INTERVIEW

«Reiseleiter durch die Gesellschaft»

Pavel Cuzuioc reiste durch Rumänien, Bulgarien, Moldawien und die Ukraine und begleitete Telekom-Techniker im Außendienst bei ihren Aufträgen, per Kabel und Stecker die Menschen untereinander und mit der Welt zu verbinden. Die Arbeitswege von Tür zu Tür erweisen sich als Entdeckungsfahrt von Mikrokosmos zu Mikrokosmos und Bitte warten als heiter-hintergründiger Essay über das menschliche Streben nach Verbindung, das Scheitern der Verständigung und das Dasein in der Warteschleife.



Bitte warten spielt in der Ukraine, in Rumänien, Bulgarien und Moldawien. Waren es die Vielsprachigkeit und das naheliegende Überschreiten von Grenzen, die die Impulse für Ihren Essay über das Kommunizieren geliefert haben?

PAVEL CUZUIOC
: Die geografische Lage stand nicht unbedingt im Vordergrund, eher ein persönlicher Bezug. Ich bin in Moldawien geboren, habe in der Ukraine zum ersten Mal das Meer gesehen. Bulgarien ist das Land meiner ersten Auslandsreisen und mit Rumänien verbindet mich mein erstes Studium. Es sind vier Länder, deren Kultur und Gesellschaft auch meine Mentalität geprägt haben. Sie scheinen auf den ersten Blick gleich und sind dennoch einzigartig. Als „sowjetischer Rumäne“ (in Bessarabien geboren), der als Muttersprache eine romanische und slawische Sprache hat, konnte ich auch leicht in diesen vier Ländern die Dreharbeiten durchführen. Das war für mich sehr wichtig, denn wenn ich nahe an den Menschen dran sein will, möchte ich nicht mit Übersetzung arbeiten, sondern muss verstehen, um umgehend reagieren zu können. Bitte warten könnte aber genauso auch in westeuropäischen Ländern spielen: überall sind wir von Kommunikationsgeräten abhängig und auch die Propaganda, egal ob sie pro- oder anti-westlich ist, ob sie übers Fernsehen, Radio und anderen Medien kommt, umgibt uns gleichermaßen. Der Ort spielt für mich nur insofern eine Rolle, als ich mich dort gut bewegen kann und die Sprachen kenne. Das sind die Voraussetzungen, damit ich gut forschen und sehen kann. Es geht bei mir immer um die Menschen. Ich möchte spürbar machen, dass wir alle gleich sind, und doch jeder für sich eine eigene Welt, ein kleiner Planet ist. Egal, welche ausgereifte Möglichkeiten der Kommunikation zur Verfügung stehen, wir verstehen uns weiterhin schwer, weil jeder eine eigene Sicht aufs Leben und eine individuelle Art sich auszudrücken hat. Die Telekommunikationstechniker im Außendienst (die Protagonisten) waren für mich die Reiseleiter durch die Gesellschaft. Ich spreche gerne vom Turm von Babel, weil unser Dasein, abgesehen von den unterschiedlichen Sprachen und Charakteren, ein organisiertes Chaos ist.

Das Internet hält Einzug in einem Dorf, wo die Hauptstraße nicht asphaltiert ist, Strommasten von Bäumen überwachsen sind, Pferdewägen als Fortbewegungsmittel dienen. Medientechnologisch bewegen wir uns wie durch ein Museum der letzten fünf Jahrzehnte und begegnen einer Koexistenz verschiedenster Technologien. Ein interessanter Zusammenprall von neuestem Stand der Technik einerseits und einer Lebensweise, die weit ins 20. Jh. zurückweist andererseits.

PAVEL CUZUIOC:
Wenn man vor zwanzig Jahren auf dieselbe Straßenszene gesehen hätte – Pferdewägen, Straßenhunde, halbnackte Kinder, die herumlaufen –, dann schienen es wie archaische Bilder aus dem 19. Jh. Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Die Technologie hat die Geschwindigkeit der Kommunikation beschleunigt, aber die mise en scène ist dieselbe geblieben. Die Menschen, die man jetzt auf der unasphaltierten Straße in Rumänien, Bulgarien, Ukraine oder Moldawien sieht, kommunizieren nun mit Verwandten in Italien über Skype oder Viber, sonst hat sich aber nichts geändert. Man könnte sagen, dass dasselbe Bild, welches vor zwanzig Jahren ein analoges war, heute unverändert ist, nur dass es sich jetzt um ein digitales handelt. Ob diese Art von „Progress” ein Nachteil oder ein Vorteil ist, kann ich nicht beantworten.


Ein wichtiges filmisches Element ist das Bild im Bild, das über den TV-Bildschirm präsent ist. Wie sehr hat auch der Zufall eine Rolle gespielt? Ein wiederkehrendes Motiv sind Meldungen von Entführung, Raub, Mord – die es in allen Ländern rund um die Welt gibt und die lokal und global zugleich sind.

PAVEL CUZUIOC:
Bad News vermitteln ein Thrill-Gefühl und oft werden wir davon abhängig. Die Sache mit den zwei entführten und dann ermordeten Mädchen, die keine Hilfe von Notruf 112 bekommen konnten, war im Jahr des Drehs eine große Geschichte in Rumänien, aufgrund derer ein Minister und mehrere hochrangige Beamte entlassen wurden und von der man auch in Österreich in den Medien sprach. Alle haben diese Nachricht konsumiert und jeder hat eine Meinung dazu gehabt. Samira Ghahremani und ich haben im Schnitt überlegt, eine Dramaturgie nach dem Stille-Post-Prinzip zu bauen, weil meiner Ansicht nach vieles in der Gesellschaft nach einem Stille-Post-Modell verläuft. Es gibt unzählige Meinungen und Interpretationen, irgendwann weiß man nicht mehr, wer was gesagt oder gemacht hat, was wahr ist und was Legende ist.
Die Technologie wurde von den Menschen immer noch ausgefeilter und effizienter, aber wir Menschen haben uns nicht grundlegend weiterentwickelt. Gefühle, die unsere Empathie zueinander bestimmen, haben sich neutralisiert. Wir konsumieren so viele Meldungen und scheinen für Gutes und Schlechtes schon immun zu sein. Viele Bilder entstanden als Zufall während des Drehs und wurden zur Absicht im Laufe des Schnitts. Man sucht aber schon beim Dreh eine Konstruktion, eine Parallelität, Passagen, die eine Verbindung schaffen. Ich drehe dokumentarisch, schneide aber fiktional.


Ihre Protagonisten, zwei Techniker, sind außergewöhnliche Persönlichkeiten, die durch den Film führen. Wie kam es zur Begegnung mit ihnen und ihrer Bereitschaft, sich begleiten zu lassen?

PAVEL CUZUIOC:
Es gibt vier Länder, einen Protagonisten in Moldawien, einen in der Ukraine, zwei in Rumänien und zwei in Bulgarien. Man könnte die zwei Techniker aus Moldawien und der Ukraine als die Hauptprotagonisten betrachten, aber eigentlich wollte ich niemanden in den Vordergrund stellen. In den Sequenzen aus Bulgarien wird wenig gesprochen, da wollte ich vielmehr die Nonchalance, mit der die Techniker mit ihrer Arbeit in diesem extrem heißen Sommer umgehen, zeigen. Dieser Rhythmus hatte etwas Orientalisches für mich, ohne da jetzt Vorurteile hineinzubringen. In Rumänien waren es Techniker, die zu allen Kunden gleich unpersönlich waren. Ich wollte sie einfach zeigen, wie sie waren. Da die Außendiensttechniker in Moldawien und in der Ukraine allein unterwegs waren, bot sich leichter die Gelegenheit für persönliche Gespräche und auch dazu, mit ihnen ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Es ist nicht leicht, zwischen den Protagonisten eine Balance zu halten, irgendwann wird jemand doch wichtiger als ein anderer.  Der Zuschauer findet oft für sich selber den „Hauptprotagonisten“, weil er mehr Empathie für ihn hat oder weil er sich mit ihm besser identifizieren kann. In Bitte warten ist es vielleicht Ghenadie aus Moldawien, vor allem auch wegen seines Monologs am Ende des Films, der für mich sehr wichtig ist. Er sagt sehr einfache Sachen in einer ehrlichen Sprache mit viel mehr Sensibilität als jemand, der vielleicht besser reden kann und das Gleiche meint.


Ihre Reparaturfahrten führen zu einer Reihe von Klient*innen. Auch hier die Frage, wie sie zu Protagonist*innen wurden. Wie lange haben Sie die Fahrten der Techniker begleitet, wie fiel die Entscheidung, wo Sie Ihre Kamera aufstellten?

PAVEL CUZUIOC:
Was die Klient*innen betrifft, war es gewiss eines meiner bisher anstrengendsten Projekte, weil ich an ca. 200 Türen geklopft habe. 70% haben aufgemacht, 5% davon waren interessante Begegnungen, die später im Film landeten. Die Techniker habe ich am Anfang von früh bis spät begleitet, immer die Kamera aufs Stativ gestellt und ihnen dann manchmal ein bisschen bei ihrer Arbeit geholfen. Nach diesen Recherche-Dreharbeiten ist mir klar gewesen, dass ich einfach die Techniker weiterhin so begleiten und auf die interessanten Kunden und Charaktere warten sollte. Irgendwann haben die Techniker auch verstanden, wonach ich suchte und sie haben von sich aus begonnen, die Klient*innen in Gespräche zu verwickeln. Ich bin mit mehreren Ideen ins Projekt hineingegangen, im Laufe der Zeit hat sich das reduziert und sich eine Kontur für mich abgezeichnet.  Dann findet man, was man sucht – das Außergewöhnliche in der Banalität.


Man hört Sie selbst nie Fragen stellen. Wie bereiten Sie also Ihre Gesprächspartner*innen auf den Take vor?

PAVEL CUZUIOC:
Ich habe diese Frage oft gehört, habe aber keine richtige Antwort dafür. Es gibt keine Technik oder Know-how dahinter. Ich „bereite” niemanden auf den Take vor. Ich kenne die Personen nicht, erkläre ihnen, was ich vorhabe und dann will ich aber nicht, dass sie die Wohnung aufräumen oder sich umziehen gehen. Die Situation ergibt sich irgendwie von sich selbst, oder vielleicht auch nicht.


Was haben Sie den Firmen gesagt, um die Erlaubnis zu bekommen zu filmen?

PAVEL CUZUIOC:
Ich sagte, dass ich den Beruf portraitieren wollte. Es ist nicht unbedingt ein außergewöhnlicher Beruf. Wir sind ja inzwischen alle Experten im Umgang mit Kabeln oder Modems geworden, diese Techniker machen es aber professioneller und vor allem schneller. Ich habe betont, dass das Wichtigste für mich die Kunden sind. Ich wollte herausfinden, wie die Menschen dazu stehen, dass mehrere Tablets, Smartphones am Tisch sind oder drei Fernseher gleichzeitig in der Wohnung laufen. Ich wollte mich keineswegs kritisch gegenüber der neuen Kommunikationstechnologie äußern und schon gar nicht gegen die Firmen etwas sagen. Ich wollte für mich selbst eine Antwort finden, wohin sich wohl alles bewegt. Bis jetzt habe ich diese nicht gefunden.


Sie machen selbst die Kamera und arbeiten dabei mit fixen Einstellungen. Diese Tableaus erzählen durch die Auswahl des Frames sehr viel mit: Wohnen – Architektur – Mensch – scheint eine Art Prämisse zu sein, aus denen sich individuelle und gesellschaftliche Aspekte vereinen lassen. Wie sieht in Ihrer spontanen Arbeitsweise die Suche nach dem idealen Frame aus?  

PAVEL CUZUIOC:
Ich musste mich entscheiden. Wenn ich viel alleine arbeite und gleichzeitig viel mit den Protagonisten kommuniziere, dann entsteht eine Ästhetik, wo die Dinge sich innerhalb des Kaders bewegen und nicht die Kamera sie sucht. Ich kann auch nichts wiederholen. Man muss das Framing konstruieren und sich genau überlegen, was man will. Das verlangt oft einen technischen Kompromiss. Vielleicht wird links zu viel Schatten oder der Fuß des Protagonisten proportional zu groß sein, weil die Optik nicht anders kann, aber ich habe zwei Protagonisten, die scharf sind und den Ton in guter Qualität.  So kann ich mich auf den Inhalt konzentrieren und Regie führen. Je weniger Aufhebens man macht, umso ungestörter agieren die Protagonist*innen. Ich sehe in dieser Art des Filmens eine Herausforderung. Wie gut ist man als Regisseur? Wie glücklich als Filmemacher? Umso schöner ist es, später im Schnitt herauszufinden, dass man vieles richtig gemacht hat. Der zweiten und dritten Schicht, die in einem Bild mitschwingt, messe ich auch große Bedeutung bei. Ob man eine Krähe im Off hört oder ein Wohnblock im Hintergrund ist. Wie schon erwähnt, jeder von uns ist ein kleiner Planet, aber jeder existiert auch in einer Galaxie. Jede zweite oder dritte Ebene in einem Kader ist eine wichtige Komponente, um den Vordergrund hervorzuheben.


Am Ende des Filmprologs und während des Titelbilds ist der Sound sehr präsent. Mozarts Musik zur rumänischen Ansage von „Bitte warten“ wird zu einem wiederkehrenden Motiv im Film. Wie sehr entstehen Ihre Ideen zum Sound direkt mit dem Dreh?

PAVEL CUZUIOC:
Für mich ist der Ton sehr wichtig. Das Sounddesign ist von Atanas Tcholakov, der sehr präzis verstanden hat, worum es geht. Ich behandle den Ton wie das Bild, d.h. ich will damit keine spekulativen Effekte hinzufügen. Man setzt im Sounddesign einen Akzent, aber bestimmt nicht den Inhalt. Da es um Telefonie und Kommunikation generell geht, war es mir immer wichtig, wie gut oder wie schlecht wir hören. „Wie kann man einen schlechten Ton im Film gut hören oder spüren?“, war eine Frage, die mich schon beschäftigt hat, bevor ich das Projekt gestartet habe. Der Aspekt des Wartens in Verbindung mit dem Film Bitte warten, hat sich nach und nach herauskristallisiert. Sobald ein Techniker eine Installation oder eine Reparatur erledigt hat, muss er das online oder per Telefon abschließen. Wenn sein Computerakku leer ist, muss er anrufen und hängt genau wie wir in der Warteschleife. Der rumänische Satz, der immer wieder in der Warteschleife zu hören ist, kombiniert mit Mozarts Zauberflöte, ist zum Leitmotiv geworden und verleiht eine Kontinuität. Dieser Film heißt Bitte warten und bereits mein letzter Film Secondo Me hatte als Arbeitstitel Das ewige Warten, weil die Garderobiers in den Theatern vor allem … warten. Ich nehme es ganz allgemein wahr, dass wir ständig auf etwas warten. Der Titel ergab sich aus dem rumänischen Standardsatz in der Warteschleife „Așteptați răspunsul operatorului”, der wortwörtlich lautet: Warten Sie auf die Antwort des „operator“.  Mein Gedanke war der, dass wir alle auf die Antwort eines „operator“ warten. Wer ist das? Es ist so abstrakt. Wer gibt uns die “Antwort auf alles”? Ist der „operator“ da oben? Oder eine Person? Wie wird es weitergehen? Mit der Entwicklung der Telekommunikation kommt auch das Warten in den Warteschleifen. Diesen roten Faden wollte ich für den ganzen Film behalten. Warten ist ein unangenehmes Gefühl und wir haben meist keinerlei Möglichkeit, es zu vermeiden. Wir beschreiten einen Sisyphus-Weg und haben oft nur in solchen Momenten Zeit, uns existentielle Fragen zu stellen. Ich will jetzt nicht zu philosophisch werden. Aber die Zeit in der Warteschleife ist eine „Limbo-Zeit“. So ist auch der Monolog am Ende des Films entstanden. Ich schlug Ghenadie vor, dass wir während dieser Wartezeit, in der immer derselbe Satz und dieselbe Musik laufen, ein Interview machen. Ghenadie verbalisiert, was er denkt. Metaphorisch ist es ein Warten auf eine ewige Antwort.


Es gibt gegen Ende hin eine kurz geschnittene Sequenz der Vertragsunterzeichnungen – ein narratives Element von vielen. Wie haben Sie im Schnitt die dramaturgischen Akzente gesetzt?

PAVEL CUZUIOC:
Es war nicht leicht, weil wir mehrere Ansätze gehabt haben, die eine interessante Perspektive eröffnet hätten. Wenn man die Struktur von Bitte warten mit einer gewissen Distanz betrachtet, dann repräsentiert sie einen Tag. Die Techniker fahren mit ihren Autos ins Büro, um Kundenlisten zu bekommen und der Tag endet mit der Unterzeichnung der Verträge, die belegen, dass alles gemacht wurde. Die Außendiensttechniker sind auch eine Art Advocatus Diaboli; Ghenadie stellt in seinem Monolog die Gerechtigkeit in der Welt in Frage, gleichzeitig bringt er die Kunden dahin, den Pakt mit dem Netzbetreiber zu unterzeichnen – mit dem Teufel, wäre zu viel gesagt – , aber mit der Welt, die uns unermüdlich vorwärts treibt. So viele Kunden, so viele Geschichten. Jede Unterschrift setzt auf ihre Art einen Schlusspunkt. Und ich wollte auch die Protagonist*innen nochmals vorkommen lassen. Ich habe zwei Monate mit Samira Ghahremani sehr intensiv am Schnitt gearbeitet, ich lasse mich dabei immer sehr vom Instinkt leiten und bin auch sehr stark eingebunden. Man könnte auch sehr dominant sagen. Da ich konzipiere, drehe und produziere, wird es wahrscheinlich zu einer kindlichen Obsession, obwohl ich sehr gerne mit jemandem anderen schneide und arbeite. Ein weiteres Element in Film ist eine kleine Hommage an den Abspann, den man ja meist nicht so gerne anschaut. Am Ende von Bitte warten ist eine Szene, wo auf einem Fernseher ein Abspann läuft und unser Abspann über diesen Bildern beginnt – sozusagen ein Abspann im Abspann.


Wie sehr brachten die Dreharbeiten Ihren persönlichen Bezug zur Region zum Schwingen?

PAVEL CUZUIOC:
Ich bin immer wieder gerne dort und nicht gerne dort. Ich mag die Menschen. Ihre Einfachheit. Es ist ein Teil von mir, von meiner Familie.  Die Grenzen in Osteuropa, wie generell in ganz Europa, sind teilweise verschwommen. Grenzen sind ja nur ein Konstrukt in unserem Kopf, es gibt sie ja nicht wirklich. Auf dieser Ebene sollte die Globalisierung arbeiten, nicht nur auf der makroökonomischen. Wir haben durch die Globalisierung etwas geschafft, aber nicht das Wichtigste.


Was wäre für Sie das Wichtigste?

PAVEL CUZUIOC:
Dass wir miteinander zurechtkommen, wie wir sind. Annehmen, kommunizieren… Klingt pathetisch, es geht wahrscheinlich aber nur so. Für mich ist Sprache immer wieder der Quell vieler Probleme. Deshalb habe ich wahrscheinlich auch entschieden, Filme zu machen.


„Kommunikation ist alles“, sagt der rumänische Priester, der auch über die spirituelle Verbindung des Wortes und des Seins zu reflektieren scheint. Bringt er das Problem mit der Sprache in gewisser Weise auf den Punkt?

PAVEL CUZUIOC:
Die Figur des Priesters repräsentiert für mich auch eine Form eines Mediums im kommunikativen Sinn, das lange bevor es Bücher oder Radio gegeben hat, durch seine Predigten Menschen manipuliert hat. Wir wollten eine Linie in seine Gedanken bekommen und da und dort einen Punkt setzen. Es war aber nicht möglich, er hat zwei Stunden gesprochen. Eine Logorrhöe. Er spricht schön, ohne dass man wirklich versteht, was er sagen will. Er verleiht sich selbst etwas von einem Propheten. Ich habe in dieser Sequenz absichtlich dann kitschige Bilder mit Tauben in Zeitlupe über den Himmel fliegend eingefügt, als kleinen Kommentar und um seine Wörter aufzulösen, ohne ihn zu diskreditieren. Wenn ich während des Filmens von Bitte warten zu einer Erkenntnis gelangt bin, dann war es die, dass wir uns nicht so ernst nehmen sollten. Wir nehmen uns viel zu wichtig.



Interview: Karin Schiefer
Juli 2020



«Der Ort spielt für mich nur insofern eine Rolle, als ich mich dort gut bewegen kann und die Sprachen kenne. Das sind die Voraussetzungen, damit ich gut forschen und sehen kann. Es geht bei mir immer um die Menschen. Ich möchte spürbar machen, dass wir alle gleich sind, und doch jeder für sich eine eigene Welt, ein kleiner Planet ist.»