Mit nichts scheint Al stärker verwachsen zu sein als mit seinem Wiener Leben. Er wohnt im Haus seiner Kindheit, in der Stadt,
die er noch nie verlassen hat. Seine Musik kommt jedoch von anderswo. Der Gitarrist hat die Blues-Rhythmen des Mississippi-Deltas
verinnerlicht, als hätte er sie dort aufgesogen. Sein geliebtes Wiener Zuhause strotzt vor Nostalgie und Erinnerung – an seine
besten Jahre, an seine große Liebe. Doch am Wiener Wohnungsmarkt gibt’s keinen Platz mehr für Träumer wie ihn. Tizza Covi
und Rainer Frimmels THE LONELIEST MAN IN TOWN ist eine Hommage an den Widerstandsgeist und eine Absage an den Kompromiss.
Manchmal werden Menschen, die Sie schon sehr lange kennen, Protagonist:innen Ihrer Filme, manchmal führt eine eher punktuelle
Begegnung zu einer Zusammenarbeit. Wie steht es mit Ihrer Verbindung zu Al Cook?
RAINER FRIMMEL: Al Cook gehört zu den Protagonist:innen, mit denen uns schon eine sehr lange Beziehung und Freundschaft verbindet. Wir haben
sein Leben in zahlreichen Gesprächen entdeckt, lange bevor eine Filmidee im Raum stand.
TIZZA COVI: Es war uns bewusst, dass ein Film mit ihm ein sehr schönes, aber auch schwieriges Projekt sein würde, weil er ein sehr eigenständiger
Künstler mit unverrückbaren Meinungen ist und jemand, der alles unter Kontrolle halten will. Er hat seine künstlerische Arbeit
von jeher allein in der Hand: angefangen von der Produktion, seinen Musikstücken, die er selbst singt und spielt, bis zur
Aufnahme und der Gestaltung des Plattencovers. Seine künstlerische Arbeit ist ähnlich wie unsere. Er arbeitet vor allem im
Ein-Personen-Team, Auftritte bestreitet er oft alleine, er hat aber auch eine treue Band. Natürlich wollte er auch die Filmarbeit
mitbestimmen und es gab ein langes Hin und Her, bis er unserem Zugang vertraut hat. Wir haben versucht, ihm zu vermitteln,
dass er ein Protagonist sein würde, der in einer gewissen Weise sich selber spielt, aber auch Identifikationsfigur für viele
andere Menschen sein würde, die ähnliche Situationen durchmachen. Es war auch von Anfang an klar, dass dies ein Spielfilm
mit geschriebenen Szenen werden würde.
RAINER FRIMMEL: Was uns fasziniert hat, war dieser starrsinnige, kompromisslose Künstler, dieser begnadete Blues-Gitarrist, der teilweise
in sehr kleinem, dann wieder in größerem Rahmen auftritt und kompromisslos seine Vorstellung von Musik durchzieht, selbst
sein Kleidungsstil hat etwas ganz Aus-der-Zeit-Gefallenes. Für uns ist er ein Sinnbild für all jene, die durch große Authentizität
vielleicht die große Sicht- oder Hörbarkeit einbüßen. Das ist eine Frage, die auch wir uns immer wieder stellen: Inwieweit
muss man kompromissbereit sein, um etwas zu erreichen?
Gab es die Überlegung, vergleichbar mit Aufzeichnungen aus dem Untergrund über Kurt Girk und Alois Schmutzer einen Dokumentarfilm
zu drehen oder war Fiktion immer die Option, die besser zu Al Cook passte?
TIZZA COVI: Ja, es war uns ganz klar, dass wir einen Spielfilm machen möchten.
Al Cook hat seine Lebensgeschichte, die er sehr gerne erzählt, in einer sehr umfassenden Autobiografie dargelegt. Dass diese
Biografie nur eine geringe Rolle in der filmischen Erzählung spielen würde, stand für uns fest. Es war uns darüber hinaus
ein Anliegen, einmal einen Film mit wenig Dialog zu machen, besonders weil es im Film um Einsamkeit und Verlust geht, beides
Themen, die schwer in Worten zu fassen sind.
Wie kann man für jene, die ihn nicht kennen, Al Cook als Musiker charakterisieren?
TIZZA COVI: Al Cook hat mit ungefähr vierzehn Jahren mit der Musik begonnen. Sein Schlüsselerlebnis war ein Kinobesuch, wo er erstmals
Elvis Presley gesehen hat. Dieser Moment war richtungsweisend für ihn. Wegen eines Nachbarn, der immer bei offenem Fenster
Blues-Platten gespielt hat, erkannte er, dass dies die Musik ist, über die er sein Innerstes ausdrücken kann. Er hat nichts
anderes als den Blues gehört, gespielt und gelebt.
RAINER FRIMMEL: Er hat sich alles autodidaktisch beigebracht, die Musikinstrumente, das Englisch mit dem Südstaaten-Akzent, obwohl er sein
Leben lang nie in den USA war. Seine jetzige Frau Brigitte meint nicht zu unrecht, dass Al Cook der Karl May der Musik ist.
Die Aufnahmen aus seiner erfolgreichsten Zeit in den späten sechziger und siebziger Jahren zeigen, dass er auch eine internationale
Karriere hätte machen können, wenn er nicht zu kompromisslos gewesen wäre.
Waren seine Wohnung und auch sein im Keller eingerichtetes Studio so bildstark, dass sie das Thema des Zuhause-Seins ins Zentrum
der Erzählung gerückt ist?
TIZZA COVI: Sein Kellerstudio, in dem er sich sehr viel aufhält, war uns sehr wichtig. Es hat etwas von einem geheimen Rückzugsort und
gab uns deshalb die Möglichkeit, ins Innere seiner Persönlichkeit hineinzuschauen. Die Wohnung, in der er geboren wurde und
in der er weiterhin lebt, erzählt auch aus einer anderen Zeit. Wohnung und das Kellerstudio sind beide wichtige Protagonisten.
Das Thema des unfreiwilligen Wohnungsverlusts war naheliegend, da in Wien momentan sehr viele alte Häuser abgerissen werden
und mit langjährigen Mietern oft sehr rücksichtslos umgegangen wird.
RAINER FRIMMEL: Es ist ein Kampf gegen eine unsichtbare Macht, die sinnbildlich für sein ganzes Leben steht, das von Widerstand gegen Wandel
und neue Entwicklungen bestimmt ist. Wir haben diesmal zum ersten Mal mit Ausstattern gearbeitet, Lotte Lyon und Christian
Gschier, und waren sehr glücklich darüber. In unseren bisherigen Filmen haben wir viel dokumentarischer gearbeitet, da haben
wir die Räume so genommen, wie wir sie vorfanden. Da Al seine Wohnung schon für die bevorstehende Renovierung geleert hatte,
haben die Ausstatter gemeinsam mit Al alle seine Objekte durchforstet und reduziert wieder aufgebaut.
Eure Filme, die in Wien verankert sind, erzählen immer von einem Wien, das am Verschwinden ist. Sind die Bagger, die Tag und
Nacht alte Bausubstanz zerstören, das Symbol dafür?
TIZZA COVI: Ja, selbstverständlich, diese Bilder erzählen den Wandel der Stadt mehr als alles andere, auf einer ganz emotionalen Ebene.
Was geht Ihnen in letzter Zeit an der Stadt verloren?
RAINER FRIMMEL: Ich finde, Wien macht gerade eine sehr spannende Entwicklung durch. Die sehr gemischte Bevölkerung wächst und bekommt etwas
vom Wien der Jahrhundertwende um 1900, wo die Stadt auch zwei Millionen Einwohner gehabt hat.
TIZZA COVI: Schön finde ich, dass es in Wien immer noch Oasen für viele verschiedene Persönlichkeiten und Kulturen gibt. Wir sitzen jetzt
z.B. im Café Weidinger, auch eine Oase für viele Menschen. Es ist zum Glück nicht alles im Verschwinden begriffen, auch wenn
es mir um jedes Kino, jedes alte Kaffeehaus, das schließt, sehr Leid tut.
THE LONELIEST MAN IN TOWN erzählt von einem Menschen, der sein „kleines“, bescheidenes Leben führt und ohne zu reisen, sich
die Welt des Blues des Mississippi-Deltas angeeignet hat. Ist der Film, der auch von der Einsamkeit erzählt, nicht in erster
Linie die Geschichte einer gelebten Leidenschaft?
TIZZA COVI: Das ist schön gesagt, es ist eine Geschichte über gelebte Leidenschaft, denn Al Cook ist Wiener und hat dennoch den Blues
in sich, auch wenn er nie in den USA gewesen ist. Aber Amerika war sehr oft bei ihm. Er hat sehr viele Blues-Originale, die
er sehr verehrt hat, in Wien kennengelernt, und mit Ihnen gemeinsam im Wiener Jazzland gespielt.
RAINER FRIMMEL: Es ist eine Leidenschaft verbunden mit einer absoluten Kompromisslosigkeit und aber auch in Verbindung mit einem außergewöhnlichen
Talent. Wenn diese drei Faktoren zusammenspielen, dann kommen Persönlichkeiten wie Al Cook heraus. Er hatte sogar ein Angebot,
in Eric Claptons Band als Gitarrist zuspielen. Er hat das abgelehnt, weil ihm Claptons Blues zu wenig authentisch war.
Wenn etwas seine Leidenschaft dokumentiert, dann sind es seine Sammlungen u.a. zu Elvis, die Objekte, die ein kleines Museum
füllen könnten. Stammt hier alles aus seinen eigenen Sammlungen?
TIZZA COVI: Wir zeigen nur Gegenstände, die es tatsächlich bei ihm gibt. Den 8-mm-Filmprojektor, die Platten, die VHS-Kassetten, seine
Elvis-Sammlung.
RAINER FRIMMEL: Wenn er etwas macht, dann macht er es mit Konsequenz. Zu Elvis hat er alles gesammelt, was in den fünfziger und sechziger
Jahren veröffentlicht wurde.
Objekte sind in diesem Film ein zentrales Element der Bildsprache, die Sie oft im Close-up festhalten. Es gibt Szenen mit
Kerzenlicht oder sehr wenig Licht im Kellerstudio. Welche Überlegungen gab es zur Bildgestaltung?
TIZZA COVI: Wir haben uns mit der Frage beschäftigt wie man Einsamkeit und Verlust zeigen kann? Rainer hat mit unserem Assistenten Lennart
Hüper eine Bildsprache entwickelt, die in durchkomponierten, fixen Einstellungen auch vieles über Details erzählt.
RAINER FRIMMEL: Diese Bildsprache hat auch etwas mit unserer Liebe zu Details zu tun, Haptik ist ja auch etwas, was am Verschwinden ist. Wir
leben ja in einer Zeit, wo man Musik oder Fotos zumeist nur noch digital besitzt. Erinnerung kann man aber am besten durch
Objekte, die man angreifen kann, transportieren. Al geht oft in seine Wohnung und schaut sich Bilder oder Objekte seiner Sammlung
an. Jedes Ding löst Erinnerungsströme aus, er ist jemand, der sehr viel in der Erinnerung lebt. Was das Licht betrifft, sind
wir unserem Grundsatz treu geblieben, so viel wie möglich mit natürlichem und vorhandenem Licht zu arbeiten; Lennart hat uns
sehr dabei unterstützt, zusätzlich ein ganz dezentes Licht zu setzen. Es hat mir viel Spaß gemacht, ohne zu großem Zeitdruck
an den statischen Bildern zu arbeiten. In der bisherigen Kameraarbeit musste ich immer innerhalb von ein paar Minuten etwas
umsetzen, weil wir sehr dokumentarisch arbeiten. Diesmal hat es Zeit gegeben, an einem Bild zu arbeiten, das Licht zu setzen,
den Ausschnitt zu wählen, das war für mich eine sehr schöne Arbeit.
Wie sind im chronologischen Drehen die weiteren Figuren zur Erzählung dazu gekommen?
TIZZA COVI: Es sind eher Figuren weggefallen als dazugekommen, denn beim Drehen merkt man meistens, dass man gar nicht so viele Personen
und Dialoge, wie man beim Schreiben noch als absolut notwendig empfunden hat, benötigt.
RAINER FRIMMEL: Einiges verändert sich immer im Laufe der Dreharbeiten, aber wir wussten, welche Figuren wichtig sind, und die haben wir in
unserem und Al Cooks Umfeld gesucht.
Ging es dabei auch um einen humorvollen und liebevollen Blick auf die Menschen dieser Stadt?
TIZZA COVI: Für mich ist das Allerwichtigste in der filmischen Arbeit, in Dramen Humor einfließen zu lassen, Menschen mit Humor zu betrachten.
Je älter ich werde, desto mehr leide ich an Filmen, in denen ich nicht einmal schmunzeln kann. Wir legen es dabei nie auf
Komik an, sondern wir arbeiten mit Menschen, die diese Komik in sich haben; die Situationskomik entsteht dadurch, dass die
Dinge nicht geprobt und nicht durchgeschrieben sind. Der liebevoll gemeinte Blick auf uns Menschen ist unser Lebenselixier.
Wie war es letztlich, mit einer Hauptfigur zu drehen, die Vieles unter Kontrolle haben wollte?
TIZZA COVI: Al hat sich viel Zeit genommen, um über die verschiedenen Szenen zu sprechen und um sich auf uns einzulassen und er war in
Bezug auf seine Privatsphäre sehr großzügig mit uns – wir durften in seiner Wohnung und in seinem Kellerstudio drehen.
RAINER FRIMMEL: Für ihn war es sehr schwer, etwas aus der Hand zu geben, ohne genau zu verstehen, wie der Film letztendlich ausschauen wird.
Al Cook hätte am liebsten einen biografischen Film über sich gemacht. Das entsprach aber nicht unseren Vorstellungen. Trotzdem
erfährt man genügend von seiner Biografie, wenn auch nicht auf eine direkte Art und Weise.
Visuell kann man in Ihren Filmen immer wieder kleine Referenzen zu anderen Arbeiten erkennen, ich denke an Al, der sich vor
Spiegel anzieht und dabei an Kurt Girk erinnert
TIZZA COVI: Was alle unsere Filme miteinander verbindet, ist unser vollständiges Einlassen auf eine Persönlichkeit. Im Fall von Al Cook
spielt sein Äußeres eine große Rolle: für ihn ist es sehr wichtig, dass seine Frisur sitzt, dass er perfekt im Stile der fünfziger
Jahre angezogen ist, einer Zeit, mit deren Ende auch seine Welt aufhört.
RAINER FRIMMEL: Wir können unsere Vorlieben nicht leugnen, zum Beispiel unsere Liebe zum Super-8-mm-Film. Wir stellen die Frage, was Fotografie
und Film mit Erinnerung machen. Wie wird Al reagieren, wenn er sich selbst auf alten Filmen sieht? Vieles passiert bei ihm
in seiner Mimik. Sein Gesicht allein erzählt viel. Das ist für mich etwas, das Film ausmacht, wenn man ohne viele Worte, allein
über Bilder arbeiten und Emotionen erzeugen kann.
TIZZA COVI: Für einen Film, der mit wenig Dialog auskommen will, braucht man eine sehr charismatische Person. Und Al hat ein unglaubliches
Charisma.
Wie seid ihr für diesen Film mit der Musikauswahl umgegangen?
TIZZA COVI: Natürlich haben wir zunächst Al gefragt, welche Songs er gerne im Film haben würde, und daraus haben wir dann eine Auswahl
getroffen. The Loneliest Man in Town, sein größter Hit, ist auch titelgebend für den Film geworden, dann sind noch u.a. Lonnie
Johnson, Bertha Chippie Hill, und Robert Johnson dabei.
RAINER FRIMMEL: Und einen Song hat er eigens für den Film geschrieben, jenen, den er in der Szene im Keller aufnimmt: „If I had money just
like Henry Ford.“
Gegen Ende hat der Film sehr starke Momente, indem sich schrittweise eine Leere in der Wohnung ausbreitet. Wie ist sie entstanden?
TIZZA COVI: Wir haben wie immer versucht, chronologisch zu drehen und deshalb die Dinge, die er verkauft, Schritt für Schritt entfernt.
Die zunehmende Leere war auch für uns ein emotionaler und überraschender Moment. Festgeschrieben im Drehbuch war allerdings,
dass Al den Plattenspieler nicht verkaufen wird, um vor dem Verlassen der Wohnung noch eine Platte zu spielen
RAINER FRIMMEL: Wenn man weiß, wie sehr Al an den Dingen hängt, die er sein Leben lang gesammelt hat, dann ist es umso berührender, wenn man
mit ihm in einem leeren Raum steht, und nicht wirklich weiß, wie es in seinem Leben weitergehen wird.
Es ist aber keine wirklich traurige Situation. Es gibt ja zweierlei Hoffnung: zum einen leben viele Dinge weiter, die er an
Menschen einer jüngeren Generation verkauft hat, zum anderen besteht immer noch die Möglichkeit, dass er seinen Traum doch
noch leben wird. Sein Leben scheint mir ein unerfüllter und erfüllter Traum zugleich zu sein?
TIZZA COVI: Das ist ein sehr schöner Gedanke. Wir haben es offengelassen, weil wir selbst nicht wussten, wie er sich entscheiden würde.
RAINER FRIMMEL: Seine wichtigsten Erinnerungen nimmt er mit.
TIZZA COVI: Es ist eine Konstante bei unseren Protagonist:innen, da ergibt sich auch eine Parallele zu Vera oder zu Walter im Der Glanz
des Tages, oder zu Tairo in Mister Universo, es sind ProtagonistInnen, die nie aufgeben. Zum mutigen Menschsein gehört es
dazu, dass man immer versucht, das Beste daraus zu machen und einen Schritt weiterzugehen, auch wenn es nicht leichtfällt.
Interview: Karin Schiefer
Dezember 2025





