INTERVIEW

«Rose ist keine Revolutionärin.»

Was Rose früh versteht: Wer ein selbstbestimmtes Leben führen, Zugang zu Bildung und Besitz haben will, der tut gut daran, ein Mann zu sein oder zumindest eine Hose zu tragen. Im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges wählt sie als junge Frau den Weg der Verstellung und das mit Erfolg. Was ihr zu spät bewusst wird, ist der Preis, den das Dorf für diesen „Verrat“ an der Gemeinschaft von ihr einfordern wird. Minutiös wie ein historischer Roman, brisant wie ein scharfer Blick aufs Jetzt, erzählt Markus Schleinzers ROSE von der fundamentalen Ungleichheit, vom Mut zur Freiheit und vom immer aktuellen gesellschaftlichen Wall gegen das Anders-Sein. 
 
 
Vor ROSE, den Sie in einer Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg situieren, haben Sie auch in Angelo die Erzählung in einem früheren Jahrhundert angesiedelt. Hilft der historische Kontext, mit mehr Schärfe auf die ungelösten Probleme der Gegenwart zu schauen?
 
MARKUS SCHLEINZER:
Ich glaube, dass ein historischer Kontext wie ein Brennglas funktioniert. Man kann das Publikum unbeeindruckter, unbeschwerter, ungefilterter, aber auch unvorbereiteter in etwas hineinführen. Gegenwart hat immer ein Problem: Man versteht sie nicht, weil man sie noch nicht überblicken kann. Auch habe ich das Gefühl, dass es in der Gegenwart bezüglich bestimmter Themen eine gewisse Überforderung und Übermüdung gibt. Die persönliche Freiheit z.B. wird gerade von allen politischen Lagern benutzt, um die eigene Politik voranzutreiben. Im historischen Stoff von ROSE sind mir viele Dinge begegnet, die aktuell ebenso brisant sind und auch heute nicht sehr viel besser gelebt oder diskutiert werden können, als zu einer anderen Zeit. 
Ich habe vor acht Jahren begonnen, das Buch zu schreiben und habe auch Phasen durchlaufen, wo ich mir dachte – Wie unmodern ist das, was ich mir da vorgenommen habe? Man wird aber dann doch immer von einer Art von Realität eingeholt. Es gibt im gemeinschaftlichen Zusammenleben Themen, die uns offensichtlich immer beschäftigen werden. Solange es Menschen gibt. 
 
 
Im Gegensatz zu Angelo ist Rose eine erfundene Person, auch wenn man den Eindruck gewinnen könnte, es handle sich um einen historischen Fall. Wo und wie haben Sie den historischen Kontext erkundet, in dem Ihre Protagonistin Rose Konturen angenommen hat? 
 
MARKUS SCHLEINZER:
Ich suche nie nach einem Thema. Bis jetzt wurden die Dinge angeschwemmt. ROSE hat mit einem Zufall begonnen. Eine befreundete Historikerin hat mir zum Geburtstag gratuliert und mich auf eine seltsame Koinzidenz aufmerksam gemacht: Sie war gerade mit einem historischen Fall beschäftigt, demzufolge in Deutschland die letzte Frau für Sodomie hingerichtet wurde, exakt zum Datum meines Geburtstags, 250 Jahre zuvor. Eine seltsame Fügung. Ich habe angefangen, über diese Frau zu recherchieren, habe mich auch für andere Frauen interessiert, Bibliotheken aufgesucht, Leute getroffen. Ich bin auf an die 300 Geschichten von Frauen gestoßen, die über etwa drei Jahrhunderte hinweg, aus unterschiedlichsten Gründen „den Weg in die Hose“ genommen haben. Es war berührend. Gründe dafür waren mannigfaltig: Erleichterter Zugang zu Arbeit, Flucht, Gaunereien, die Hoffnung, Vergewaltigungen oder Zwangsheiraten zu entgehen, die Hoffnung, dadurch selbstbestimmter zu leben und Zugang zu Bildung zu erlangen, lesbisches Begehren, Transsexualität, Patriotismus, Exotismus. Auch bin ich auf eine Handvoll Eiserner Jungfrauen und Piratinnen gestoßen. Die Frauen, über die wir heute lesen können, das sind jene, die man enttarnt hat, sei es über Gerichtsprotokolle, ab und an über ein Tagebuch. Der entscheidende Punkt, diese Geschichte zu erzählen, war, dass diesen vielen individuellen Motiven letztlich eine Sache zugrunde lag: Das Empfinden von begrenzter Freiheit. Und reduzierter Möglichkeiten.
 
 
Warum sind Sie im 17.Jh. verblieben?
 
MARKUS SCHLEINZER:
Im protestantischen Raum bin ich auf mehr Frauen gestoßen, die freier gelebt und Zuflucht in der Hose gefunden haben. Eine mögliche Begründung dafür ist, dass die Katholiken ihre Mädchen früher verehelicht haben. Das zusätzliche Zeitfenster von zwei, drei Jahren hat den protestantischen Frauen offensichtlich geholfen, sich mehr Gedanken zu machen über das, was sie selber wollten. Ich fand es daher von vornherein interessanter, einen Film im protestantischen Raum zu erzählen, das 17. Jh. schien mir interessant und wertvoll. Meine Recherche hat mich auch nach Holland geführt, wo es aufgrund des Kolonialismus im 17. Jh. bereits ein erstarktes und reiches Bürgertum gab, das sich Kunst leisten konnte. Die dortige Malerei zeigt also nicht nur Herrscher oder idyllische Landschaften, auch das Elend von damals erfährt man aus der Malerei. Im Umkehrschluss hab ich dort verstanden, wie viel die Europäer in weiterer Folge nach Amerika getragen haben und dort etwas begründet haben, was wir heute auch als das Siedler- oder Western-Genre empfinden. Ich hielt es für ein reizvolles Zusammenspiel, Roses Geschichte in diesen Kontext zu setzen. ROSE ist ja durchaus auch dem Western-Genre zuzurechnen.
 
 
Ihre Drehbucharbeit führt über die Prosa. Wie kann man sich diesen Schreibprozess vorstellen? Wie finden Sie in die Sprache der Epoche, die Sie erzählen? 
 
MARKUS SCHLEINZER:
Ich weiß gar nicht, ob die Sprache im Film der Zeit entspricht. Es war mir und meinem Co-Autor Alexander Brom wichtig, etwas zu schreiben, das ein in sich geschlossenes Universum behauptet. Ich glaube, das ist der Trick an jeder Art von historischem Film. Es geht ja nicht darum, einen Museumseffekt anzustreben, das ist ja langweilig. Es war niemand von uns dort. Vieles ist verloren gegangen, vielleicht sind die Zeugnisse, die Gemälde, die Texte, die heute zur Verfügung stehen, nur eine Art von Propaganda. Wir wissen es nicht. Viel wichtiger ist es, ein Universum zu schaffen. Ich habe historische Texte gelesen, um mir in irgendeiner Form ein Vokabularium zusammenzustecken, meinen Kopf freizumachen von Jugendsprache und Anglizismen, um Rhythmus, Sprachgefühl, Zeitensetzung und Syntax zu verstehen. Das ursprüngliche Konvolut von ROSE ist über 1000 Seiten lang. Es beginnt mit einem Mädchen im Krieg, dessen Eltern sein Geburtsgeschlecht verbergen, es erlebt Irrungen und Wirrungen – geht zurück aufs Schlachtfeld, bis sie letztlich in einem Dorf landet, wo sie Großbauer wird, und das Leben lebt, das dieser Film erzählt. Irgendwann dachte ich, „schön geschrieben“, aber wer wird mir das finanzieren? Der dritte und letzte Teil dieses Romanfragments ist die eigenständigste Geschichte und deswegen haben wir weinenden Auges beschlossen, dass wir alles, was davor geschieht, auf den anderen 820 Zetteln stehen lassen. 
 
 
Warum gibt es eine Erzählerin aus dem Off, die, wenn ich richtig beobachtet habe, die Erzählzeiten immer wieder wechselt? 
 
MARKUS SCHLEINZER:
Die Erzählstimme hat sich aus dem Prosa-Schreiben ergeben. Ich hielt es für interessant, von Beginn an, eine nicht-wertende Außenstimme zu haben, die mich begleitet, mir Räume aufmacht und mich dennoch in meine eigene Analyse entlässt. Die Erzählerin spricht in einer Mischung aus Gegenwart, Futur, manchmal sogar im Futur 2. Sie hat immer etwas Übergeordnetes. Letztlich steht sie für das Erzählen an sich, für die Hoheit der Narration, die ja immer das Wichtigste ist. Es ist wie ein Roman, wie etwas, das es schon seit langer Zeit in deutschen Bücherregalen gibt. Es war der Versuch, ein Stück deutsche Literatur zu verfilmen in einer Form, wo man das Gefühl, es gäbe sie schon, als wäre es eine Romanverfilmung. 
 
 
In der Frage nach der Freiheit und nach dem Platz in der Gesellschaft sehe ich eine zweite Konstante zu Angelo. Rose wählt mit viel Mut ein radikales Anderssein, letztlich wird ihr der Wunsch nach sozialer Anerkennung, der Drang nach Ertrag und Besitz zum Verhängnis. Liegt im Spannungsverhältnis zwischen den Bedürfnissen des Selbst und den Normen der anderen, der bestimmende Faktor Ihres filmischen Erzählens? 
 
MARKUS SCHLEINZER:
Ich glaube, dass meine drei Filme, Michael, Angelo und ROSE, auf unterschiedlichste Art diesem Thema zustreben. Rose ist keine Revolutionärin. Sie ist nicht von einem sozialen Gedanken beseelt, sie geht nicht als Beispiel voran, damit es folgende Generationen besser haben. Sie macht diesen Schritt egoistisch für sich, weil sie als Frau so nicht leben möchte. Sie ist nicht revolutionär, aber ihre Handlungen sind es. Wenn man etwas für sich selbst in Anspruch nimmt, heißt es noch nicht, dass man bis ans Ende dieser Deklination der gute Mensch bleiben wird. Rose manipuliert, sie belügt, sie betrügt. Der für mich berührendste Moment im Film ist der Moment, wo sie am Ende ihrer Tage erkennt, dass sie durch den Wunsch, so zu leben wie sie es wollte, einen anderen Menschen mit in ein Verderben gezogen hat. Für sich selbst kann man mit einem Todesurteil einen Umgang finden, aber zu erkennen, dass damit auch das Schicksal eines anderen Menschen besiegelt wurde, ist erschreckend und schrecklich. Ich finde, so müssen wir alle jeden Tag in einer Gesellschaft leben. Es ist gerade modisch geworden zu sagen, man muss mehr auf Empathie achten. Empathie finde ich richtig, aber ich glaube, man muss auch mehr auf die Verantwortung achten, die wir mit- und zu- und füreinander haben. Sie beginnt für mich schon vor der Empathie. Ich muss nicht alle Leute mögen, aber ich muss wissen, es gibt Codes und eine Verantwortung als Mitmensch. In allem, was ich tue, bin ich der Dialektik verpflichtet. Im dialektischen Zusammenleben muss auch Dissens erlaubt sein. Streitkultur ist verloren gegangen. Es ist aber Teil der Verantwortung, sich wegen unterschiedlicher Ansichten nicht zu überwerfen. Wir sind heutzutage so hochgeschaukelt. Auch bei Rose muss man auch hinter die Kulissen schauen, denn es ist immer noch die Gesellschaft, die sie zu diesem Schritt treibt: Könnte sie als Frau freier leben, hätte sie nicht einen anderen Menschen ins Verderben mitgezogen. 
 
 
Beeindruckend ist, wie Rose sich, schon völlig in die Enge getrieben, in einer vehementen Rede verteidigt und zu sich selbst und ihrer Entscheidung steht. 
 
MARKUS SCHLEINZER:
Wenn der Mob ihr vor ihrem Haus auflauert, das ist ja ein Frankenstein-Moment: Man will das Monster sehen. In vielen Frankensteinfilmen ist der Mob mit Heugabeln und Fackeln das zentrale Motiv, es geht um Voyeurismus, darum, das Andere, das Abartige zu zerstören. Ich habe bewusst nicht dem Mob den großen Moment gegeben. Mir war's wichtiger, die andere Position einzunehmen und einen Menschen zu vertreten, der sagt: „Ja, vielleicht hab ich“ – wie Rose im Film sagt–, „keinen Schwanz zwischen den Beinen, aber weil ich da bin, profitierst du davon und du davon und davon …“,  sie zählt die Dinge auf, die nun besser für diese Gemeinschaft geworden sind. Trotzdem obsiegen Dummheit und Fanatismus. Woher kommt jetzt wieder der verstärkte Hass auf jüdisch zu denkende Menschen, woher kommt der erneut aufkeimende Hass auf queere Menschen? Weil man mit Politik wieder wohin will und deswegen fängt man wieder an, Steine oder Schlamm zu werfen. Das finde ich erschreckend und deswegen wollt ich meiner Rose-Figur die stärkere Stimme geben. Es war mir wichtig, dass ihre Beweggründe im Hier verankert bleiben. Es ist nicht interessant, ob sie lesbisch ist, das würde den Film kleiner machen. Die rein private Motivation in die Hose zu steigen, überlasse ich absolut meiner Figur. Interessanter ist doch, was daraus entstehen kann. Jemand, wird davon abgehalten, Gutes zu tun, nur weil er keine Hose anhat. In dem Moment, wo sie eine Hose anhat, kann sie einen Hof bewirtschaften, ökonomisch wirken und Arbeitsplätze schaffen; den Menschen Lesen und Schreiben beibringen, um für sich selbst einzustehen und sie wurde ehrenhaft aus dem Krieg entlassen, hat als Soldat für das Land gekämpft, wurde auch verwundet und entstellt … und doch ist es wie in Stanley Kramers Narrenschiff, wo Heinz Rühmann einen jüdischen Kaufmann am Vorabend des Dritten Reiches spielt, der einmal sagen darf: Warum sollten sie uns umbringen? Warum die Juden? Warum nicht die Radfahrer? 
Man muss immer hinterfragen, warum Systeme so funktionieren. 
 
 
Man spürt auch, was es bedeutet, so lange eine so große Lüge mit sich allein zu tragen. Das Gespräch zwischen den Eheleuten bringt Erleichterung und Verständnis. Poppt hier kurz der Moment einer möglichen Utopie auf?
 
MARKUS SCHLEINZER:
Viele queere Personen berichten, dass die Sozialisierung oder das Erwachsenwerden so schwierig war, weil sie zuerst eine falsche Identität leben mussten und sich selbst als Lügner:in empfunden haben. Man ist verstellt durch die Gesellschaft und kann nie in seiner Kraft leben, weil man sie für die Verstellung braucht. In dem Moment, wo man sich offenbaren kann, und es mitunter zu einer Akzeptanz durch die wichtigsten Menschen oder die Gesellschaft kommt, empfindet man zum ersten Mal eine Freiheit und kann einer Entwicklung nachkommen. Deswegen fand ich's wichtig, das Ganze in der Utopie auszutragen, die auf der Flucht der beiden dann noch eine Fortsetzung erlebt. Wir erleben sie als quasi Heilige Familie im Wald, wo sie sich von den Früchten des Waldes nähren und sich bei strömendem Regen gemeinsam ein Nest bauen. Das spielen Sandra und Caro großartig, weil sie auf die Widrigkeiten nicht reagieren. Hier spielen beide Utopie. Es ist einerseits fast die Nachstellung eines Gemäldes; indem sie nicht darauf eingehen, dass es regnet und es kalt ist, spielen sie andererseits schon eine Form von Abstraktion, bevor der Film wieder in die Realität zurückgeht. 
 
 
Sandra Hüller war schon beim Schreiben die Darstellerin in Ihrem Kopf, ohne dass sie bereits an Bord war. Was verkörpert sie als Schauspielerin für Sie, dass sie von Beginn an die richtige Person war? 
 
MARKUS SCHLEINZER:
Ganz klar und unumstößlich – dieses enorme Talent, die bezwingende Logik gepaart mit einer extremen Ehrlichkeit und Uneitelkeit in ihrem Spiel. ROSE ist auch ein politischer Film und ich hab nach einer Person gesucht, die ihn politisch vertreten kann. Allein beim Susanna-Casting haben die meisten der 700 Kandidatinnen ihre Bewunderung für Sandra Hüller zum Ausdruck gebracht. Sie ist für nachfolgende Generationen an Schauspielerinnen enorm wichtig. Wir wissen, dass die Filmindustrie immer noch voll mit allen „-ismen“ ist, und ich meine nicht nur Ageism, sondern auch Sexism. Da strahlt sie heraus. Weil sie sich im Sinne dieser Dinge nie verbogen oder angebiedert hat. Wenn man uns zwei einsame Österreicher auf Motivsuche im tiefsten Harz gefragt hat: Wer seid jetzt ihr? Und was wollt ihr hier? und ich dann erzählt habe, dass wir einen Kinofilm mit Sandra Hüller machen, dann war klar, dass man sie im hintersten Hinterzimmer des letzten Wirtshauses kennt.  Und nicht nur aus Fack Ju Göthe. Man ist dort sehr stolz auf sie. Man schaut auch Toni Erdmann und Zone of Interest. Das nenne ich mal gelungene Kulturvermittlung. Ich bin beeindruckt von ihrer Selbstständigkeit, von ihrer Selbstdefiniertheit, von ihrer Entschiedenheit, in das reinzugehen, was sie spielt, was sie nicht spielt, was sie absagt. Was unsere Zusammenarbeit eingefädelt hat, war das Drehbuch. Sandra sagt, sie hätte noch nie ein derartiges Drehbuch gelesen. „Das ist kein Drehbuch, das ist ein Gedicht.“ Das war der Schuhlöffel. Der Einstieg, dass sie bereit war, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen und auch auf diese körperliche Transformation einzugehen. 
 
 
ROSE ist ein Film, der mit einer maximalen Zurückhaltung erzählt. So wenig wie möglich zeigt. Keine sichtbare Enttarnung von Roses Körper, keine Gewalt, keine Rückblenden in Roses früheres Leben.  
 
MARKUS SCHLEINZER:
Über die Auswirkungen von Gewalt müssen wir immer diskutieren, die Anwendung von Gewalt ist zu vernachlässigen. Ich habe so viele Filme gesehen, in denen Frauen vergewaltigt werden. Ich brauche keinen mehr davon. Es allerdings nicht zu erzählen, das wäre falsch. Aber Bilder haben Verantwortung und es ist unsere hohe Verpflichtung, dieser Verantwortung nachzukommen. Ich habe mir sehr viele Filme über Crossdresser angeschaut: So Vieles war lächerlich und auf unverständliche Weise wird die Enttarnung immer wieder über den Körper erzählt. Bis heute geht es hauptsächlich darum, dass es irgendwie pikant ist, dass der Rollenwechsel ein bisschen schmierig, ein bisschen operettig ist. Das lehne ich ab. Roses Geschichte funktioniert einwandfrei ohne die Entdeckung über den entblößten Körper. Warum sollte ich also Sandra Hüller dazu bringen, dass sie auch nur einen Nanomillimenter an primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen präsentiert? 
 
 
ROSE bewegt sich zwischen Identitäten und Polaritäten. Haben diese Spannungen auch zur Entscheidung in einer reduzierten, schwarzweißen Farbskala zu arbeiten, beigetragen?
 
MARKUS SCHLEINZER:
Menschen gehen gerne in historische Filme, weil das Farbenspiel so schön anzuschauen ist. Für ROSE fand ich es interessant, das aufzulösen, weil die Geschichte dadurch stärker für sich arbeiten muss. Schwarzweiß macht großartige Dinge, weil es alles aufhebt. Wenn Blut nicht mehr rot ist oder Uniformen sich voneinander nicht mehr unterscheiden, dann wird das alles nivelliert und ein Brennglas wird noch einmal stärker auf die eigentliche Handlung gerichtet. Das fand ich enorm befreiend. Das Arbeiten mit Schwarzweiß bedeutet filmisch, dass man mit Farben und farblichen Kontrasten ganz anders umgehen muss. Schwarzweiß operiert sehr stark über Licht, über Hell und Dunkel. Jedes Gesicht wird eine Landschaft und man muss stark mit Strukturen und Oberfläche arbeiten. Etwas, was ich sehr liebe, weil dadurch alles auch noch mal rauer wird. Die Kostüme bestehen aus tollen, gebrochenen Stoffen, die in sich Webungen haben, die viel stärker zum Vorschein kommen. Das Drehen in Schwarzweiß hat es erlaubt, mit Blaufilter zu drehen, der eigentlich verpönt ist, weil er Haut mit starken Poren, Unebenheiten, Sonnenflecken zeigt. Es hat etwas Archaischeres. 
 
 
Alles von Hand gemacht. Im Machen unzeitgemäß, haben Sie anlässlich des Screenings gesagt. Man kennt Sie als akribischen Ausstatter. Was hat das konkret für Ausstattung und Kostüm bedeutet?
 
MARKUS SCHLEINZER:
Dass wir alle sehr viel gelernt haben! Mit Ausstattung und Kostüm habe ich ein Jahr vor Drehbeginn zu arbeiten begonnen. Sagen muss ich aber, dass ich und mein privates Umfeld, schon in dem Augenblick angefangen haben, Altstoffe zu sammeln, als im Schreiben klar wurde, wohin die Reise gehen wird. Mein Dachboden war voll mit Kisten bepackt mit alten, abgetragenen Stoffen, die vor allem eines haben: ein Leben, dass in sie eingeschrieben wurde. Davon lebt dieser Film und auch vom Handwerk, das ja wiederum von einer Zeit erzählen soll. Die Kostümbildnerin Doris Bartelt hat ein tolles Team an Expert:innen um sich geschart, aber damit allein wär es nicht gegangen. Es packen dann immer alle mit an. Meine Mutter hat an die tausend Knöpfe mit der Hand gefertigt. An den beiden Hochzeitsgewändern saßen acht Menschen, die in hunderten Arbeitsstunden gequiltet haben. Mein Freundeskreis hat geholfen, ein Konvolut aus alten, speckigen Lederhosen aufzutrennen. Meine Schwester und ihr Kreis haben mit bockiger Schafwolle Winterbekleidung gefertigt. Zwischendurch komm dann ich, nähe auch noch rum. Aber auch nur aus Respekt. Um den Mitarbeiter:innen zu zeigen, dass ich mich gerne selber auch in den Wahnsinn begebe, in den ich sie hineingetrieben habe. Denn auch nur so kann ich ihn verstehen. Bei der Ausstattung hat es sich ähnlich verhalten. Alles musste gebaut werden. Mit historischen Baustoffen. Soweit möglich. Ein Boden, über den man hundert Jahre gelaufen ist, der sieht einfach anders aus, als etwas, dass man versucht durch Abkratzen und Schaben und Anmalen als historisch zu behaupten. 
 
 
Wie schließt sich für Sie der Kreis zur Gegenwart? Das Anders-Sein scheint leichter, aber dennoch bedroht zu sein. Wo orten Sie die Gründe für die gesellschaftliche Ablehnung des Anders-Seins?
 
MARKUS SCHLEINZER:
Gerade was die Gewalt betrifft, die ihrer Figur angetan wird, gab es viel Diskussion mit Sandra Hüller. Und es war ihr zum Teil auch äußerst unangenehm, sich dem auszusetzen. Was verständlich ist. Auch weil man es einfach nicht mehr will. Weil viele von uns das Gefühl haben, bestimmte Dinge müssten längst gelöst und anders sein. Aber … zum Zeitpunkt unserer Dreharbeiten kam Trump wieder an die Macht, alles wurde wieder sehr hässlich. Ich glaube eine Zeit lang wäre es Sandra lieber gewesen, wir würden einen Film machen, der ein Licht verbreitet, dem man zuströmt. Also sich stärker oder ausschließlich mit der Utopie der beiden Frauen zu beschäftigen. Aber ich bin nicht diese Art von Filmemacher. Ich finde es wichtig, dass es role models gibt, weil ich nicht glaube, dass wir alle die mutigsten Leute sind. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir geschärft werden, indem wir etwas sehen können, was andere uns vorleben. Was ich an solchen Filmen oft kritisiere, ist, dass sie eine Erlösung behaupten. Ich bin aber kein Verfechter von Erlösung, ich bin ein Verfechter von Arbeit. Ich glaube, es ist ziemlich schwer, dass wir hier ein friedliches Auskommen finden. Zu denken, dass wir durch Sitzen, Warten, ein bisserl Beten und Hoffen voneinander erlöst werden, ist kindlich. Wir müssen daran arbeiten.


Interview: Karin Schiefer
Jänner 2026
 

«Es ist gerade modisch geworden zu sagen, man muss mehr auf Empathie achten. Empathie finde ich richtig, aber ich glaube, man muss auch mehr auf die Verantwortung achten, die wir mit- und zu- und füreinander haben. Sie beginnt für mich schon vor der Empathie. »