Noch im Gleichgewicht. Aus dem Gleichgewicht. Wieder im Gleichgewicht. In unseren Ökosystemen steht Vieles an der Kippe, die
Zukunftsszenarien sind düster. Othmar Schmiderers Blick widmet sich den Kräften, die dagegenhalten. ELEMENTS OF(F) BALANCE erkundet Organismen der Resilienz, Strategien der Reparatur und vor allem die symbiotischen Verbindungen in der Natur. Sie
sichert sich seit jeher ihren Fortbestand in einem „Spirit des Wir“ und liefert so ein unumgängliches Modell für einen nachhaltigen
Schutz des Planeten.
Beginnen wir mit dem Titel ELEMENTS OF(F) BALANCE und dem Wortspiel von of und off balance. War es der Kipppunkt in unserem
Ökosystem, an dem sich die Menschheit gerade befindet, der den Anstoß für diesen Film geliefert hat?
OTHMAR SCHMIDERER: Das spielt sicher eine Rolle, zweifelsohne ist etwas aus der Balance geraten! Es gibt Projekte, die ein Gleichgewicht herstellen
z. B. die Permakultur am Krameterhof, die wir im Film zeigen, andererseits läuft vieles aus dem Gleichgewicht, wenn wir uns
nur die Klimaveränderungen anschauen. Dystopische Zukunftsvisionen wären uns zu einfach gewesen, da gibt es schon genügend
Filme
Für diesen Film steht ein neues Bewusstsein im Zentrum, neue konkrete Möglichkeiten, die sich der Menschheit bieten,
wenn vergessene Allianzen die Grundlage des Umgangs mit der Natur sind.
Sie haben das Konzept mit Stephan Settele erstellt. Welchen Background hat er in dieses Projekt eingebracht?
OTHMAR SCHMIDERER: Grundsätzlich betrachte ich ELEMENTS OF(F) BALANCE sehr stark als Teamarbeit. Innerhalb des Teams gab es nicht immer einfache,
aber sehr konstruktive Prozesse der Auseinandersetzung. Stephan Settele lieferte dabei einen wesentlichen Input – er ist ein
Meister der Recherche, er ist ein intellektueller Kopf, der u.a. täglich die Weltpresse durchforstet und tief in diese Thematik
eintaucht. Im laufenden Abgleich entstanden spannende Episoden, die die Natur als mögliche Game-Changerin betrachten und zeigen,
wie wir als Menschheit unsere ungewisse Zukunft mit ihr und nicht gegen sie gestalten können.
Was hat sich seit Ihrem letzten Film Die Tage wie das Jahr (2018) in Ihrer Sichtweise verändert. In diesem Film ging es eher
um individuelle Lösungen einer nachhaltigen Lebensweise, ist nun in ELEMENTS OF(F) BALANCE ein globaler Blick eine Notwendigkeit
geworden?
OTHMAR SCHMIDERER: Die Tage wie das Jahr war ein Mikrokosmos eine Art Arbeitsstudie über einen Jahreszyklus einer kleinen Biolandwirtschaft in
der zwei Personen im Zentrum standen. In ELEMENTS OF(F) BALANCE steht die Frage, was können wir von der Natur lernen, im Mittelpunkt.
Wir stehen noch ziemlich am Anfang, kennen und wissen wenig – da gilt es genauer hinzusehen. Und was die Klimaveränderungen
betrifft, bedarf es eines globalen Blickes. Wir sind an einem derart gefährlichen Punkt angelangt, wo unsere weitere Existenz
auf dem Planeten in Frage steht. Wir müssen endlich lernen, nicht länger wie Plünderer zu leben, sondern in symbiotischer
Koexistenz mit der Natur. Der Film fokussiert auf mögliche Alternativen in der Wissenschaft, in Kunst und Design aber auch
im DIY-Bereich, wo vor allem junge Menschen in völlig neue Bereiche vordringen und visionäre Ideen entwickeln. Die filmischen
Episoden führen an unterschiedliche Orte auf dieser Erde, an Bruchstellen und Orte der Hoffnung gleichermaßen.
Sie bewegen sich zwischen altem Wissen – ich denke an Floating Farming in Bangladesh oder die Permakultur am Krameterhof –
und hochtechnologischer Innovation. Wie erklärt sich das? Können Sie die wichtigen Etappen Ihrer Recherche- und Entdeckungsprozess
rekapitulieren?
OTHMAR SCHMIDERER: Das ist eine lange Geschichte. Werner Lampert – er hat in Österreich die Bio- und Ökolinien wie Ja natürlich oder Zurück zum
Ursprung im Lebensmittelhandel entwickelt – ist an mich herangetreten, ob ich Interesse an einem Film über Nachhaltigkeit
hätte. Er unterstütze uns in der Projektentwicklung, leider ist er vor kurzem verstorben und konnte den Film nicht mehr sehen.
Wir begannen eine Recherche über unterschiedliche Ökosysteme, indem wir uns mit der Prämisse der Nachhaltigkeit und Biodiversität
durch die halbe Welt mäanderten. Intimes Wissen über die Funktionsweisen der lebendigen Welt ist die Voraussetzung jeglicher
Form von Nachhaltigkeit. Wir greifen nach dem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt, haben aber bislang ganz
offenkundig nicht wirklich die Macht oder den Willen, diesen nachhaltig zu organisieren. Dementsprechend sind weder Ziel noch
Richtung klar, in die die scheinbar perfekt auf Effizienz getrimmten Techno-Gesellschaften gehen wolle. Unter dem medialen
Einfluss mächtiger Tech-Konzerne scheint es als Ausweitung einer seit Jahrhunderten ungebremsten, imperialen Lebensweise völlig
alltäglich, verlockende Szenarien für eine mögliche Besiedlung ferner Planeten in Aussicht zu stellen. Die höchst gegenwärtigen
Lebensgrundlagen unserer fragilen Atmosphäre, auf der Erde und in der Tiefe der Ozeane werden in Form eines kollektiven Narzissmus
weitgehend ignoriert.
Für den Film war uns wichtig, traditionelles Erfahrungswissen quasi als filmische Versuchsanordnung in ein Naheverhältnis
zu hochmodernen Verfahren (wie mit 3D-Radar ausgestatteten Experimentaldrohnen oder sensorgesteuerten Beobachtungsmethoden
von Pflanzenkulturen) zu stellen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass übergreifende Studiengänge an den führenden Agraruniversitäten
inzwischen zu den beliebtesten gehören und in Zukunft mit erstaunlichen Wissensbeständen aufwarten werden. Ein Entweder-oder
zwischen Tradition und digitaler Ökomoderne wird es in diesen zukünftigen Erfahrungsräumen nicht mehr geben, sondern immer
mehr ein Sowohl-als-auch.
Wir wollten keine lineare Erzählform, sondern der Film möchte – in einzelne ökologische Episoden gekleidet – aufzeigen, dass
die wahrhaft spannende „Science“ und auch „Fiction“ sich seit Jahrtausenden hier auf unseren Planeten zwischen menschlichen
und nicht-menschlichen Akteur:innen ereignen. Es wird mehr brauchen als nur ein mentales „Umdenken“, wenn man an dem Ast sägt,
auf dem man sitzt. Es muss sich auch das Erleben ändern, die Wahrnehmung von einer als äußerlich empfundenen Umwelt hin zu
einer artenübergreifenden „Uns-Welt.“ ELEMENTS OF(F) BALANCE kann und will nicht mehr sein als ein neugieriger Wink in diese
Richtung: eine Erzählung von Möglichkeitsräumen ohne Panikmache oder erhobenen Zeigefinger.
Dramaturgisch entwickelt sich der Film von einem lokalen Musterbetrieb, dem Krameterhof, hin zu immer weiteren Entfernungen
und größeren Dimensionen wie in China oder im Donaudelta. Was hat diese dramaturgische Bewegung vom Lokalen in diese enormen
Dimensionen bewogen?
OTHMAR SCHMIDERER: Eine andere Dimension, die wir so in Europa nicht kennen. Auch wenn die Schadstoffemissionen in China noch enorm hoch sind,
so ist China jetzt schon führend und wird den Bereich Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren dominieren. Spektakuläre Beispiele
wie das gigantische Aufforstungsprojekt der Wüste Gobi, das es bereits seit den späten sechziger Jahren gibt, oder die futuristische
Dimension der Solarenergieanlagen mit solarthermischen Kraftwerken sprechen für sich. Es ist beeindruckend, mit welchem Tempo
und in welchem Ausmaß in China Nachhaltigkeit forciert wird. Nachhaltige Sonnenenergie betreibt China allein mehr als der
Rest der Welt.
Im Donaudelta, dem größten Feuchtgebiet Europas mit seinen vielen dynamischen Ökosystemen, zeigen sich die Auswirkungen des
Klimawandels, aber auch Bemühungen des Rewildings. In der Ukraine werden trotz des Kriegs die Dämme aus der Sowjet-Zeit geöffnet,
damit das Delta wieder stärker durchflutet und der Wüstenbildung Einhalt geboten wird. Im rumänischen Teil des Deltas, wo
die Menschen sowohl mit der Trockenheit als auch mit dem Rückgang der Fischerei kämpfen, galt unser Augenmerk u.a. der unter
Naturschutz stehenden, Millionen-Jahre alten Spezies des Störs, die man wieder versucht, im gesamten Donauraum anzusiedeln.
In den Dörfern im Delta geht es schlicht auch um die Überlebensfrage.
Ich glaube, wenn man sich auf dieses Thema einlässt, kommt man unweigerlich vom Mikro- in den Makro-Kosmos, um die unterschiedlichen
Aspekte abzugleichen. Es war uns ein Anliegen, eine poetische, kinematografische Form zu finden. Es ist alles mit allem verbunden,
egal in welcher Dimension. Es werden Fäden in alle Richtungen gezogen. Die wesentliche Aussage des Films liegt vielleicht
auch darin, vor Augen zu führen, dass die so dringend notwendigen Mechanismen der Kollaboration in der Natur ja seit eh und
je bestanden haben.
Filmisch erfassen Sie die sichtbare Natur – davon sehr viel mit einer Drohne in ihrer immensen Weite – und gleichzeitig gehen
Sie der unsichtbaren Natur auf den Grund über Unterwasserwelten, vor allem auch über die Pilze. War das ein Spannungsfeld,
das Sie herausarbeiten wollten?
OTHMAR SCHMIDERER: Die Drohne ist ein eigenes Kapitel, über das wir sehr viel diskutiert haben, ob und wie
Ich denke gewisse Landschaften z.B.
das Donaudelta oder die Gebirgszüge in China sind letztlich nur von oben fassbar.
Wir hatten mit Arthur Summereder einen genialen Drohnenpiloten und letztlich auch Editor, der mit diesem Instrument sehr einfühlsam
und umsichtig umging. Es ging zum einen darum, die enormen Dimensionen fühlbar zu machen und zum anderen für die Verbindung
mit unserer Umwelt, die uns verloren gegangen ist, zu sensibilisieren.
Bei den sogenannten „unsichtbaren“ Welten, wie die der Quallen oder der Pilze als uralte Lebensformen, hat uns zunächst neben
ihrer kreatürlichen Vielfalt und Schönheit der Umstand interessiert, dass sie sich seit unvordenklichen Zeiten z.T. genetisch
kaum verändert und alle uns bekannten Aussterbe-Ereignisse von Meteoriteneinschlägen bis zur letzten Eiszeit überlebt haben.
Für diese resilienten Organismen scheint es, ganz im Gegensatz zur fragilen menschlichen Existenz, seit jeher eine „intakte“
Welt zu geben.
Noch immer können die partiell auftretenden, massenhaften Quallen-Blüten nicht mit wissenschaftlichen Methoden vorhergesagt
werden. Ihrem erratischen Auftreten und Verschwinden haftet mitunter etwas Mysteriöses an, fast wie bei Kreaturen aus einem
Fantasy-Film. Mit Vorliebe docken diese uralten Meereswesen, die seit über 500 Millionen Jahren durch die Ozeane treiben,
zu ihrer Vermehrung ausgerechnet an den allerneuesten, vom Menschen geschaffenen Anlagen wie Ölplattformen oder auch an maritimen
Hinterlassenschaften aus Plastik an. Zu den ersten Lebewesen, die nach den Atombombenabwürfen über Japan und auch nach dem
Nuklearunglück von Tschernobyl auf den kontaminierten Böden wieder auftauchten, gehörten die Pilze: aus menschlicher Sicht
ein Symbol für ein Weiterleben nach Katastrophen. Es war spannend zu sehen, mit welchem Enthusiasmus die internationale Forschungsgemeinde
im Bereich der Pilze einerseits Grundlagenforschung betreibt, anderseits möglicherweise den Boden für zukunftsweisende nachhaltige
Anwendungsmöglichkeiten und neue Lebensgemeinschaften aufbereitet. Inzwischen spricht man, in Analogie zum digital verzweigten
Internet, von einem „wood wide web“ unter den verbliebenen Bäumen und Wiesen dieser Welt. Es steht außer Frage, dass die Annäherung
an diese rätselhaften wie faszinierenden Lebewesen durch den Einsatz von KI-Technologie einen gewaltigen Schub erfahren wird.
Eines der zukunftsträchtigen Elemente in diesem Film ist der Pilz, man erfährt über Nutzen und Funktionsweise, darüber hinaus,
erfassen Sie in den Gesprächen mit Expert:innen auch eine unheimliche Faszination für diesen Kosmos. Wie haben Sie diesen
Kosmos der Pilze für sich entdeckt?
OTHMAR SCHMIDERER: Die Pilzforschung hat in den letzten Jahren schon immer mehr an Aufmerksamkeit gewonnen und mit Merlin Shaldrakes Bestseller
Entangled Life eine breitere Öffentlichkeit erreicht. In unseren Recherchen stießen wir zuerst auf die engagierte DIY-Gruppe
der Tiroler Glückspilze bzw. den Mushroom Research Center Austria, wo unterschiedlichste Pilzkulturen gezüchtet und Kosmetika
hergestellt werden. Eine der wichtigsten Begegnungen fand mit der Berliner Mikrobiologin Vera Meyer statt, die das Institut
für Mikrobiologie an der TU Berlin leitet und eine enthusiastische Forscherin auf diesem Gebiet ist. Nach einem ersten Dreh
mit ihr war klar, dass dies eine entscheidende Episode werden würde, zumal wir zugleich in Italien noch auf Maurizio Montalti
getroffen sind, in dessen Biomaterialien- und Biotech-Unternehmen SQIM die Intelligenz der Pilze genutzt wird, um Leder, Isolier-
und Baumaterialien zu produzieren. Sie haben uns ein Tor geöffnet ebenso wie die Quallenforscher:innen Ferdinando Boero aus
Neapel und Tinkara Tinta aus Piran in Slowenien.
Haben Sie in Ihrer Recherche und auch bei den Dreharbeiten, so etwas wie einen Pioniergeist herausgehört?
OTHMAR SCHMIDERER: Ja, es scheint inzwischen sehr viele Forschungsbereiche mit großem Potential zu geben, denen eine größere Aufmerksamkeit zustände!
Ich halte es für keine Utopie mehr, wenn Vera Meyer meint, dass in zehn bis fünfzehn Jahren Häuser aus Pilzen gebaut werden.
Jetzt geht es um eine Bereitschaft, eine Offenheit dem technologischen Fortschritt gegenüber. In der Technologie läuft es
zurzeit in vielen Bereichen noch in komplett falsche Richtungen. Andererseits sind innovative Köpfe wie Maurizio Montalti
inzwischen weltweit vernetzt. Die Mycelforschung ist ein riesiges Forschungsgebiet. Da gibt es vielversprechende, visionäre
Perspektiven, die im Entstehen sind. In Montaltis Firma wird bereits Mode aus Pilzen angefertigt. Das ist 100% recyclebares
Material. Die Pilzforschung ist erst der Anfang in einer Erkundung des ganzen Kommunikationssystems unter der Erde.
Mehrere Ihrer Gesprächspartner:innen verweisen bei der Funktionsweise der Pilze auch auf soziologische Parallelen. Sie verweisen
von der Natur und der dort praktizierten Kooperation auf eine Erneuerung gesellschaftlicher Prozesse. Sind wir hier eher in
der Interpretation des Films oder sind Sie auch auf dieser Ebene auf gelebte Formen gestoßen?
OTHMAR SCHMIDERER: Diese von der Natur auf die Gesellschaft umgelegten Kooperationen könnten ein Modell für uns sein. Im Moment sind wir noch
von einer sehr narzisstischen Welt dominiert, die ins Verderben führt, wenn so weiter agiert wird. Vielleicht geht es jetzt
darum, sich die Natur als Vorbild zu nehmen. Die Wissenschaftler:innen, mit denen wir zu tun hatten, praktizieren jedenfalls
ein anderes Denken und eine andere Arbeitsweise. Sie denken nicht mehr nur im „Ich“. Aus der Forschung mit der Natur ergeben
sich all diese Verbindungen, wo man sieht, dass es nur im gemeinsamen Agieren funktionieren kann. Wie weit es sich wirklich
umsetzen lässt, ist die entscheidende Frage der nächsten Jahre und wohl auch der nächsten Generationen.
Sie stellen eine Episode aus der griechischen Mythologie an den Beginn des Films – den Wettstreit der Weberin Arachne mit
der Göttin Athene. Spannen Sie damit einen zweiten thematischen Bogen, nämlich den zum Reparieren nach der Zerstörung?
OTHMAR SCHMIDERER: Kann man so sehen, ja. Schon während der Montage ging mir die Idee eines Introtexts durch den Kopf. Bei einem frühen Screening
brachte Lisa Spalt, eine befreundete Autorin, die Geschichte von Arachne und Athene ein und schrieb diese freie, poetische
Intro.
Fäden – die gerissenen und wieder zusammengefügten wie bei Athene oder die als Orientierung ins Labyrinth gereichten wie bei
Ariadne – symbolisieren in der griechischen Mythologie das Schicksal – Leben, Orientierung und Rettung. Im heutigen Kontext
könnte der abgerissene Faden das fragile Netz der Ökosysteme und der natürlichen Verbindungen symbolisieren, das durch menschliches
Handeln nachhaltig beschädigt wurde. Der Mythos unterstreicht darin die Folgen von Arroganz und der Unfähigkeit, eine größere
Verbundenheit und symbiotische Allianzen in der Natur zu erkennen. So wie Athene in ihrem anfänglichen Furor Arachnes Wandteppich
zerreißt, ihr aber erlaubt, als Spinne weiter zu weben, stehen wir vor der Aufgabe, die angerichteten Zerstörungen anzuerkennen
und uns zu verpflichten, unsere Beziehung zur Umwelt zu reparieren und wiederherzustellen. Vielleicht lassen sich die verzweigten
Myzelfäden der Pilze in dem Film als eine solche Handreichung für unsere Zeit deuten.
Ein stark präsentes Element ist die Musik von Christian Fennesz. Warum war Ihnen diese atmosphärische Tonebene wichtig?
OTHMAR SCHMIDERER: Musik im Film zu verwenden, war für mich eine lange Überlegung und grundsätzlich habe ich in vielen Fällen auch schnell einmal
ein Problem damit. Die Musik von Christian Fennesz hatte ich ab und zu im Hintergrund laufen und die Atmosphäre mit ihrer
leichten Melancholie mochte ich irgendwie. Mir war klar, dass der Film eine stringente, klare Handschrift braucht, die habe
ich bei Christian gefunden. Er hat sich mit Begeisterung auf dieses Thema eingelassen und ich bin jetzt sehr zufrieden, dass
wir auch auf dieser Ebene eine Sphäre gefunden haben, die nie zu stark wird, sondern fein im Hintergrund bleibt. ELEMENTS
OF(F) BALANCE ist auch ein poetischer Film, die Musik leistet dazu einen Beitrag, die unterschiedlichen Episoden des Films
miteinander zu verbinden. So hoffe ich zumindest.
Das Wort Poesie ist gefallen. Welche Rolle ist der Ästhetik in der Betrachtung der Natur zugekommen? Ich denke an die Bilder
der Quallen, aber auch die von einer Drohne aufgenommene Landschaften, die etwas nahezu Phantastisches haben?
OTHMAR SCHMIDERER: Natürlich spielen Ästhetik und Intuition eine große Rolle dabei, eine Filmsprache für sich sprechen zu lassen und einen organischen
Rhythmus zu finden. Es war mir wichtig, eine gewisse Leichtigkeit und einen Resonanzraum entstehen zu lassen, in dem sich
Sound, Bild und Natur verbinden. In den Feedbacks nach den ersten Screenings schien sich das zu bestätigen. Es ist ein Film
fürs Kino, auch wenn sehr viel gesprochen wird. Es ist ein sehr dichter Film, dennoch habe ich das Gefühl, dass man atmen
kann. Man kann immer wieder in einen neuen Raum eintauchen, während der andere noch nachhallt.
Ich würde zum Abschluss gerne zwei Zitate aus dem Film gegenüberstellen: „Die Spezies die nun in Gefahr ist, ist unsere. Wenn
wir uns nicht um die Natur kümmern, endet die menschliche Spezies wie die Dinosaurier“. Und andererseits: „Wenn die Natur
die Möglichkeit bekommt, regeneriert sie sich sehr schnell.“ Irgendwo dazwischen befinden wir uns gerade. Wo liegt Ihre persönliche
Position nach dieser Arbeit, die positive und beängstigende Szenarien zugleich heraufbeschwört?
OTHMAR SCHMIDERER: Das ist sehr ambivalent. Einerseits sehe ich der Zukunft kritisch und pessimistisch entgegen, andererseits spüre ich auch
andere Energien. Meine Tochter ist 19, da sehe ich es auch als Aufgabe, andere Perspektiven zu erkunden und nicht in Depression
zu verfallen. Wir bewegen uns momentan in eine Richtung, wo Klimathemen hintangestellt, Maßnahmen nicht umgesetzt werden,
obwohl wir wissen, dass das Klima unser größtes Problem der Zukunft sein wird. Nur wenige Menschen halten inne, andere fliegen
weiterhin jedes Wochenende in eine andere Stadt. Ich möchte nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern erforschen, was es
noch an Möglichkeiten gibt. Ich denke, das ist die Energie, die einem am Leben erhält. Ich möchte den kritischen Punkt, an
dem wir uns bewegen, miteinbeziehen. Es geht mir um ein tieferes Eindringen und eine Bewusstmachung. Zu viele Menschen haben
keinen Bezug mehr zur Natur. Wir leben in einer Uns-Welt mit den Tieren und mit den Pflanzen. Es ist ein Wir. Diese Feinheiten
muss der Mensch wieder begreifen und auch leben. Mit diesem Film setzen wir zumindest ein kleines Zeichen und hoffen, es mit
einem breiten Publikum teilen zu können.
In diesem Interview schwingt auch sehr stark der Geist von meinem Co-Autor Stephan Settele, dem Editor Arthur Summereder sowie
der Kamerafrau Siri Klug mit! Ich glaube, wir waren ein sehr starkes Team im Sinne der Kollaboration – vielleicht haben wir
auch etwas von der Natur gelernt.
Interview: Karin Schiefer
November 2025






