau zu recherchieren, habe mich
auch für andere Frauen interessiert, Bibliotheken aufgesucht, Leute getroffen. Ich bin auf an die 300 Geschichten von Frauen
gestoßen, die über etwa drei Jahrhunderte hinweg, aus unterschiedlichsten Gründen „den Weg in die Hose“ genommen haben. Es
war berührend. Gründe dafür waren mannigfaltig: Erleichterter Zugang zu Arbeit, Flucht, Gaunereien, die Hoffnung, Vergewaltigungen
oder Zwangsheiraten zu entgehen, die Hoffnung, dadurch selbstbestimmter zu leben und Zugang zu Bildung zu erlangen, lesbisches
Begehren, Transsexualität, Patriotismus, Exotismus. Auch bin ich auf eine Handvoll Eiserner Jungfrauen und Piratinnen gestoßen.
Die Frauen, über die wir heute lesen können, das sind jene, die man enttarnt hat, sei es über Gerichtsprotokolle, ab und an
über ein Tagebuch. Der entscheidende Punkt, diese Geschichte zu erzählen, war, dass diesen vielen individuellen Motiven letztlich
eine Sache zugrunde lag: Das Empfinden von begrenzter Freiheit. Und reduzierter Möglichkeiten.
Warum sind Sie im 17.Jh. verblieben?
MARKUS SCHLEINZER: Im protestantischen Raum bin ich auf mehr Frauen gestoßen, die freier gelebt und Zuflucht in der Hose gefunden haben. Eine
mögliche Begründung dafür ist, dass die Katholiken ihre Mädchen früher verehelicht haben. Das zusätzliche Zeitfenster von
zwei, drei Jahren hat den protestantischen Frauen offensichtlich geholfen, sich mehr Gedanken zu machen über das, was sie
selber wollten. Ich fand es daher von vornherein interessanter, einen Film im protestantischen Raum zu erzählen, das 17. Jh.
schien mir interessant und wertvoll. Meine Recherche hat mich auch nach Holland geführt, wo es aufgrund des Kolonialismus
im 17. Jh. bereits ein erstarktes und reiches Bürgertum gab, das sich Kunst leisten konnte. Die dortige Malerei zeigt also
nicht nur Herrscher oder idyllische Landschaften, auch das Elend von damals erfährt man aus der Malerei. Im Umkehrschluss
hab ich dort verstanden, wie viel die Europäer in weiterer Folge nach Amerika getragen haben und dort etwas begründet haben,
was wir heute auch als das Siedler- oder Western-Genre empfinden. Ich hielt es für ein reizvolles Zusammenspiel, Roses Geschichte
in diesen Kontext zu setzen. ROSE ist ja durchaus auch dem Western-Genre zuzurechnen.
Ihre Drehbucharbeit führt über die Prosa. Wie kann man sich diesen Schreibprozess vorstellen? Wie finden Sie in die Sprache
der Epoche, die Sie erzählen?
MARKUS SCHLEINZER: Ich weiß gar nicht, ob die Sprache im Film der Zeit entspricht. Es war mir und meinem Co-Autor Alexander Brom wichtig, etwas
zu schreiben, das ein in sich geschlossenes Universum behauptet. Ich glaube, das ist der Trick an jeder Art von historischem
Film. Es geht ja nicht darum, einen Museumseffekt anzustreben, das ist ja langweilig. Es war niemand von uns dort. Vieles
ist verloren gegangen, vielleicht sind die Zeugnisse, die Gemälde, die Texte, die heute zur Verfügung stehen, nur eine Art
von Propaganda. Wir wissen es nicht. Viel wichtiger ist es, ein Universum zu schaffen. Ich habe historische Texte gelesen,
um mir in irgendeiner Form ein Vokabularium zusammenzustecken, meinen Kopf freizumachen von Jugendsprache und Anglizismen,
um Rhythmus, Sprachgefühl, Zeitensetzung und Syntax zu verstehen. Das ursprüngliche Konvolut von ROSE ist über 1000 Seiten
lang. Es beginnt mit einem Mädchen im Krieg, dessen Eltern sein Geburtsgeschlecht verbergen, es erlebt Irrungen und Wirrungen
– geht zurück aufs Schlachtfeld, bis sie letztlich in einem Dorf landet, wo sie Großbauer wird, und das Leben lebt, das dieser
Film erzählt. Irgendwann dachte ich, „schön geschrieben“, aber wer wird mir das finanzieren? Der dritte und letzte Teil dieses
Romanfragments ist die eigenständigste Geschichte und deswegen haben wir weinenden Auges beschlossen, dass wir alles, was
davor geschieht, auf den anderen 820 Zetteln stehen lassen.
Warum gibt es eine Erzählerin aus dem Off, die, wenn ich richtig beobachtet habe, die Erzählzeiten immer wieder wechselt?
MARKUS SCHLEINZER: Die Erzählstimme hat sich aus dem Prosa-Schreiben ergeben. Ich hielt es für interessant, von Beginn an, eine nicht-wertende
Außenstimme zu haben, die mich begleitet, mir Räume aufmacht und mich dennoch in meine eigene Analyse entlässt. Die Erzählerin
spricht in einer Mischung aus Gegenwart, Futur, manchmal sogar im Futur 2. Sie hat immer etwas Übergeordnetes. Letztlich steht
sie für das Erzählen an sich, für die Hoheit der Narration, die ja immer das Wichtigste ist. Es ist wie ein Roman, wie etwas,
das es schon seit langer Zeit in deutschen Bücherregalen gibt. Es war der Versuch, ein Stück deutsche Literatur zu verfilmen
in einer Form, wo man das Gefühl, es gäbe sie schon, als wäre es eine Romanverfilmung.
In der Frage nach der Freiheit und nach dem Platz in der Gesellschaft sehe ich eine zweite Konstante zu Angelo. Rose wählt
mit viel Mut ein radikales Anderssein, letztlich wird ihr der Wunsch nach sozialer Anerkennung, der Drang nach Ertrag und
Besitz zum Verhängnis. Liegt im Spannungsverhältnis zwischen den Bedürfnissen des Selbst und den Normen der anderen, der bestimmende
Faktor Ihres filmischen Erzählens?
MARKUS SCHLEINZER: Ich glaube, dass meine drei Filme, Michael, Angelo und ROSE, auf unterschiedlichste Art diesem Thema zustreben. Rose ist keine Revolutionärin. Sie ist nicht von einem sozialen
Gedanken beseelt, sie geht nicht als Beispiel voran, damit es folgende Generationen besser haben. Sie macht diesen Schritt
egoistisch für sich, weil sie als Frau so nicht leben möchte. Sie ist nicht revolutionär, aber ihre Handlungen sind es. Wenn
man etwas für sich selbst in Anspruch nimmt, heißt es noch nicht, dass man bis ans Ende dieser Deklination der gute Mensch
bleiben wird. Rose manipuliert, sie belügt, sie betrügt. Der für mich berührendste Moment im Film ist der Moment, wo sie am
Ende ihrer Tage erkennt, dass sie durch den Wunsch, so zu leben wie sie es wollte, einen anderen Menschen mit in ein Verderben
gezogen hat. Für sich selbst kann man mit einem Todesurteil einen Umgang finden, aber zu erkennen, dass damit auch das Schicksal
eines anderen Menschen besiegelt wurde, ist erschreckend und schrecklich. Ich finde, so müssen wir alle jeden Tag in einer
Gesellschaft leben. Es ist gerade modisch geworden zu sagen, man muss mehr auf Empathie achten. Empathie finde ich richtig,
aber ich glaube, man muss auch mehr auf die Verantwortung achten, die wir mit- und zu- und füreinander haben. Sie beginnt
für mich schon vor der Empathie. Ich muss nicht alle Leute mögen, aber ich muss wissen, es gibt Codes und eine Verantwortung
als Mitmensch. In allem, was ich tue, bin ich der Dialektik verpflichtet. Im dialektischen Zusammenleben muss auch Dissens
erlaubt sein. Streitkultur ist verloren gegangen. Es ist aber Teil der Verantwortung, sich wegen unterschiedlicher Ansichten
nicht zu überwerfen. Wir sind heutzutage so hochgeschaukelt. Auch bei Rose muss man auch hinter die Kulissen schauen, denn
es ist immer noch die Gesellschaft, die sie zu diesem Schritt treibt: Könnte sie als Frau freier leben, hätte sie nicht einen
anderen Menschen ins Verderben mitgezogen.
Beeindruckend ist, wie Rose sich, schon völlig in die Enge getrieben, in einer vehementen Rede verteidigt und zu sich selbst
und ihrer Entscheidung steht.
MARKUS SCHLEINZER: Wenn der Mob ihr vor ihrem Haus auflauert, das ist ja ein Frankenstein-Moment: Man will das Monster sehen. In vielen Frankensteinfilmen
ist der Mob mit Heugabeln und Fackeln das zentrale Motiv, es geht um Voyeurismus, darum, das Andere, das Abartige zu zerstören.
Ich habe bewusst nicht dem Mob den großen Moment gegeben. Mir war's wichtiger, die andere Position einzunehmen und einen Menschen
zu vertreten, der sagt: „Ja, vielleicht hab ich“ – wie Rose im Film sagt–, „keinen Schwanz zwischen den Beinen, aber weil
ich da bin, profitierst du davon und du davon und davon
“, sie zählt die Dinge auf, die nun besser für diese Gemeinschaft
geworden sind. Trotzdem obsiegen Dummheit und Fanatismus. Woher kommt jetzt wieder der verstärkte Hass auf jüdisch zu denkende
Menschen, woher kommt der erneut aufkeimende Hass auf queere Menschen? Weil man mit Politik wieder wohin will und deswegen
fängt man wieder an, Steine oder Schlamm zu werfen. Das finde ich erschreckend und deswegen wollt ich meiner Rose-Figur die
stärkere Stimme geben. Es war mir wichtig, dass ihre Beweggründe im Hier verankert bleiben. Es ist nicht interessant, ob sie
lesbisch ist, das würde den Film kleiner machen. Die rein private Motivation in die Hose zu steigen, überlasse ich absolut
meiner Figur. Interessanter ist doch, was daraus entstehen kann. Jemand, wird davon abgehalten, Gutes zu tun, nur weil er
keine Hose anhat. In dem Moment, wo sie eine Hose anhat, kann sie einen Hof bewirtschaften, ökonomisch wirken und Arbeitsplätze
schaffen; den Menschen Lesen und Schreiben beibringen, um für sich selbst einzustehen und sie wurde ehrenhaft aus dem Krieg
entlassen, hat als Soldat für das Land gekämpft, wurde auch verwundet und entstellt
und doch ist es wie in Stanley Kramers
Narrenschiff, wo Heinz Rühmann einen jüdischen Kaufmann am Vorabend des Dritten Reiches spielt, der einmal sagen darf: Warum
sollten sie uns umbringen? Warum die Juden? Warum nicht die Radfahrer?
Man muss immer hinterfragen, warum Systeme so funktionieren.
Man spürt auch, was es bedeutet, so lange eine so große Lüge mit sich allein zu tragen. Das Gespräch zwischen den Eheleuten
bringt Erleichterung und Verständnis. Poppt hier kurz der Moment einer möglichen Utopie auf?
MARKUS SCHLEINZER: Viele queere Personen berichten, dass die Sozialisierung oder das Erwachsenwerden so schwierig war, weil sie zuerst eine
falsche Identität leben mussten und sich selbst als Lügner:in empfunden haben. Man ist verstellt durch die Gesellschaft und
kann nie in seiner Kraft leben, weil man sie für die Verstellung braucht. In dem Moment, wo man sich offenbaren kann, und
es mitunter zu einer Akzeptanz durch die wichtigsten Menschen oder die Gesellschaft kommt, empfindet man zum ersten Mal eine
Freiheit und kann einer Entwicklung nachkommen. Deswegen fand ich's wichtig, das Ganze in der Utopie auszutragen, die auf
der Flucht der beiden dann noch eine Fortsetzung erlebt. Wir erleben sie als quasi Heilige Familie im Wald, wo sie sich von
den Früchten des Waldes nähren und sich bei strömendem Regen gemeinsam ein Nest bauen. Das spielen Sandra und Caro großartig,
weil sie auf die Widrigkeiten nicht reagieren. Hier spielen beide Utopie. Es ist einerseits fast die Nachstellung eines Gemäldes;
indem sie nicht darauf eingehen, dass es regnet und es kalt ist, spielen sie andererseits schon eine Form von Abstraktion,
bevor der Film wieder in die Realität zurückgeht.
Sandra Hüller war schon beim Schreiben die Darstellerin in Ihrem Kopf, ohne dass sie bereits an Bord war. Was verkörpert sie
als Schauspielerin für Sie, dass sie von Beginn an die richtige Person war?
MARKUS SCHLEINZER: Ganz klar und unumstößlich – dieses enorme Talent, die bezwingende Logik gepaart mit einer extremen Ehrlichkeit und Uneitelkeit
in ihrem Spiel. ROSE ist auch ein politischer Film und ich hab nach einer Person gesucht, die ihn politisch vertreten kann.
Allein beim Susanna-Casting haben die meisten der 700 Kandidatinnen ihre Bewunderung für Sandra Hüller zum Ausdruck gebracht.
Sie ist für nachfolgende Generationen an Schauspielerinnen enorm wichtig. Wir wissen, dass die Filmindustrie immer noch voll
mit allen „-ismen“ ist, und ich meine nicht nur Ageism, sondern auch Sexism. Da strahlt sie heraus. Weil sie sich im Sinne
dieser Dinge nie verbogen oder angebiedert hat. Wenn man uns zwei einsame Österreicher auf Motivsuche im tiefsten Harz gefragt
hat: Wer seid jetzt ihr? Und was wollt ihr hier? und ich dann erzählt habe, dass wir einen Kinofilm mit Sandra Hüller machen,
dann war klar, dass man sie im hintersten Hinterzimmer des letzten Wirtshauses kennt. Und nicht nur aus Fack Ju Göthe. Man ist dort sehr stolz auf sie. Man schaut auch Toni Erdmann und Zone of Interest. Das nenne ich mal gelungene Kulturvermittlung. Ich bin beeindruckt von ihrer Selbstständigkeit, von ihrer Selbstdefiniertheit,
von ihrer Entschiedenheit, in das reinzugehen, was sie spielt, was sie nicht spielt, was sie absagt. Was unsere Zusammenarbeit
eingefädelt hat, war das Drehbuch. Sandra sagt, sie hätte noch nie ein derartiges Drehbuch gelesen. „Das ist kein Drehbuch,
das ist ein Gedicht.“ Das war der Schuhlöffel. Der Einstieg, dass sie bereit war, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen und
auch auf diese körperliche Transformation einzugehen.
ROSE ist ein Film, der mit einer maximalen Zurückhaltung erzählt. So wenig wie möglich zeigt. Keine sichtbare Enttarnung von
Roses Körper, keine Gewalt, keine Rückblenden in Roses früheres Leben.
MARKUS SCHLEINZER: Über die Auswirkungen von Gewalt müssen wir immer diskutieren, die Anwendung von Gewalt ist zu vernachlässigen. Ich habe
so viele Filme gesehen, in denen Frauen vergewaltigt werden. Ich brauche keinen mehr davon. Es allerdings nicht zu erzählen,
das wäre falsch. Aber Bilder haben Verantwortung und es ist unsere hohe Verpflichtung, dieser Verantwortung nachzukommen.
Ich habe mir sehr viele Filme über Crossdresser angeschaut: So Vieles war lächerlich und auf unverständliche Weise wird die
Enttarnung immer wieder über den Körper erzählt. Bis heute geht es hauptsächlich darum, dass es irgendwie pikant ist, dass
der Rollenwechsel ein bisschen schmierig, ein bisschen operettig ist. Das lehne ich ab. Roses Geschichte funktioniert einwandfrei
ohne die Entdeckung über den entblößten Körper. Warum sollte ich also Sandra Hüller dazu bringen, dass sie auch nur einen
Nanomillimenter an primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen präsentiert?
ROSE bewegt sich zwischen Identitäten und Polaritäten. Haben diese Spannungen auch zur Entscheidung in einer reduzierten,
schwarzweißen Farbskala zu arbeiten, beigetragen?
MARKUS SCHLEINZER: Menschen gehen gerne in historische Filme, weil das Farbenspiel so schön anzuschauen ist. Für ROSE fand ich es interessant,
das aufzulösen, weil die Geschichte dadurch stärker für sich arbeiten muss. Schwarzweiß macht großartige Dinge, weil es alles
aufhebt. Wenn Blut nicht mehr rot ist oder Uniformen sich voneinander nicht mehr unterscheiden, dann wird das alles nivelliert
und ein Brennglas wird noch einmal stärker auf die eigentliche Handlung gerichtet. Das fand ich enorm befreiend. Das Arbeiten
mit Schwarzweiß bedeutet filmisch, dass man mit Farben und farblichen Kontrasten ganz anders umgehen muss. Schwarzweiß operiert
sehr stark über Licht, über Hell und Dunkel. Jedes Gesicht wird eine Landschaft und man muss stark mit Strukturen und Oberfläche
arbeiten. Etwas, was ich sehr liebe, weil dadurch alles auch noch mal rauer wird. Die Kostüme bestehen aus tollen, gebrochenen
Stoffen, die in sich Webungen haben, die viel stärker zum Vorschein kommen. Das Drehen in Schwarzweiß hat es erlaubt, mit
Blaufilter zu drehen, der eigentlich verpönt ist, weil er Haut mit starken Poren, Unebenheiten, Sonnenflecken zeigt. Es hat
etwas Archaischeres.
Alles von Hand gemacht. Im Machen unzeitgemäß, haben Sie anlässlich des Screenings gesagt. Man kennt Sie als akribischen Ausstatter.
Was hat das konkret für Ausstattung und Kostüm bedeutet?
MARKUS SCHLEINZER: Dass wir alle sehr viel gelernt haben! Mit Ausstattung und Kostüm habe ich ein Jahr vor Drehbeginn zu arbeiten begonnen.
Sagen muss ich aber, dass ich und mein privates Umfeld, schon in dem Augenblick angefangen haben, Altstoffe zu sammeln, als
im Schreiben klar wurde, wohin die Reise gehen wird. Mein Dachboden war voll mit Kisten bepackt mit alten, abgetragenen Stoffen,
die vor allem eines haben: ein Leben, dass in sie eingeschrieben wurde. Davon lebt dieser Film und auch vom Handwerk, das
ja wiederum von einer Zeit erzählen soll. Die Kostümbildnerin Doris Bartelt hat ein tolles Team an Expert:innen um sich geschart,
aber damit allein wär es nicht gegangen. Es packen dann immer alle mit an. Meine Mutter hat an die tausend Knöpfe mit der
Hand gefertigt. An den beiden Hochzeitsgewändern saßen acht Menschen, die in hunderten Arbeitsstunden gequiltet haben. Mein
Freundeskreis hat geholfen, ein Konvolut aus alten, speckigen Lederhosen aufzutrennen. Meine Schwester und ihr Kreis haben
mit bockiger Schafwolle Winterbekleidung gefertigt. Zwischendurch komm dann ich, nähe auch noch rum. Aber auch nur aus Respekt.
Um den Mitarbeiter:innen zu zeigen, dass ich mich gerne selber auch in den Wahnsinn begebe, in den ich sie hineingetrieben
habe. Denn auch nur so kann ich ihn verstehen. Bei der Ausstattung hat es sich ähnlich verhalten. Alles musste gebaut werden.
Mit historischen Baustoffen. Soweit möglich. Ein Boden, über den man hundert Jahre gelaufen ist, der sieht einfach anders
aus, als etwas, dass man versucht durch Abkratzen und Schaben und Anmalen als historisch zu behaupten.
Wie schließt sich für Sie der Kreis zur Gegenwart? Das Anders-Sein scheint leichter, aber dennoch bedroht zu sein. Wo orten
Sie die Gründe für die gesellschaftliche Ablehnung des Anders-Seins?
MARKUS SCHLEINZER: Gerade was die Gewalt betrifft, die ihrer Figur angetan wird, gab es viel Diskussion mit Sandra Hüller. Und es war ihr zum
Teil auch äußerst unangenehm, sich dem auszusetzen. Was verständlich ist. Auch weil man es einfach nicht mehr will. Weil viele
von uns das Gefühl haben, bestimmte Dinge müssten längst gelöst und anders sein. Aber
zum Zeitpunkt unserer Dreharbeiten
kam Trump wieder an die Macht, alles wurde wieder sehr hässlich. Ich glaube eine Zeit lang wäre es Sandra lieber gewesen,
wir würden einen Film machen, der ein Licht verbreitet, dem man zuströmt. Also sich stärker oder ausschließlich mit der Utopie
der beiden Frauen zu beschäftigen. Aber ich bin nicht diese Art von Filmemacher. Ich finde es wichtig, dass es role models
gibt, weil ich nicht glaube, dass wir alle die mutigsten Leute sind. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir geschärft
werden, indem wir etwas sehen können, was andere uns vorleben. Was ich an solchen Filmen oft kritisiere, ist, dass sie eine
Erlösung behaupten. Ich bin aber kein Verfechter von Erlösung, ich bin ein Verfechter von Arbeit. Ich glaube, es ist ziemlich
schwer, dass wir hier ein friedliches Auskommen finden. Zu denken, dass wir durch Sitzen, Warten, ein bisserl Beten und Hoffen
voneinander erlöst werden, ist kindlich. Wir müssen daran arbeiten.
Interview: Karin Schiefer
Jänner 2026




