Eine Unachtsamkeit, eine Kante, ein Abgrund. Jessis Fall im Morgenlicht. Ihre kleine Schwester, ihre Mutter, ihr Freund müssen
plötzlich mit ihrer Abwesenheit leben. Sandra Wollners Kino ist kein Erzählen im (klassisch) narrativen Sinn, sondern vielmehr
ein Spüren und Ergründen von Zuständen und Wahrnehmungen, von Versuchen, mit dem Verlust eines Menschen einen Modus vivendi
zu finden. In EVERYTIME verschränken sich Erinnerungen und eine nicht gelebte Zukunft in einer entrückten Realität, die angesichts des Unfassbaren
das Undenkbare zulassen kann.
Zu Beginn von EVERYTIME hört eine kleine Schwester nicht auf, sich ihrer großen Schwester gegenüber zu beschweren, dass sie
immer benachteiligt sei, zu wenig Platz, zu wenig Privatsphäre ... Familie erscheint zunächst als dynamischer Ort der Positionskämpfe
und erweist sich zugleich als feste Ordnung, die durch das Fehlen eines Elementes schwer irritiert wird. Hat Sie eine Reflexion
über das System Familie in den Anfängen des Drehbuchs von EVERYTIME beschäftigt?
SANDRA WOLLNER: In der ersten Szene werden wir mitten in das ganz normale Chaos einer Familie geworfen: Zwei Schwestern, die sich kabbeln,
immer und überall, die Mutter, die in der Warteschleife einer Airline hängt und versucht, das Leben zu organisieren. Man streitet
sich über zu wenig Platz, über das Essen – ein dauernder Austausch über seinen Platz in der Welt. Währenddessen hat im Off
jemand einen Unfall, alle drehen sich danach um, aber niemand bleibt wirklich stehen, weil es niemanden sonst betrifft. Das
ist das Leben eines anderen. Mich hat das Chaos interessiert, das Nebeneinander von gelebten Leben. In den Anfängen des Buches
standen drei Charaktere: Ella, Melli und Lux. Es sind die Nachbilder von Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe,
die auf jeden Fall eine Inspiration für diesen Film waren. Aber diese Nachbilder haben ein Eigenleben entwickelt und sind
zu autonomen Figuren geworden, denen ich gefolgt bin.
Die ersten Bilder auf Ella und ihre zwei Töchter werden scheinbar durchs Blätterdickicht aufgenommen. Welche unsichtbare Instanz
ist in EVERYTIME am Beobachten?
SANDRA WOLLNER: Diese Frage ist immer eine der wichtigsten für mich. Wer schaut da überhaupt zu? Im Kino wird immer der zutiefst menschliche
Wunsch des Gesehen-Werdens bedient. Wir beobachten Figuren auf der Leinwand, und zu einem Teil ist das vielleicht deshalb
so lustvoll, weil es in gewisser Weise die Möglichkeit impliziert, dass auch wir von jemandem gesehen werden – dass das, was
uns widerfährt, von einer Art neutralen Instanz beobachtet wird. In EVERYTIME ist es eben jene unbenannte Instanz – vielleicht
Gott, vielleicht ein Geist, vielleicht die Existenz selbst oder ein erweitertes Ich –, die unsere Figuren beobachtet. Es ist
kein sehr emphatischer Blick, es ist ein Blick, der das Computerspiel genauso ernst nimmt wie die Tragödie, die sich vor seinen
Augen abspielt. Und ob echte Blätter rauschen oder virtuelle, macht dabei keinen Unterschied. Für diesen Blick sind unsere
Bedeutungen, das, was wir eine Geschichte nennen, nicht relevant. Das ist das Spannungsfeld zwischen dem Umstand, dass wir
uns selbst zu den Protagonist:innen der Existenz zählen müssen, und der Tatsache, dass wir für das Universum selbst lediglich
Statist:innen sind.
Der Verlust eines Kindes, das jähe Ende einer jungen Existenz könnte man als einen der verbindenden Aspekte zwischen Ihrem
letzten Film The Trouble With Being Born und EVERYTIME erkennen. Was bewegt Sie an diesem Topos?
SANDRA WOLLNER: Auch in meinem ersten Film Das Unmögliche Bild waren Kindheit und Tod schon Thema. Oder der kindliche Blick auf den Tod.
Das ist ein Blick, der mich anzieht und mir wahrscheinlich eine gewisse Neugier erlaubt. Oder eine Offenheit. Dass es immer
Kinder sind, mag daran liegen, dass sie dieses Leben, wie auch ich, noch nicht vollumfänglich erfassen können. Dass sie die
Welt gewissermaßen ohne Vorurteil und ohne Konzepte, die das Reale einhegen könnten, betrachten. Und gerade in Bezug auf den
Tod kommt es mir nicht so vor, als enthielte ein erwachsener Blick darauf eine Erkenntnis, die einem Kind nicht auch zugänglich
wäre. Anekdotisch hängt das vielleicht auch mit eigenen kindlichen „Todeserfahrungen“ zusammen – es gab mehrere Situationen,
wo ich relativ knapp daran vorbeigeschrammt bin; eine davon war tatsächlich ein schwerer Unfall nach einem Sturz aus einiger
Höhe. Ich erinnere mich lediglich an den Fall, nicht an den Aufprall. Ich glaube, dass mich dieser Topos aber auch interessieren
würde, wenn ich diese Erfahrungen nicht gemacht hätte.
Visuell könnte Jessies tragischer Unfall aufs Erste auch eine Phantasie, der Friedhof auf den ersten Blick ein Garten sein.
Die Trauer von Mutter und Mellie ist zunächst kaum wahrnehmbar. Auslassung ist ein zentrales Stilmittel in EVERYTIME. Es scheint
Ihnen einerseits ums Umgehen von Seh- und Erzählgewohnheiten zu gehen, ebenso viel hat es, so scheint mir, auch mit Ihrem
cinematografischen Umgang mit der Realität zu tun: das Berühren des Unbewussten, ihr Umgang mit Vorahnungen, das Verschieben
des Fokus, das Schaffen von Unsicherheit, die Unschärfe im Bild.
SANDRA WOLLNER: Der Übergang zwischen Jessies Unfall und dem, was folgt, steht für mich eher für eine lange Taubheit, ein langes Schwarz,
eine Zeit, die wir nicht zeigen, die Wochen, Monate direkt danach, eine Taubheit, aus der Ella erst wieder zu sich kommen
musste. Der Schmerz, der immer unter der Oberfläche wabert, auch wenn die Oberfläche alltäglich ist, auch wenn es zum Alltag
wurde, ans Grab zu gehen und nebenbei ein Arbeitsgespräch zu führen. Ich habe einige Zeit auf Friedhöfen verbracht und ein
Bild, das sich mir einprägte, waren die Plastikstühle und Tische an denen gegessen wurde, auch neben den Kindergräbern.
Entscheidende Ereignisse passieren zu Sonnenauf- oder Sonnenuntergang. Jessies Boyfriend heißt Lux. Jessie ist möglicherweise
der Anziehung des Sonnenlichts gefolgt, die Sonne, die auf Teneriffa nicht untergehen will, nimmt die Form einer Leinwand
an. Welchen Dialog mit dem Licht führen Sie als Filmemacherin in EVERYTIME?
SANDRA WOLLNER: Jessie steht zu Beginn des Films auf diesem Dach, völlig beeindruckt vom Sonnenaufgang oder von einem Gefühl dazu – dies
nach einer langen Nacht und auch gewissen Substanzen, die sie genommen hat. Das letzte Foto, das sie in ihrem Leben macht,
zeigt dann diesen Sonnenaufgang, ein recht banales Bild, wie wir es hundertfach gesehen haben. Ein digital reingezoomter Pixelbrei
von einer orangefarbenen Sonne. Die Frage, was sie wohl zuletzt gesehen hat, was sie gefühlt hat, treibt ihre Mutter dazu,
dieselben Drogen zu probieren. Und das hat, über Umwege, im letzten Akt des Films gewisse Auswirkungen – was dann mit der
Sonne passiert, ist nur eine davon.
Ich bin erst, nachdem ich das Buch geschrieben hatte, auf Yoko Onos Arbeit Sunpiece gestoßen. Ich leihe mir ihren Satz aus,
denn er bringt sehr gut auf den Punkt, was in EVERYTIME passiert: Watch the sun until it becomes square. Man kann es als eine
Art Meditationsübung verstehen. In EVERYTIME werden wir ganz zum Schluss – nachdem die Reise eigentlich zu Ende zu sein scheint,
nachdem teilweise unverarbeitete Trauer wieder hochgekommen ist, sich ausgebreitet und nichts Neues, nichts Abschließendes
zutage gebracht hat –, Zeuge der Werdung einer Manifestation, einer „Merkwürdigkeit“: Das Universum – so kann man es wahrscheinlich
ausdrücken – faltet sich zusammen und bildet eine neue Realität, in der alte Mini-DV-Aufnahmen ein seltsames Eigenleben entwickeln.
Etwas, was eigentlich nicht sein kann, ist die Folge von Jessies Unfall und Tod: Auch ihr Tod ist etwas, das eigentlich nicht
sein kann. Oder nicht sein darf. Dieses Gefühl nach einer Tragödie: die Unverarbeitbarkeit. Why does the sun go on shining?
Wie kann es sein, dass die Welt sich nach so einer Tragödie einfach weiterdreht? Eigentlich müsste die Sonne stehen bleiben.
Stattdessen hängt sie da und leuchtet weiter als wäre nichts geschehen. Ich möchte das Ende nicht erklären oder vorwegnehmen,
nur so viel: dass die „Merkwürdigkeit“, die für unsere Hauptfiguren die Welt auf den Kopf stellt, sich auch in der Sonne manifestiert
und damit sozusagen für alle anderen sichtbar wird, war mir wichtig – unter anderem, damit man das, was man sieht, nicht einfach
als Traum oder Trip abtun kann.
Die schroffe, vulkanische Landschaft der Kanarischen Inseln ist die prägende Landschaft des Films, die auch in einem Computerspiel
vorweggenommen ist. Ein Ambiente, das per se eine Unruhe erzeugt und die Landschaft ist es auch, die in EVERYTIME die Verschmelzung
zwischen realer und virtueller Welt ermöglicht. Welche Gedanken haben zur Wahl dieser Landschaft geführt und zu ihrer zu dieser
Duplizierung auf der virtuellen Ebene geführt?
SANDRA WOLLNER: Tatsächlich war das Spiel zuerst da. Ein wichtiges Element in EVERYTIME ist ein Sandboxgame – die ganze Welt besteht aus
Würfeln, oder wenn man zweidimensional darauf blickt, Rechtecken/Quadraten. Die klaren Strukturen einer „Engine“, in der das
Atom – die kleinste Einheit, das, woraus die Welt besteht – sozusagen immer sichtbar ist. Hier besteht sie aus kleinen Quadern.
Sie sind allgegenwärtig, unterschiedlich texturiert, aber immer gleich groß, gleichförmig. Es hat etwas gleichermaßen Beruhigendes
wie Unheimliches, das Wesen der Dinge so zu sehen – als Variante eines endlosen Duplo-Sets. Ich bin während der Recherche
nach Teneriffa gefahren, weil ich wusste, dass es in diesem „Familienurlaub“, der nie stattgefunden hat, enden sollte, und
habe mich dort in einen Ort verliebt. Punta del Hidalgo im Norden des Landes, ein Fischerdorf, direkt angrenzend an Chinamada,
die Bergkulisse, die unsere Figuren von unten und oben bestaunen. Die ästhetischen Parallelen zum Spiel haben sich also wie
von selbst ergeben.
Ein wiederkehrendes architektonisches Element sind uniforme Haus-Fassaden, Sind es für Sie Symbole dessen, was uns verborgen
bleibt?
SANDRA WOLLNER: Ja – und Symbole dafür, dass dahinter all diese Leben stattfinden, mit denen wir nichts zu tun haben, an denen wir vorbeiziehen,
ohne jemals in Berührung mit ihnen zu kommen. Hinter diesen Fenstern sind Dutzende Welten und hinter den Köpfen, die hinter
diesen Fenstern sind, sind unendlich viele Gedankenwelten. Als Jessie stirbt, stirbt ein ganzer Kosmos mit ihr. Das Gleiche
gilt natürlich für all die namenlosen Bewohner:innen hinter all diesen Fenstern.
Ein wesentliches Thema Ihres Erzählens – das Erinnern – ist von digitalen Geräten bestimmt: der SMS-Verlauf zwischen Mellie
und Jessie erhält die Verbindung lebendig. Schlampig gemachte Selfies, Fotos, Videos transportieren eine Erinnerung, die eine
Person nicht in ihrer Tiefe wiedergibt. EVERYTIME stellt uns auch vor die Frage: Was wissen wir voneinander innerhalb einer
Familie? Wie fremd bleiben wir uns? Wie sehr ist die Technologie dafür verantwortlich, dass wir so viel und so wenig voneinander
wissen?
SANDRA WOLLNER: Es gibt natürlich die Auslagerung des Ichs in digitale Geräte – sie sind nicht nur Prothesen für unsere Körper, Mittel für
Identitätsausdruck, sondern auch eine Art Friedhof – und etwas weitaus Merkwürdigeres. Melli scrollt durch alte Nachrichten
ihrer verstorbenen Schwester und hat dadurch das Gefühl, ihr nahe zu sein. Sie führt ein Tagebuch, indem sie ihr weiterhin
SMS schreibt, sie punktuell über ihren Gefühlszustand informiert. Sie weiß, dass ihr niemand antworten wird, dass niemand
ihre Nachrichten „sieht“ – aber das Interface der früheren Interaktion lässt diese Illusion für einen Moment zu. Was kann
denn die Tiefe einer Person tatsächlich wiedergeben? Die Erinnerung an meinen verstorbenen Vater zum Beispiel ist mir wichtig
und lässt mich ihn nahe bei mir halten, aber kann sie die Tiefe seiner Person besser wiedergeben als das Foto, das in irgendeinem
Fischereiverein von ihm hängt? Ich denke manchmal, wir sprechen von Technik in einem Sinne, dass sie uns angeblich Dinge verlieren
macht, die wir im Grunde noch nie hatten. Erinnerungen können so akkurat wie ein hochaufgelöstes Bild sein – oder so schlampig
oder pixelig oder banal oder „falsch“ wie die meisten Bilder auf unseren Smartphones. Nun, auf meinem zumindest.
Welche Gedanken haben Sie in der Beziehung zwischen Lux und Ella, Jessies Mutter, beschäftigt?
SANDRA WOLLNER: Wir sehen zwei Menschen, die versuchen, für sich und auf ihre Art alles richtig zu machen, aber die nicht ehrlich sind –
vor allem nicht zu sich selbst. Sie trauen sich gar nicht, ihre innersten Bedürfnisse auszusprechen. Im Grunde will Lux Vergebung
von Ella, die sie ihm nicht geben kann. Weil sie natürlich nicht in der Lage ist, ihm dafür zu vergeben, dass er dabei war,
als ihre Tochter gestorben ist und dass sie ohne ihn noch am Leben wäre. Das steht nicht in ihrer Macht. Als all das dann
mehr oder weniger ausgesprochen wird, ist nichts gelöst. Sie müssen in diesem Zwischenzustand leben. Oft gibt es mehr als
eine Wahrheit im Leben. Ich habe das Gefühl, dass wir meistens nicht besonders gut darin sind, diesen Umstand auszuhalten,
weil mehrere widersprüchliche Wahrheiten uns im schlimmsten Fall handlungsunfähig machen. Ella und Lux befinden sich in genau
dieser Misere. Sie machen auf ihre Art das Beste daraus – und scheitern.
EVERYTIME interessiert sich über die Figur der Melli besonders für die Kindheit als eine eigene, starke Welt. Kinder, die
ihr Ding ohne die Erwachsenen machen, Kinder, die eine starke Selbstbestimmtheit haben und auch ihre Ansprüche artikulieren.
Es erzählt auch vom Alleinsein der Kinder, vom Im-Stich-gelassen-Werden durch die Erwachsenen, vom frühen Übernehmen erwachsenen
Verhaltens.
SANDRA WOLLNER: Ja, ich bin sicher, manche werden es so lesen. Ich selbst habe es immer als Zeichen von Mellis Autonomie gesehen, nicht als
ein Im-Stich-gelassen-Werden. Alle versuchen, einen Umgang mit ihrer Trauer zu finden. Wir sehen Ella nicht, wie sie mit Melli
darüber spricht, aber die Art und Weise, wie sie die Trauer in ihrem Alltag eingebettet haben, zeigt mir, dass sie darüber
gesprochen haben. Sie schauen sich gemeinsam alte Kindervideos von Jessie an, gehen immer freitags nach der Schule gemeinsam
ans Grab. Melli hat ihren eigenen Umgang mit ihrer Trauer, eben in diesem Tagebuch, im WhatsApp-Verlauf auf ihrem Telefon.
Ella weiß davon und sieht auch nach ihr, aber sie lässt es ihr Ding sein. Ich hatte nicht den Eindruck oder die Erzählintention
einer Mutter, die ihr Kind mit diesem Gefühl alleinlässt – sondern eine, die verstanden hat, dass jeder Mensch seinen eigenen
Umgang, seine eigene Perspektive hat. Natürlich sehen wir nur Schnipsel, nur Ausschnitte aus diesem Prozess. Gleichzeitig
wird Melli im letzten Viertel des Films zur Hauptfigur, ja sogar zur Erzählerin. Sie übernimmt, auf eine fast traumwandlerische
Art, die „Trauerarbeit“, die die Erwachsenen nicht ohne sie machen konnten. Das heißt nicht, dass sie etwas verstanden hat,
was z.B. ihre Mutter nicht verstanden hat. Aber sie hat die Perspektive eines Kindes, das den Tod ihrer Schwester notwendigerweise
anders verarbeitet, als dies ein Erwachsener tut.
Kinder sind es aber auch, die eine Leuchtrakete abschießen und den Sonnenuntergang verzögern (vielleicht eine Generation,
die das Unaufhaltsame aufhalten kann?). EVERYTIME zeigt üppige Vegetation in Park, Friedhof, Wald, aber auch auf die Transformation
der Natur (im Computerspiel), hohe Temperaturen, letztlich eine Sonne, die nicht untergeht. Haben Sie ökologische Veränderungen
und Bedrohungen bewusst im Hintergrund mitschwingen lassen?
SANDRA WOLLNER: Ich habe es nicht ökopolitisch geschrieben, ich gehe an Stoffe nicht nach einem bestimmten Thema heran, aber natürlich hat
die Welt und natürlich haben die Vorstellungen dieser Welt einen Einfluss darauf, was ich zeigen will. Ich habe vorher an
einem anderen Stoff gearbeitet, People in the Sun, in dem es um ein Hotel am Rande eines vertrockneten Ozeans geht; eine Welt,
in der die Sonne nicht mehr untergeht. Und beim Schreiben an EVERYTIME gab es plötzlich diese Querverbindung. Ich versuche
beim Schreiben tatsächlich dem Schreiben Platz zu lassen und nicht alles auf Dramaturgie-Merkmale oder gar auf eine Art Botschaft
abzuklopfen. Oftmals treibt mich der Klang eines Satzes in den nächsten und er steigt aus irgendeinem Unbewussten auf. Natürlich
gibt es auch die „normale“ Bucharbeit, in der man dann analysiert: Wo steht welche Figur gerade, was „bedeutet“ das hier eigentlich,
wenn man es auf der Leinwand zeigt? Aber viel Arbeit besteht darin, vor allem diese unerklärbaren Phänomene in ein fluides
Ganzes, in ein bestimmtes Erlebnis münden zu lassen, so eigenartig dieses auch sein mag. Das stößt dann manche vor den Kopf,
weil ja nicht unbedingt das passiert, was sie erwarten. Aber genau darum geht es mir. Das Kino als Ort für „Unzulässigkeiten“,
für das Reale zu verstehen – weil diese Dinge uns auf etwas stoßen, wofür wir unzureichende Begriffe haben.
EVERYTIME ist eine Geschichte, die sehr in unserer aktuellen Zeit verankert ist. Welche Gedanken haben Sie zur Wahl des viel
breiter gefassten Titels geführt?
SANDRA WOLLNER: EVERYTIME ist der Kosmos, in dem im Grunde alle meine drei bisherigen Filme spielen. Eine Vergangenheit, die auch eine Zukunft
sein könnte, der Ort, in dem Erinnerung und Vorstellung sich verschränken, jene Art Vorstellung, die uns eine eigene, entrückte
Realität ermöglicht; jener Ort, der uns einen eigenen Erfahrungshorizont zeigt, in dem eine Sonne viereckig sein kann, nicht
untergeht und in dem ein Kind zurückkommt – wie als Ausweis einer unerträglich starken, letztendlich unauflöslichen „Sehnsucht“.
Das ist ein sehr deutsches Wort zu einem sehr metaphysischen Begriff – aber ich glaube, es geht um Bindung, um unser „Attachment“,
unsere Erinnerung an alles, was uns wichtig ist und uns „menschlich“ macht. Am „menschlichsten“ von allem ist vielleicht das:
Diese sinnlose Hoffnung, dass alles, was uns wichtig ist, sich gewissermaßen einschreibt in eine Art Ewigkeit, in eine Gleichzeitigkeit
– in eine Gleichzeitigkeit der Vergangenheit, unserer Erinnerungen, unserer Hoffnungen und Träume, und unserer tatsächlichen
Zukunft.
Interview: Karin Schiefer
April 2026






