INTERVIEW

«Sie ist zur Heldin wider Willen gewachsen.»

Heli, Barbara und ihre beiden Kinder sind eine fröhliche Familie. Nicht nur weil die Eltern beide ihren Lebensunterhalt als Clowns verdienen, auch weil vier Menschen gut füreinander da sind. Der Schnitt, den Barbara erfährt, als drei ihrer Lieben bei einem Autounfall ums Leben kommen, ist kaum vorstellbar. VIER MINUS DREI beruht auf einem realen Schicksalsschlag. Um seine Wucht nach und nach fassbar zu machen, lässt Adrian Goiginger Barbaras Leben davor und danach ineinandergreifen und so Raum für den Schmerz, aber auch für ihren Willen zum Neuanfang entstehen. 
 
 
VIER MINUS DREI ist das erste nicht von Ihnen selbst verfasste Drehbuch, das Sie verfilmen. Sind Sie Barbara Pachl-Eberharts Geschichte erst über ein fertiges Drehbuch begegnet oder bereits früher mit der Geschichte in Berührung gekommen?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Wir wollten mit 2010 Entertainment und Giganten Film in Deutschland den Film produzieren, aber ich wusste zu Beginn noch nicht, ob ich Regie führen möchte. Die Synopsis von VIER MINUS DREI habe ich erstmals zu einem Zeitpunkt gelesen, wo mein zweites Kind gerade auf die Welt gekommen war. In einer ersten Reaktion war mir die Geschichte einer Frau, die mit einem Schlag Mann und Kinder verliert, zu heftig. Ich habe aber den Autor Senad Halilbašić empfohlen, den ich durch andere Drehbücher schon kannte und dessen Zugänge ich immer sehr interessant gefunden habe. Ich hatte mir einen späteren Einstieg ins Projekt offen gelassen. Erst durch Senads erste Drehbuchfassung und seine Perspektive auf die Geschichte ist mir bewusst geworden, dass es vielmehr um die Hoffnung und das Leben nach dem Unfall geht, als um das Erzählen einer Tragödie. Das hat mir Lust gemacht, diesen Film zu machen. 
 
 
Eine Konstante zieht sich durch alle Ihre fünf Langfilme – Die beste aller Welten, Märzengrund, Der Fuchs, Rickerl: die Schnittstelle zwischen real existierenden Personen bzw. Ereignissen und deren Fiktionalisierung. Ist Ihnen die Verankerung in der Realität ein wichtiger Faktor in den Stoffen, die Sie erzählen?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Ich denke, ja. Es reicht ein realer Kern. Rickerl ist eigentlich sehr fiktional, dennoch haben wir uns an vielen Anekdoten und wahren Begebenheiten aus dem Leben von Voodoo Jürgens bedient. Sobald es einen realen Ansatz gibt, hat man etwas zu recherchieren und zu entdecken. Diese Vorbereitungsphase, wo man Gespräche führt, Foto- und Videomaterial zusammensucht, probt und versucht, tiefer in ein Thema einzutauchen, gehört zu den Phasen, die mir am meisten Spaß machen. Und es fällt mir bei Publikumsgesprächen auf, dass die meisten Fragen auf die reale Geschichte zurückgehen. Meinerseits ist da kein Marketing-Kalkül dabei, aber ich denke, dass Menschen von wahren Geschichten noch stärker berührt sind. 
 
 
Die Geschichte einer Frau, die durch einen Verkehrsunfall ihre ganze Familie verliert, bedeutet Erzählen des fast Unvorstellbaren und eine große Verantwortung gegenüber der real existierenden Person. Hat Ihnen das filmische Verarbeiten eigener familiärer Erfahrungen geholfen, eine besondere Sensibilität zu wahren?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Ich glaube, ich hätte den Film gar nicht machen dürfen, wenn Barbara Pachl-Eberhart nicht Die beste aller Welten gesehen hätte. Es hatte kurz nach Erscheinen ihres Buchs Vier minus drei schon einen ersten, letztlich gescheiterten Versuch einer Verfilmung gegeben. Die Gespräche mit Barbara waren sehr wichtig und ich habe diese Verfilmung auch deshalb als riesige Verantwortung erlebt, weil sie sehr stark am öffentlichen Leben teilnimmt. Es war für mich und zu einem späteren Zeitpunkt auch für Valerie Pachner klar, dass wir den Film nur gemeinsam mit Barbara Pachl-Eberhart machen können. Sie war in alle Phasen vom Drehbuch über Casting bis hin zu einem Setbesuch sehr stark involviert, weil es uns ein großes Anliegen war, dass sie hinter diesem Film steht. Wir hatten eine tolle Arbeitsbeziehung, bei der sie uns ein beeindruckendes Verständnis für die nötige Fiktionalisierung der realen Ereignisse entgegengebracht hat. 
 
 
Aus ihrem Buch Vier minus drei geht ein sehr spiritueller Umgang mit diesem Verlust hervor, aber auch ein starker Wille zum Lebensglück. Was macht Barbara Pachl-Eberhart aus Ihrer Sicht zur Protagonistin eines Kinofilms?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Senad und ich haben dieses Buch mehrere Male gelesen. Ihre spirituellen Reisen, die völlig nachvollziehbar sind, wollten wir im Film eher im Hintergrund lassen. Für mich geht es vielmehr um die Frage: Kann man wieder ins Leben zurückfinden und glücklich sein, nachdem einem das am schlimmsten Vorstellbare widerfahren ist? Das Buch hat seinen Fokus auf der inneren Gedankenstimme, wir hingegen wollten die Geschichte über konkrete Konflikte mit ihrem näheren Umfeld oder ihrem neuen Partner erzählen. Ich fand es spannend, dass sie zu einer Heldin wider Willen gewachsen ist. Wir hätten mit dem Drehbuch-Schreiben gar nicht begonnen, wenn sie uns in unseren Gesprächen nicht das Gefühl gegeben hätte, dass sie Lust auf diese Reise hatte und uns vertraute.
 
 
Fühlt man sich auch als Regisseur von so viel Emotion manchmal überwältigt? Wie findet man trotz des Blicks von Außen einen Umgang damit?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Es war ein unfassbar fordernder, emotionaler Dreh für alle: vor der Kamera wie hinter der Kamera. Ich habe nie zuvor auf meinen Sets so viele Menschen weinen sehen. Man ist permanent mit diesem traurigen Thema konfrontiert. Wir haben zwar versucht, nach dem Drehtag abzuschalten und uns abzulenken, aber man kommt nicht wirklich raus und ich hatte noch dazu zwei kleine Kinder zu Hause. Die Stimmung am Set war in gewisser Weise angespannt. Ich denke im Besonderen an die Szenen des Begräbnisses, wo die Komparserie und auch die Darsteller:innen der Hinterbliebenen, zwei Drehtage lang auf die Kindersärge mit den Fotos schauen mussten. Stefanie Reinsperger, die die Rolle von Barbaras bester Freundin spielt, hat uns auch darauf hingewiesen, wie ihr das unter die Haut ging. 
 
 
Die Erzählstruktur von VIER MINUS DREI besteht aus Flashbacks und den Ereignissen, wie es nach dem tragischen Einschnitt weitergeht. War es Ihnen wichtig, eine starke Spannung zwischen dem, wie es war und wie das Leben für Barbara weitergeht, aufzubauen? 
 
ADRIAN GOIGINGER:
Es ging mir einerseits um dieses Spannungsverhältnis und auch um diese zwei Welten und Leben, die sie geführt hat, die keine markantere Zäsur voneinander trennen könnte. Barbaras Buch ist stellenweise nicht chronologisch geschrieben. Es gibt tolle Referenzfilme, die Senad und mir als Vorbilder gedient haben, darunter Broken Circle Breakdown, Marriage Story oder Manchester by the Sea, die auch nicht linear erzählen, wodurch die Wirkung der Ereignisse aushaltbar wird. Wir haben das Drehbuch nicht chronologisch geschrieben, der Film wurde dann auch so gedreht, aber im Schnitt hat sich dann nochmals viele verändert und eine ganz andere Erzählstruktur ergeben. Wir haben uns den Spaß gemacht und uns eine chronologische Anordnung angeschaut: Es hat gar nicht funktioniert. VIER MINUS DREI ist ein Paradebeispiel dafür, dass manche Geschichten eine nicht lineare Erzählweise brauchen.
 
 
Ein sehr starkes erzählerisches wie cinematografisches Element bringt der Umstand ein, dass sowohl Barbara als auch ihr Mann als Clowns gearbeitet haben. Was bringt die Figur des Clowns – von der es an einer Stelle im Film heißt – Es ist Aufgabe des Clowns zu zeigen, dass es immer auch andere Sichtweise gibt –in eine filmische Erzählung ein?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Ich würde sagen, die Figur des Clowns bietet eine Chance und gleichzeitig eine Gefahr. Es gibt viele Menschen, die eine Aversion Clowns gegenüber hegen. Wir sind in der Vorbereitungsphase bei Pitchings oder bei Verleihern auf gemischte Reaktionen gestoßen. Es ist zunächst einmal eine tolle Welt, in die man eintauchen kann, man muss nur sehr vorsichtig vorgehen. Wir haben uns auch mit Literatur zur Clown-Philosophie beschäftigt und sind auch draufgekommen, dass es viele Clown-Filme gibt, die aufs Erste nicht als solche erkennbar sind; z.B. Toni Erdmann, wo sich der Vater eine Clownfigur schafft, um mit seiner Tochter wieder eine Beziehung aufbauen zu können. Wir hatten einen Clown-Berater, haben Straßenfestivals besucht und viele echte Clowns kennengelernt. Es war ein besonders bereichernder Aspekt der Recherche und als Regisseur war es für mich reizvoll, die Clown-Acts zu schreiben und auszuarbeiten. Das besonders Spannende an Barbara Pachl-Eberharts Geschichte ist, dass ihre Clown-Philosophie, die Dinge immer auch von ihrer Kehrseite zu betrachten, die sie und ihr Mann Heli gelebt und praktiziert haben, so sehr auf die Probe gestellt wird. Sie muss nach diesem Schicksalsschlag das anwenden, von dem sie zuvor behauptet hat, dass es ihr Leben ausmacht. 
 
 
Die Clowns bringen auch stark visuelle, tragikomische Facetten in die Bildsprache ein. Am eindrucksvollsten geschieht dies bei der Szene vom Begräbnis. Welche Erinnerungen haben Sie an die Dreharbeiten?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Das Begräbnis war besonders interessant. Es gibt viel originales Videomaterial vom echten Begräbnis – 2008 wahrscheinlich mit einem Camcorder aufgezeichnet –, das ich gesichtet habe. Auch wenn die Aussegnungshalle nicht unfilmischer hätte sein können, waren da sehr inspirierende Elemente dabei. Einiges davon haben wir übernommen und in eine Kirche und einen anderen Friedhof gesetzt. Die Begräbnisszene war gewiss die Szene mit dem größten Planungsaufwand. Ich denke, wir hatten an die 160 Kompars:innen, davon über 20 Clowndarsteller:innen. Wir hatten zwei Tage lang ein eigenes Clown-Casting gemacht. Zusammen mit dem Song Old Dan Tucker, der ein wichtiger Song für Barbara und Helis Familie war, ist daraus eine der Schlüsselszenen des Films entstanden.  Bei einem Testscreening habe ich hinter mir ein paar junge Frauen lachen gehört und ich war irritiert. Ich hab mich umgedreht und gesehen, dass sie gleichzeitig auch ganz verheult waren und das hat mich bestätigt: Lachende Tränen war genau die Reaktion, die ich mir gewünscht hatte. 
 
 
Heidi Appenzeller ist Barbaras Alter Ego als Clown. Diese Figur ermöglicht ihr, in heiklen Situationen aus ihrem Ich herauszutreten. Ist diese Figur eine Erfindung des Drehbuchs? Wie haben sich Valerie Pachner und Robert Stadlober in die Clown-Facette ihrer Rolle eingearbeitet?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Heidi Appenzeller war tatsächlich Barbaras Alter Ego, als sie als Clown gearbeitet hat. Wie Schauspieler in ihre Rolle, so schlüpfen auch Clowns in ihre innere Figur. In Wirklichkeit schüchterne Menschen werden in ihrer Clown-Rolle ganz extrovertiert, manchmal sogar aufdringlich. Wir hatten mit Jean-Paul Ledun einen Clownberater; er ist Franzose, lebt in Graz und hatte Heli, Barbaras Mann, gekannt. Er hat Valerie und Robert eine Art Crashkurs in Clownerie gegeben. Er sagt, ein Clown ist immer ein Clown, auch wenn er nicht auf der Bühne steht und verwendet dieses Alter Ego auch wie einen Schutzschild. Uns ging es auch darum, dass Valerie und Robert auch die Gedankengänge eines Clowns verinnerlichten. Es ist ja nicht meine Regie-Methode, jeden einzelnen Schritt vorzugeben. Ich wünsche mir, dass die Schauspieler:innen einen Prozess durchmachen, selbst zu ihrer Figur werden und eigene Ideen einbringen. Die Vorbereitung mit Jean-Paul hat das ermöglicht, Valerie und Robert haben die Bühnennamen von Barbara und Heli – Waldemar und Heidi Appenzeller – behalten, haben aber auch ihre eigenen Ideen eingebracht, Robert wollte ein lauter, Valerie ein verführerischer, romantischer Clown sein. Sie haben dazu noch ein intensives Techniktraining absolviert, vom Jonglieren, Inline-Skaten, Balancieren bis zum Improvisieren mit Gegenständen. Die Szenen im Krankenhaus, wo Barbara für die Rote-Nasen-Clowns gearbeitet hat, sind alle improvisiert. Wir haben das Krankenzimmer hergerichtet, wussten aber nicht, was passieren wird. Ich möchte da auch eine Lanze für die Roten Nasen brechen. Ich bin während der Recherche mit ihnen mitgegangen. Ich war so beeindruckt von dieser Arbeit; die Hoffnung und das Licht, das sie in jede Krankheitsgeschichte reinbringen, hat mich tief berührt. 
 
 
Valerie Pachner hat eine Rolle, in der sie komödiantische Facetten ihrer Kunst hervorkehrt, in der sie vor allem aber die enorme, unkontrollierbare Emotionalität der Trauer verkörpert. Worin sahen Sie die großen Anforderungen an diese Rolle? Wie haben Sie sie gemeinsam mit Valerie Pachner vorbereitet? 
 
ADRIAN GOIGINGER:
Es haben zwei Sachen zeitlich zusammengepasst. Ich war zum Zeitpunkt, als Terrence Malicks A Hidden Life rauskam, in dem Valerie die Frau von Franz Jägerstätter spielt, schon ein bisschen ins Vier minus drei-Thema eingelesen. Ich fand es hochbeeindruckend, wieviel Emotion Valerie Pachner in diesem Film mit so wenig Worten transportiert. Ich habe sie bei der Berlinale 2020 getroffen und ihr in einem langen Gespräch auch von dem Projekt, zu dem es zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ein Drehbuch gab, erzählt. Ich glaube nicht, dass sie es damals schon sehr ernst genommen hat. Als wir dann einen ersten Testdreh gemacht haben, hat sich mein Gefühl nur bestätigt, dass sie die richtige Besetzung für Barbara ist. So wie Valerie sich auf eine Rolle einlässt, das habe ich selten erlebt: emotional zu 100% in jeden Take, ohne Rücksicht auf Verluste. Der Editor, der alle Takes gesehen hat, konnte es nicht glauben, dass wir völlig ohne Tränen aus dem Maskenbild gearbeitet haben. Da muss man als Regisseur nicht mehr viel machen. 
 
 
Haben Valerie Pachner und Barbara Pachl-Eberhart einander kennengelernt?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Die beiden haben sich in einem längeren Gespräch ausgetauscht. Barbara hat sich auch erbeten, uns erst das OK für die Verfilmung zu geben, wenn feststand, wer ihre Rolle verkörpern würde. Valerie hat das gemeinsame Treffen erst sehr spät in der Vorbereitungsphase angesetzt, sie wollte zunächst für sich an der Figur arbeiten. Wenige Wochen vor Drehstart haben sie sich getroffen und Valerie hat dann noch einzelne Aspekte aufgenommen. 
 
 
Auch der weitere Cast mit Robert Stadlober, Stefanie Reinthaler, Petra Morzé, Margarethe Tiesel … besteht aus einer Zusammensetzung vom feinsten. Wie ist die Besetzung für VIER MINUS DREI gewachsen?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Für Robert Stadlober hat es auch keine Alternative gegeben! Er hat von der Persönlichkeit her eine Clown-Ader in sich, kann gut mit Kindern rumblödeln, ist ein toller und erfahrener Schauspieler, der gut improvisieren kann und er konnte den steirischen Dialekt perfekt. Stefanie Reinsperger hatte als beste Freundin von Barbara keine leichte Rolle, sie hat jene Person verkörpert, die sie emotional auffangen musste. Margarethe Tiesel ist Helis sehr religiöse Mutter. Petra Morzé hat beim Casting sehr beeindruckt. Mit ihr als Barbaras Mutter haben wir tolle Szenen gedreht, die leider im Schnitt rausgefallen sind. Hanno Koffler, der Barbaras neuen Partner spielt, hat sich im Casting gegen ebenfalls namhafte Kollegen durchgesetzt. Für diese Rolle wollte ich einen in Wien lebenden Deutschen erzählen. Hanno hat ganz viele gute Ideen und Impulse in seine Rolle als Friedrich miteingebracht. Valerie hat sich mit ihm sehr wohl gefühlt, was vor allem für eine der letzten Szenen, die wir in Acht-Minuten-Takes gedreht haben, sehr wichtig war.
 
 
Sie haben bereits mehrfach den Aspekt Improvisation erwähnt. Was hat Sie in Ihrer bewährten Zusammenarbeit mit Kameramann Paul Sprinz dazu bewogen, die Handkamera sehr stark zum Einsatz zu bringen?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Es ist inzwischen ein bisschen mein Stil geworden. Es hat mit Die beste aller Welten begonnen. In Der Fuchs kommt Handkamera weniger vor, weil wir das historische Setting eher gesetzt haben wollten. Aber Die beste aller Welten, Rickerl und Vier minus drei sind alle in einem ähnlichen Kosmos verankert. Ich mag es, mit Handkamera und eher nahen Einstellungen zu arbeiten. Bei Dialogen drehe ich gerne mit zwei Kameras parallel, damit Improvisationen gleich von beiden Seiten gecovert sind. Wir hatten auch wieder Kinder dabei, für die Rolle der Fini sogar eine noch nicht mal Zweijährige, die mich sehr beeindruckt hat, wie furchtlos sie mit der Kamera umgegangen ist. Mit Paul Sprinz habe ich schon vor Beginn meines Studiums zusammengearbeitet. Wir sind ein wirklich eingespieltes Team. Und wenn man Schauspieler hat wie Valerie Pachner, Robert Stadlober oder Hanno Koffler, die so viel geben und so drinnen sind in ihrer Rolle, dann habe ich das Gefühl, dass man ihnen gerne zuschaut, weil es ehrlich und ernst gemeint ist. Es ist mein Stil, nahe an den Figuren dran zu sein. Auch da gibt es viele Vorbilder, die uns inspiriert haben. Da habe ich nichts Neues erfunden. Handkamera hat den großen Vorteil, dass Schauspieler:innen eine gewisse Freiheit haben, sich spontan im Raum zu bewegen, ohne auf eine Marke achten zu müssen. Die Handkamera geht mit. In Die beste aller Welten mit einem Kind als Hauptfigur hatte ich keine andere Wahl. Inzwischen habe ich es lieben gelernt und verwende Handkamera auch dann, wenn nur Erwachsene da sind.
 
 
Sie haben zuvor erwähnt, dass sich der Umgang mit der Zeit trotz der nicht-lineraren Schreib- und Drehweise im Schnitt nochmals neu gestaltet hat. Was hat sich da in der Phase des Schnitts getan?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Das Einzige, was gleich geblieben ist, ist die Schlusssequenz. Alles andere haben wir auf den Kopf gestellt, neu sortiert und formiert und wieder zusammengebaut. Wir haben alle Szenen auf Karten ausgedruckt und dann auf einer Pinnwand rumgesteckt, bis es gepasst hat. So kamen wir erst darauf, den Unfall ganz an den Beginn des Films zu setzen und den Wunsch, die Tochter zurückzubekommen an den Midpoint. Während der Schnittphase haben wir immer wieder Testscreenings veranstaltet, um ganz frisches Feedback zu bekommen. Von allen meinen bisherigen Filmen hat sich bei VIER MINUS DREI im Schnitt am meisten verändert im Vergleich zum Drehbuch.
 
 
Mit der letzten Sequenz gehen Sie möglicherweise in eine Traumebene, auf alle Fälle in eine Ebene, die nichts mit der rationalen Welt zu tun hat. Welche Gedanken stehen hinter dieser letzten Szene?
 
ADRIAN GOIGINGER:
Schlussszenen sind mir in meinen Filmen besonders wichtig. Sie sind es, was hängen bleibt, wenn man aus dem Kino geht. Da setze ich mich selber immer sehr unter Druck, dass sie möglichst stark und ohne Dialog ist. Ich möchte, dass Schlussszenen sehr emotional sind und immer noch etwas verhandelt wird. Ich stand also vor der Frage, welcher Aspekt noch offen war, was Barbara noch zu erledigen hatte. Für uns war die Antwort, dass sie noch immer nicht von ihrer Tochter Abschied genommen hat. Da sie es als  Barbara nicht schaffte, muss sie es als Heidi Appenzeller tun. Dazu fällt mir nochmals Toni Erdmann ein, wo die Hauptfigur es nicht schafft, ihren Vater zu umarmen. Erst als er ihr verkleidet gegenübertritt, schafft sie es, Nähe aufzubauen. Luftballons ziehen sich in ihrer Bedeutung durch den gesamten Film. Wir haben die Symbolik des roten Ballons, der von Beginn an für die unerreichten Ziele und unerfüllbaren Wünsche steht, aufgegriffen und es schien uns das richtige Ende, dass sie auf diesem Weg Abschied von ihrer Tochter nimmt und deren Seele ziehen lässt. Das alles musste dann noch in einen Clown-Act verpackt werden, was nicht so einfach ist, weil er im Film nicht so lange dauern darf wie auf der Bühne. Ich habe darauf gebaut, dass Arash Safaian eine gute Filmmusik dazu schreibt. Da es am Ende keinen Dialog und nicht mehr viel Aktion gibt, schreit die Szene nach Score, aber es darf dann auch auf keinen Fall zu viel oder zu kitschig sein. Arash Safaian hat auch schon die Musik zu Der Fuchs komponiert, deswegen kannten wir den Prozess schon und konnten viele Ideen austauschen.
 
 
Interview: Karin Schiefer 
November 2025




«Dieser Film ist ein Paradebeispiel dafür, dass manche Geschichten eine nicht lineare Erzählweise brauchen.»